Die linke und rechte tageszeitung Pro & Contra Polizeigewalt

Die taz dreht mal wieder frei. Zu einem Video, das unnötige Polizeigewalt bei einer unnötigen Verhaftung vom letzten Samstag dokumentiert (übrigens keineswegs ein Einzelfall an diesem Tag, wie ich aus hundertprozentig zuverlässiger Quelle weiß), veranstaltet die taz ein Pro & Contra! Gratulation, auf eine so irre Idee muss man erst mal kommen.

Was habt ihr als Nächstes vor? Pro & Contra Massenarbeitslosigkeit? Pro & Contra Ausländerhass? Pro & Contra Hirntumor?

Ihr seid wirklich nicht mehr ernst zu nehmen.

Die Reise — Teil 1

12.01.2011
Nach der Busfahrt zum Praia 15 herumgeirrt, Umwege gemacht, durch verfallende, klassizistische Kolonialfassaden den durchbrechenden Urwald fotografiert. Hilflos nach dem Weg gefragt. Schlussendlich alles gefunden, spotbillige Karten für die Fähre nach Niteroi gekauft, um in Niemeyers Museum für zeitgenössische Kunst zu gehen. In der Sonne ca. 38°C. Von gestern kein Kater mehr zu spüren, trotz des späten Ingwer-Cachacas in Lapa, einem riesigen, für europäische Verhältnisse absolut unvorstellbar heterogen gefüllten Partyviertel. Erhebliches Gentrifizierungspotential gesehen, das bei der WM 2014 wohl oder übel geweckt werden wird. Als wir nach einigem sinnlosen Rumgelaufe und Eindruckgesammele noch ein letztes Bier tranken, ist mir erst der Straßenfestcharakter des Stadtteils bewusst geworden. Auf dem Rückweg zum Taxi, halb durch Cachaca, halb durch die entgegen wogenden, knapp bekleideten Leiber den tropischen Lebenssinn vielleicht zum ersten Mal erahnt.

Balibar und die Idee des Kommunismus

Vorhin habe ich einen Vortrag von Etienne Balibar gehört. Es ging um Theater, Ästhetik und Louis Althussers Ideologietheorie. Der Vortrag war nicht uninteressant, aber insgesamt hat sich schon mein Eindruck verstärkt, dass Balibar von den großen Althusser-Schülern (die anderen beiden heute noch weithin bekannten sind Jacques Rancière und Alain Badiou) zwar der sympathischste, aber auch der orthodoxeste  - und langweiligste ist.

Ein schönes Zitat habe ich allerdings bei ihm gefunden, das ich gerne mit der geneigten (imaginären) Leserschaft teilen möchte:

Es besteht kein Zweifel, dass in Althussers Augen «Kommunismus» immer der (Eigen-) Name für Befreiung war, und zwar in Bezug auf jegliche Ausbeutung und Unterdrückung, und dass er fortan eindeutig die Gesamtbewegung bezeichnet, zu der sämtliche Formen des Kampfes für Freiheit und Brüderlichkeit in unseren Gesellschaftsformen (einschließlich der «sozialistischen» Gesellschaftsformen) beitragen.

Die Rede von der «Brüderlichkeit» ist zwar ein genderblinder Anachronismus, und zweifelhaft ist auch die Rhetorik der Unzweifelhaftigkeit — Balibar hat generell die Tendenz Althusser aufzuhübschen -, aber der Gedanke gefällt mir gut.

Etienne Balibar, Für Althusser, Mainz: Decaton/Edition Bronski 1994, S. 59.