plinks kw 30/17 Kommentar zum Kartell

Wenn Autoanzünder Terroristen sind, weil sie Menschen töten könnten, warum sind Autobauer, die Menschen töten, dann keine Terroristen?

http://taz.de/Kommentar-Zukunft-der-Autoindustrie/!5429102/

Jahresbilanz 2016

Mal wieder stehen uns die letzten Stunden eines Jahres bevor, Zeit es kurz Revue passieren zu lassen. Wie immer geschieht das hier vor allem anhand meines Medien-/Kultur-Konsums. Persönlich fand ich 2016 eher besser als 2015, aber politisch hat sich eine Katastrophe an die andere gereiht. Also schnell weiter zu den schönen Dingen:

Neuere (im Kino gesehene) Filme
American Honey (Andrea Arnold, UK/USA 2016)
Toni Erdmann (Maren Ade, D/Ö 2016)
Rak ti Khon Kaen (Cemetry of Splendor, Apichatpong Weerasethakul, THAI et al. 2015)
The Big Short (Adam McKay, USA 2015)
Comoara (Der Schatz, Corneliu Porumboiu, ROM/F 2015)
Ji-geum-eun-mat-go-geu-ddae-neun-teul-li-d (Right Now, Wrong Then (Hong Sang-soo, KOR 2015)
Les sauteurs (Abou Bakar Sidibé, Estephan Wagner & Moritz Siebert, DK 2016)
Nie yin niang (The Assassin, Hou Hsiao-hsien, TW/CN/HK/F 2015)
Elle (Paul Verhoeven, F/D/B 2016)
L’avenir (Mia Hansen-Løve, F/D 2016)
Hrútar (Rams/Sture Böcke, ICL/DK/NOR/POL 2015)
L’ombre des femmes (Philippe Garrel, F/CH 2015)
Everybody Wants Some!! (Richard Linklater, USA 2016)

Ältere (im Kino gesehene)
Kôchiyama Sôshun (Priest of Darkness, Yamanaka Sadao, J 1936)
Tabiate bijan (Still Life, Sohrab Shahid Saless, IRAN 1974)
Karla (Hermann Zschoche, DDR 1966/1990)
Takový je zivot / So ist das Leben (Carl Junghans, Tsch/D 1929)
Yoru no kawa (Night River, Yoshimura Kozaburo, J 1956)
Oblomok Imperii (Trümmer des Imperiums/Der Mann, der sein Gedächtnis verlor, Fridrikh Ermler, SU 1929)
Laughter in Hell (Edward L. Cahn, USA 1933)
Utopia (Sohrab Shahid Saless, BRD 1983)
Cry of the City (Robert Siodmak, USA 1948)
A Woman of the World (Malcom St. Clair, USA 1925)

Platten
PJ Harvey – The Hope Six Demolition Project (2016)
V.A. – American Honey (OST) (2016)
Nicholas Jaar – Sirens (2016)
Gold Panda – Good Luck and Do Your Best (2016)
Romare – Love Songs: Part Two (2016)
Frank Ocean – Blonde (2016)
Jaako Eino Kalevi – (2015)
M. Rux – Edits & Cuts (2014)
A Tribe Called Quest – We got it from Here… Thank You 4 Your Service (2016)
Weval – Weval (2016)
Nick Cave & the Bad Seeds – Skeleton Tree (2016)
Leonard Cohen – You Want it Darker (2016)

Bücher
Puschkin – Jewgeni Onegin
César Aira – Eine Episode im Leben des Reisemalers
César Aira – Duchamp in Mexiko
Lermontov – Ein Held unserer Zeit
Puschkin – Die Hauptmannstochter
Manuel Vázquez Montalban – Das Quartett
Georg Lukács – Die Theorie des Romans
Puschkin – Petersburger Geschichten
Rolf-Dietrich Keil – Alexander Puschkin. Ein Dichterleben
Didier Eribon – Rückkehr nach Reims
Walter Serner – Der elfte Finger (Fünfundzwanzig Kriminalgeschichten)
Daniel Kehlmann – Du hättest gehen sollen
Teju Cole – Open City
Emily Brontë – Wuthering Heights
Justin Torres – We the Animals
Jane Austen – Pride and Prejudice
Philipp Felsch – Der lange Sommer der Theorie
Manuel Vázquez Montalban – Die tätowierte Leiche
Hermann Amborn – Das Recht als Hort der Anarchie
Helmut Lethen – Verhaltenslehren der Kälte
David Van Reybrouck – Gegen Wahlen
Gogol – Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen
Shakespeare – Die Fremden [Fragment]
Puschkin – Romanfragmente (Der Mohr Peters des Großen & Dubrovskij)
Henri Bergson – Das Lachen
Gogol (Hg. Peter Urban) – Gogols Petersburger Jahre [Briefwechsel mit Puschkin]
Frank Günther – Unser Shakespeare

Jean-Christophe Victor (1947–2016)

Gestern ist auch noch Jean-Christophe Victor gestorben, der in seiner Sendung “Mit offenen Karten” auf arte immer diese interessanten Entdröselungen geopolitischer Zusammenhänge vorgenommen hat. Er wird uns fehlen.

Unausgegorene Gedanken zu Twelve-Nineteen Unfall oder Unfall?

Am Sonntagabend (18. Dezember) habe ich mit einem guten Freund eine lange Diskussion über die Frage individueller Schuld geführt. Dabei habe ich (mehr oder weniger ad hoc) meine These in der Formulierung zugespitzt, dass ich delinquente Akte – von Taschendiebstahl bis Mord – sämtlich als gesellschaftliche Unfälle betrachten würde. Am Montagabend (19. Dezember) stand dann die Frage „Unfall oder Anschlag?“ im Raum. Ziemlich schnell war offensichtlich, dass es sich um letzteres, einen Anschlag, also keinen Unfall handelte.

Mein Argument basiert auf einem konsequenten Determinismus. Willensfreiheit halte ich für eine Chimäre. Jeder Willensakt (und damit in der Folge jede intendierte Tat) ist das Ergebnis eines Komplexes aus kausalen Faktoren (biologischer, psychologischer und soziologischer, vielleicht sogar meteorologischer Natur). Einzelne Straftaten sind entsprechend Resultat einer komplexen Geschichte. Die Zurechnung auf einen Täter ist eine Reduktion dieser Geschichte auf ein imaginäres Agens, eine ausgesprochen unfaire Zurechnung, wie ich finde, da damit die Schuld unausgewogen auf einer Person gebündelt wird, während sie doch einem ganzen Haufen von (mehr oder weniger stark) Beteiligten zugeschrieben werden müsste. Daher halte ich individuelle Bestrafung für ungerecht. Richtiger wäre es, die sozialen Bedingungen so zu gestalten, dass entsprechende Taten unwahrscheinlicher und daher seltener werden.

Mit anderen Worten könnten wir Unfälle (verstanden als negativ bewertete, nicht intendierte Handlungsfolge) und Verbrechen (intendierte Taten) gleichbehandeln – selbst dann, wenn wir den kategorialen Unterschied anerkennen –, nämlich in beiden Fällen versuchen dafür zu sorgen, dass die Bedingungen derart sind, dass sie weniger häufig (oder weniger heftig) vorkommen.

Interessanterweise passiert genau das bereits. Zwar fahndet die Polizei nach dem/den individuellen Täter/n. Gleichzeitig läuft aber die öffentliche Diskussion so, dass vor allem nach wirkungsvollen Präventionsmaßnahmen gesucht wird: Wie können wir verhindern, dass sich junge Menschen dem Islamismus anschließen? Wie können wir verhindern, dass sich Islamisten radikalisieren? Wie können wir verhindern, dass radikale Islamisten an Waffen gelangen und Anschläge planen? Wie können wir öffentliche Orte so ausstatten, dass sie weniger Angriffsfläche für Anschläge bieten?

Wo die Debatte so geführt wird, wird sie in meinem Sinne geführt, wird sie so geführt, wie sie meines Erachtens geführt werden sollte. Das schließt allerdings ein, wie ich zugeben muss, dass die individuellen Täter dingfest gemacht werden sollten, schon allein weil sie in ihrem radikalisierten Zustand eine Gefahr weiterer Anschläge darstellen. Hier ist die gesellschaftliche (und anderweitige) Komplexität doch ziemlich deutlich in einigen Personen gebündelt, die Reduktion der Komplexität also in gewissem Maße sinnvoll.

Trump und die Folgen (2) Bannon und sein fünfzigjähriges Reich

Steve Bannon ist eine einigermaßen faszinierende Figur. Ein Halbintellektueller mit Geschichtsbewusstsein und genauem Gespür für Stimmungen in breiten Bevölkerungskreisen. Ein Stratege und bekennender Nationalist und Populist. Einer, für den die letztgenannten Etiketten nicht etwa diffamierend sind, sondern Elemente der Selbstverortung im politischen Koordinatensystem:

 I’m a nationalist. An economic nationalist.

In meinem letzten Beitrag habe ich den Teufel an die Wand gemalt. Das erste und oberste Ziel der Wirtschaftspolitik der Trump-Administration wird sein, habe ich geschrieben, sich die Unterstützung einer Mehrheit der Bevölkerung zu sichern, indem sie durch entsprechende Infrastrukturprojekte Arbeitsplätze schafft. Dazu muss man nicht lange in die Glaskugel gucken, es ist ein sehr simples Kalkül. Und den Teufel muss man auch nicht mehr malen, er ist so nett, direkt zu uns zu sprechen:

Like [Andrew] Jackson’s populism, we’re going to build an entirely new political movement. It’s everything related to jobs. The conservatives are going to go crazy. I’m the guy pushing a trillion-dollar infrastructure plan. With negative interest rates throughout the world, it’s the greatest opportunity to rebuild everything. Ship yards, iron works, get them all jacked up. We’re just going to throw it up against the wall and see if it sticks. It will be as exciting as the 1930s, greater than the Reagan revolution — conservatives, plus populists, in an economic nationalist movement.

Sowohl Jackson als auch Roosevelt (der hier indirekt mit den 1930ern, dem New Deal, angesprochen ist), waren Democrats, Jackson Gründer der Partei. Sich auf ihn zu berufen ist in den heutigen USA schon deswegen ungewöhnlich, weil Jackson in seiner Amtszeit (1829–37) unter anderem für die Vertreibung und Vernichtung von fünf der größten Eingeborenenstämme in den USA verantwortlich war. Bannon stört das natürlich kaum: Der nationalistische Populismus geht mit Chauvinismus und Rassismus Hand in Hand.

Allerdings weiß Bannon auch, dass die rassistische Karte nunmehr nur noch mit Bedacht gespielt werden darf. Nicht aus humanistischen Skrupeln (sowas ist dem Mann wahrscheinlich nicht nur fremd, sondern richtiggehend zuwider), sondern aufgrund einfacher Arithmetik. Neben einer dauerhaften Unterstützung von 60% der weißen Amerikaner, braucht seine “völlig neue politische Bewegung” auch 40% der Stimmen von Schwarzen und Latinas; der Rassismus muss daher ganz gezielt eingesetzt werden, gegen Illegale beispielsweise. Kern der zuvorderst dem längerfristigen eigenen Machterhalt dienenden Politik wird aber die protektionistische und staatskapitalistische Wirtschaftspolitik sein:

The globalists gutted the American working class and created a middle class in Asia. The issue now is about Americans looking to not get fucked over. If we deliver we’ll get 60 percent of the white vote, and 40 percent of the black and Hispanic vote and we’ll govern for 50 years.

Hier denkt jemand wirklich in historischen Dimensionen. Es geht nicht etwa nur um die erste Amtszeit Trumps und seine Wiederwahl, es geht um ein fünfzigjähriges Reich.

Fraglich ist allerdings, ob die Pläne so aufgehen können. Bannon, ansonsten offenkundig von seiner neuen Macht völlig berauscht, verrät das ja selbst (“see if it sticks”). Es könnte gut sein, dass das alles so einfach nicht ist mit den negativen Zinsraten und dem Billionen-Verschuldungs-Programm. Vielleicht wird das unter der Hand eher ein Hyperinflationsprogramm, eine wahre Entfesselung und Dynamisierung der bislang in Latenz schlummernden strukturellen Krise, eine Beschleunigung der systemischen Selbstdestruktion. Dies ist unser Dilemma: Man weiß momentan nicht, was mehr zu fürchten ist, der Erfolg Bannons und die Perpetuierung seiner neofaschistischen Bewegung oder die Systemimplosion mit dann wohl bis aufs Blut geführten Verteilungskämpfen. Eine wirklich diabolische Situation.

Um dennoch nicht ganz auf der Note “Not oder Elend” zu enden: Dies ist eine Zeit, in der auch wir allerlei Dinge ausprobieren können to see if they stick; eine Zeit, in der wir uns über Vieles klar und klarer werden können, über die Zusammenhänge des politischen und wirtschaftlichen Systems, in dem wir leben zum Beispiel, und über mögliche sowie bereits bestehende und entstehende Alternativen. Und nicht zuletzt auch darüber, dass gelebte Solidarität in progressiven politischen Kämpfen und aktive Teilhabe an linker Gegenkultur zu den schönsten Erfahrungen gehören, die uns dieses Leben zu bieten hat.