Einseitige Berichterstattung

Medienrechtliches Nachspiel in Athen

Die griechische Staatsanwaltschaft und die Athener Journalistengewerkschaft ESIEA haben unabhängig voneinander Ermittlungen gegen die großen privaten Medienunternehmen des Landes aufgenommen. Ihnen wird Parteilichkeit in der Berichterstattung vor dem Referendum am vergangenen Sonntag vorgeworfen.

Hauptkritikpunkt: Im Vorfeld des Referendums sollen die „Nein“-Stimmen in der Berichterstattung deutlich weniger Gewicht erhalten haben als die „Ja“-Stimmen. Das verbietet eigentlich das griechische Wahlgesetz. Wie das Nachrichtenportal „ThePressProject“ schreibt, haben die sechs landesweiten TV-Nachrichtensender insgesamt 8 Minuten und 33 Sekunden von den „Nein“-Protesten berichtet, „Ja“-Demonstrationen seien mit 48 Minuten und 32 Sekunden hingegen überrepräsentiert gewesen.

Nutzung von falschen Bildern, um Angst zu erzeugen

Das spendenfinanzierte Internetprojekt, das sich unter anderem aus vielen Journalisten rekrutiert, die im Zuge der Krise arbeitslos geworden sind, nennt auch konkrete Beispiele für Manipulationen. In einer Reportage im MEGA Channel, Griechenlands größtem Fernsehsender, sei demzufolge behauptet worden, dass die von der Regierung eingeführten Kapitalkontrollen vor den Banken zu kilometerlangen Warteschlangen geführt haben — bebildert mit wartende Menschen in Südafrika, die wohl Jahre zuvor aufgenommen wurden.

«ΟΧI» στην ΕΞΌΝΤΩΣΗ

«ΟΧI» στην ΕΞΌΝΤΩΣΗ — „Nein“ zur Vernichtung. Athen, 29. Juni 2015. (CC-BY-SA janwellman)

Am Wahltag titelten so gut wie alle großen Sonntagszeitungen mit einem großen „Ja“ auf der Titelseite und machten Stimmung gegen die Vorschläge der Regierung. Weiterlesen

Cinema Ritrovato XXIV

Eine schöne Ausgabe des Cinema Ritrovato Festivals geht heute in Bologna zu Ende. Hier meine persönliche Bilanz:

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Jigokumon (Gate of Hell, Kinugasa Teinosuke, J 1953)
Yek ettefagh-e sadeh (A Simple Event, Sohrab Shahid Saless, IRAN 1973)
La noire de… (Ousman Sembène, SEN 1966)
Insiang (Lino Brocka, PHI 1976)
The Milky Way (Leo McCarey, USA 1936)
Shin heike monogatari (New Tales of the Taira Clan, J 1955)
Janken musume (So Young, So Bright, Sugie Toshio, J 1955)
Ruggles of Red Gap (Leo McCarey, USA 1935)
Nella città l’inferno (Renato Castellani, I 1959)
Hana no naka no musumetachi (Girls in the Orchard, Yamamoto Kajirô, J 1953)
The Heroes of Telemark (Anthony Mann, USA 1966)
Woman On The Run (Norman Foster, USA 1950)

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Part Time Wife (Leo McCarey, USA 1930)
Munkbrogreven (Count of the Monks Bridge, SWE 1935)
I sogni nel cassetto (Renato Castellani, I 1957)
Konjiki Yasha (The Golden Demon, J 1954)
Kiss Me Kate [3D] (George Sidney, USA 1953)

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Hotaru no hikari (The Firefly’s Glow, Mori Kazuo, J 1955)
Intermezzo (Gustaf Molander, SWE 1936)
Ejima Ikushima (Oba Hideo, J 1955)
Furusato no uta (Song of Home, Mizoguchi Kenji, J 1925)
Vozvrashchenie Vasiliya Bortnikova (The Return of Vasilij Bortnikov, SU 1953)
La princess aux clowns (André Hugon, F 1924)
The Little White Savage (Paul Powell, USA 1919)

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Shab-e Ghuzi (Night of the Hunchback, Farrokh Ghaffari, IRAN 1965)

Verdeckte Ermittlerin im FSK Wer war verantwortlich für Iris P.?

Eine Polizeibeamtin macht Radio, das über Jahre und keiner will es gewusst haben. Der Fall der Iris P. zeigt, wie sich im Hamburg der 00er Jahre die Polizei von der politischen Kontrolle entkoppelt hatte – die Verletzung der Rundfunkfreiheit und des Presserechts wurden billigend in Kauf genommen.

Nur wenige Meter Luftlinie von der Roten Flora im Hamburger Schanzenviertel entfernt befindet sich der Radiosender „Freies Sender Kombinat“ (FSK). Ein selbstverwaltetes Radio, hauptsächlich durch Spenden finanziert und fest verankert als Inforadio der linksalternativen Szene der Stadt. Dort sitzt Werner Pomrehn in seinem Büro, im Mundwinkel der glühende Stummel einer Selbstgedrehten, vor ihm stapelweise Zeitungen, Bücher und dazwischen ein flimmernder Bildschirm.

Vertrauen wurde zertrümmert

Iris P.

Seit die Radiomacher im vergangenen Jahr die Geschichte der verdeckten Ermittlerin Iris P. öffentlich machten, ist das Thema in der Redaktion allgegenwärtig. Pomrehn hat, wie er sagt, schon unendlich viele Gespräche mit Kollegen geführt. Nicht wenige von ihnen sind beruflich und persönlich tief getroffen:

Jede Kommunikation, jede Arbeitsbeziehung, jedes Vertrauen, aber auch bestimmte Sicherheiten nach außen und dass Leute, die Informationen für uns haben, immer noch wissen, dass sie an der richtigen Adresse sind mit ihren Informationen, das ist alles komplett in Frage gestellt worden; bis dahin, dass es ja auch Freundschaften gab, also tiefere, persönlichere Beziehungen, wo ja für die Betroffenen auch ganz viel Wüste überbleibt. Trümmer.

Dieser Aufbauprozess, so der Redakteur des „Nachmittagsmagazins für subversive Unternehmungen“, dauere immer noch an. Er ist sich sicher, dass die verdeckte Ermittlerin gezielt in den Sender eingeschleust wurde — um das FSK zu kriminalisieren und strukturell zu schwächen. Weiterlesen

Harry Rowohlt (1945-2015) Lieber tot

Lieber hänge ich tot über einem Zaun im Kosovo, als dass ich auch nur eine Sekunde die Grünen unterstütze.

(Harry Rowohlt, bekennender Kommunist, 2005 auf die Frage, ob er die grüne Partei im Wahlkampf unterstützen wolle)