Abbas Kiarostami gestorben

Selten war ich so schockiert von der Todesnachricht eines mir teuren Regisseurs wie gerade eben jetzt. Für mich einer der besten Filmemacher der letzten 40 Jahre. (Auch wenn ich seine letzten beiden Werke weniger mochte.)

Wir verdanken ihm einige Höhepunkte der jüngeren Filmgeschichte wie

Khane-ye doust kodjast? (Where is the Friend’s House?, IRAN 1987)
Nema-ye Nazdik (Close-Up, IRAN 1990)
Zire darakhatan zeyton (Through the Olive Trees, IRAN 1994).

Aber viele andere, ältere wie auch jüngere Filme von ihm sind auch ganz toll.

Bologna 2016 – Cinema Ritrovato

Eine schöne Bologna-Woche mit durchschnittlich drei Filmen am Tag (vorbei der Exzess alter Zeiten) ist gestern zu ende gegangen. Hier meine persönliche Bilanz mit Sternchen, zum ausführlichen Schreiben bin ich mal wieder zu faul und es ist Sommer…

 

***** A Woman of the World (Malcom St. Clair, USA 1925)

***** Laughter in Hell (Edward L. Cahn, USA 1933)

***** Takový je zivot / So ist das Leben (Carl Junghans, Tsch/D 1929)

***** Yoru no kawa (Night River, Yoshimura Kozaburo, J 1956)

***** Karumen kokyo ni kaeku (Kinoshita Keiskuke, J 1951)

***** A House Divided (William Wyler, USA 1931)

***** Jazz Musume Tanjo (A Jazz Girl is Born, Sunohara Masashisa, J 1957)

 

**** New Tales of the Taira Clan (Kenji Mizoguchi, J 1955)

**** Dora Nelson (Mario Soldati, I 1939)

**** Goupi mains rouges (Jacques Becker, F 1953)

**** Kiiroi Karasu (The Yellow Crow, J 1957)

**** Back Street (John M. Stahl, USA 1932)

**** Cetvero (The Four, Vasilij Ordynskij, SU 1957)

**** Remember Last Night? (James Whale, USA 1935)

**** Flesh and the Devil (Clarence Brown, USA 1926)

**** Cœur fidèle (Jean Epstein, F 1923)

 

*** The Good Fairy (William Wyler, USA 1935)

*** Her Man (Tay Garnett, USA 1930)

*** Balettprimadonnen (Mauritz Stiller, SWE 1916)

 

** Broadway (Paul Fejos, USA 1929)

** Senninbari (J 1937)

 

Erdogan ./. Böhmermann Merkels Entscheidung: machtpolitisch ungewohnt dämlich

Seltsam nervös und kurzatmig wirkte sie heute bei diesem denkwürdigen Pressetermin im Kanzleramt: Für Erdogan und gegen Böhmermann! Ihre Begründung ist zunächst sogar unerwartet konsequent. Ohne ihre Argumente teilen zu müssen, erscheinen sie auf den ersten Blick fast nachvollziehbar: von wegen Gewaltenteilung, Gesetz wird überarbeitet und dann auch noch ein paar deutliche Worte in Richtung Ankara. Doch wenn der Glanz des gespindoctoreden Manuskripts erst einmal verflogen ist – Merkels Entscheidung sieht machtpolitisch sogar ungewohnt dämlich aus.

§ 104a StGB gibt der Regierung die äußerst seltene Gelegenheit, darüber zu entscheiden, ob auf ein Strafverlangen einer ausländischen Regierung auch eine Strafverfolgung eingeleitet werden soll. Es handelt sich um eine politische Entscheidung über einen strafrechtlichen Vorgang, die für diesen sogar ausdrücklich nötig ist. 

Ein Votum *für* eine Strafverfolgung ist damit – anders als Merkel es darstellt – selbstverständlich per se eine Beeinflussung der Justiz. Wie heißt es so schön: Wo kein Kläger, da kein Richter. Wo keine Regierungsentscheidung, da kein Verfahren! Die Einmischung ist dem Paragraphen sozusagen immanent. Nochmal: Zu sagen, man überlasse die Entscheidung der Justiz, ist bereits eine juristisch relevante Entscheidung. Streng genommen spricht der Paragraph sogar nicht einmal davon, dass sich die Regierung überhaupt für oder gegen irgend etwas entscheiden muss. Merkel hätte die Entscheidung sogar aussitzen können. Indem sie sich aber so entscheidet, wie sie es getan hat, vergibt sie gleichzeitig die Chance, sich innenpolitisch demonstrativ im Sinne ihrer Wähler und Bürger zu positionieren: pro Meinungsfreiheit, pro Satirefreiheit, pro Pressefreiheit. Art. 5 GG – wenn Rechtsanwälte ein Lieblingsgrundrecht wählen sollen, nicht selten ist es dieser Artikel. Merkel lässt den Trumpf links liegen und überlässt ihn SPD und Opposition. Warum nur?

Als Merkel sich das letzte Mal – ohne Trippelschritt und Rumgemerkel – tatsächlich aus Überzeugung zu etwas bekannt hat (“Wir schaffen das!”), ist sie damit ziemlich hart gelandet. Klar hat sie von der politischen Linken Beifall dafür bekommen, aber die wählt eben nicht die CDU, wie man bei den letzten Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt sehen konnte – egal wie flüchtlingsfreundlich, homophil oder fortschrittlich sich die Partei mal wieder gibt. Wem will sie also diesmal imponieren?

Allein zur außenpolitischen Agenda passt Merkels Entscheidung. Der Türkei-Deal bleibt ungefährdet und sie muss sich vor keinem Erdogan wegen vermeintlicher politischen Einflussnahme in den Rechtsstaat rechtfertigen – alles unabhängig hierzulande und in seinem Sinne. Erpressbar, wie manche Beobachter meinen, macht sie sich dadurch nicht. Im Gegenteil: Für potentiell flüchtlingsdealfähige Despoten ist Merkel berechenbarer und attraktiver geworden. Die Mauer um Europa kann also weiter hochgezogen werden. Die Sache hat allerdings einen entscheidenden Denkfehler. Wenn Merkel glaubt, jetzt wieder am rechten Rand punkten zu können – und darum geht es doch der Machtpolitikerin in ihr langfristig immer – täuscht sie sich. Die sehen die Böhmi-Entscheidung nur als einen weiteren Beweis für Merkels Verrat an ihrem geliebten Schland. Hier Boden gut zu machen – und das wäre an dieser Stelle tatsächlich möglich gewesen – hat sie verpasst. Es scheint, als ob Merkel ihr politischer Instinkt flüchten gegangen ist.

Auswertung Berlinale 2016

Woran liegt es eigentlich, dass ich von Jahr zu Jahr weniger Filme auf der Berlinale gucke? Hhmm, mal den Herrn Kosslick und seine Auswahlkomitees fragen. Auch die Retrospektive fand ich in diesem Jahr weniger interessant als in den letzten. Mir zu deutsch vom Schwerpunkt. Ich weiß nicht, was dieses Festhalten am diskursiven Rahmen des Nationalen soll, auch wenn unbestritten einige sehr interessante Filme in DDR und BRD produziert wurden in den Jahren 1965/66.

Also schnell das Ganze abhaken, mit Sternchen:

 

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Les sauteurs (Abou Bakar Sidibé, Estephan Wagner & Moritz Siebert, DK 2016)

In the Last Days of the City (Tamer El Said, ÄGY 2016)

Karla (Hermann Zschoche, DDR 1966/1990)

Es genügt nicht, 18 zu sein (Kurt Tetzlaff, DDR 1966)

Tokyo Cabbageman K (Ogata Akira, J 1980)

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Tempestad (Tatiana Huezo, MEX 2016)

Homo Sapiens (Nikolaus Geyrhalter, Ö/D/CH 2016)

Die Reise nach Sundevit (Heiner Carow, DDR 1966)

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I am Siono Sono!! (Sion Sono, J 1986)

Havarie (Philipp Scheffner, D/F 2016)

Mahlzeiten (Edgar Reitz, D 1967)

Midnight Special (Jeff Nichols, USA 2016)

Short Stay (Ted Fendt, USA 2015)

Der Brief (Vlado Kristl, BRD 1966)

Preis der Freiheit (Egon Monk, DDR 1966)

Cartas da Guerra (Ivo M. Ferreira, PT 2016)

Kopfstand, Madame (Christian Rischert, D 1967)

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Ilegitim (Adrian Sitaru, ROM 2016)

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Boris sans Béatrice (Denis Coté, CAN 2016)