1989/90

Heute ist ein sehr schön­er Text von Ingo Schulze in der SZ über den “Beitritt der DDR zur BRD” und einiges, was da schief lief (einiges, längst nicht alles — Büch­er warten drauf, darüber vollgeschrieben zu wer­den).

Eigentlich müsste man den ganzen Text zitieren, ich tre­ffe ein­fach mal eine willkür­liche Auswahl:

Was gebraucht wurde, war eine Über­gangszeit. Aber dazu fehlte dem Regierungslager der poli­tis­che Wille. Es war leichter, eine Bevölkerung, die Man­gel­wirtschaft erlebt hat­te, zum Luxus zu überre­den und ihr zu Beginn der großen Ferien auch noch die D-Mark eins zu eins auszuzahlen, bei Erspar­nissen über 4000 Mark dann eins zu zwei. Und das Gros der DDR-Bevölkerung war nur zu bere­it, an den Wei­h­nachts­mann zu glauben, obwohl jede und jed­er wis­sen kon­nte, dass der eigene Betrieb nicht plöt­zlich D-Mark zahlen kon­nte, dass er inner­halb weniger Wochen oder Monate zusam­men­brechen würde.

Öfters wurde ich in den let­zten Jahren gefragt: “Sind Sie im West­en angekom­men?” Ich frage jet­zt nur noch zurück: Welchen West­en meinen Sie? Den von 1989 oder den von 1999 oder den von heute? Meinen Sie den rheinis­chen Kap­i­tal­is­mus oder den reinen?
Wie wäre es gewe­sen, wenn wir nach dem Mauer­fall auf Hartz-IV-Empfänger gestoßen wären oder auf Ein-D-Mark-Job­ber? Oder wir hät­ten einem Anr­ufant­beant­worter zuge­hört, der sagt: “Sind Sie pri­vat ver­sichert, drück­en Sie die Eins, alle anderen drück­en bitte die Zwei.”

Was ich nicht ertrage, ist die Selb­st­gewis­sheit der “Sieger der Geschichte”, ihre Arro­ganz, mit der sie meinen, jen­seits der Argu­mente, jen­seits der Diskus­sio­nen zu ste­hen, jen­seits der Forderung zu han­deln. Der Hochmut gegenüber dem Leben in der DDR ließe sich ver­schmerzen, wäre nicht sein heutiges Spiegel­bild so krim­inell. Die Selb­st­gewis­sheit, die darin liegt, dass es nur eines besseren Man­age­ments bedarf, wird uns nicht ret­ten.
 

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