Jahresbilanz 2016

Mal wieder stehen uns die letzten Stunden eines Jahres bevor, Zeit es kurz Revue passieren zu lassen. Wie immer geschieht das hier vor allem anhand meines Medien-/Kultur-Konsums. Persönlich fand ich 2016 eher besser als 2015, aber politisch hat sich eine Katastrophe an die andere gereiht. Also schnell weiter zu den schönen Dingen:

Neuere (im Kino gesehene) Filme
American Honey (Andrea Arnold, UK/USA 2016)
Toni Erdmann (Maren Ade, D/Ö 2016)
Rak ti Khon Kaen (Cemetry of Splendor, Apichatpong Weerasethakul, THAI et al. 2015)
The Big Short (Adam McKay, USA 2015)
Comoara (Der Schatz, Corneliu Porumboiu, ROM/F 2015)
Ji-geum-eun-mat-go-geu-ddae-neun-teul-li-d (Right Now, Wrong Then (Hong Sang-soo, KOR 2015)
Les sauteurs (Abou Bakar Sidibé, Estephan Wagner & Moritz Siebert, DK 2016)
Nie yin niang (The Assassin, Hou Hsiao-hsien, TW/CN/HK/F 2015)
Elle (Paul Verhoeven, F/D/B 2016)
L’avenir (Mia Hansen-Løve, F/D 2016)
Hrútar (Rams/Sture Böcke, ICL/DK/NOR/POL 2015)
L’ombre des femmes (Philippe Garrel, F/CH 2015)
Everybody Wants Some!! (Richard Linklater, USA 2016)

Ältere (im Kino gesehene)
Kôchiyama Sôshun (Priest of Darkness, Yamanaka Sadao, J 1936)
Tabiate bijan (Still Life, Sohrab Shahid Saless, IRAN 1974)
Karla (Hermann Zschoche, DDR 1966/1990)
Takový je zivot / So ist das Leben (Carl Junghans, Tsch/D 1929)
Yoru no kawa (Night River, Yoshimura Kozaburo, J 1956)
Oblomok Imperii (Trümmer des Imperiums/Der Mann, der sein Gedächtnis verlor, Fridrikh Ermler, SU 1929)
Laughter in Hell (Edward L. Cahn, USA 1933)
Utopia (Sohrab Shahid Saless, BRD 1983)
Cry of the City (Robert Siodmak, USA 1948)
A Woman of the World (Malcom St. Clair, USA 1925)

Platten
PJ Harvey – The Hope Six Demolition Project (2016)
V.A. – American Honey (OST) (2016)
Nicholas Jaar – Sirens (2016)
Gold Panda – Good Luck and Do Your Best (2016)
Romare – Love Songs: Part Two (2016)
Frank Ocean – Blonde (2016)
Jaako Eino Kalevi – (2015)
M. Rux – Edits & Cuts (2014)
A Tribe Called Quest – We got it from Here… Thank You 4 Your Service (2016)
Weval – Weval (2016)
Nick Cave & the Bad Seeds – Skeleton Tree (2016)
Leonard Cohen – You Want it Darker (2016)

Bücher
Puschkin – Jewgeni Onegin
César Aira – Eine Episode im Leben des Reisemalers
César Aira – Duchamp in Mexiko
Lermontov – Ein Held unserer Zeit
Puschkin – Die Hauptmannstochter
Manuel Vázquez Montalban – Das Quartett
Georg Lukács – Die Theorie des Romans
Puschkin – Petersburger Geschichten
Rolf-Dietrich Keil – Alexander Puschkin. Ein Dichterleben
Didier Eribon – Rückkehr nach Reims
Walter Serner – Der elfte Finger (Fünfundzwanzig Kriminalgeschichten)
Daniel Kehlmann – Du hättest gehen sollen
Teju Cole – Open City
Emily Brontë – Wuthering Heights
Justin Torres – We the Animals
Jane Austen – Pride and Prejudice
Philipp Felsch – Der lange Sommer der Theorie
Manuel Vázquez Montalban – Die tätowierte Leiche
Hermann Amborn – Das Recht als Hort der Anarchie
Helmut Lethen – Verhaltenslehren der Kälte
David Van Reybrouck – Gegen Wahlen
Gogol – Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen
Shakespeare – Die Fremden [Fragment]
Puschkin – Romanfragmente (Der Mohr Peters des Großen & Dubrovskij)
Henri Bergson – Das Lachen
Gogol (Hg. Peter Urban) – Gogols Petersburger Jahre [Briefwechsel mit Puschkin]
Frank Günther – Unser Shakespeare

Jean-Christophe Victor (1947–2016)

Gestern ist auch noch Jean-Christophe Victor gestorben, der in seiner Sendung „Mit offenen Karten“ auf arte immer diese interessanten Entdröselungen geopolitischer Zusammenhänge vorgenommen hat. Er wird uns fehlen.

Unausgegorene Gedanken zu Twelve-Nineteen Unfall oder Unfall?

Am Sonntagabend (18. Dezember) habe ich mit einem guten Freund eine lange Diskussion über die Frage individueller Schuld geführt. Dabei habe ich (mehr oder weniger ad hoc) meine These in der Formulierung zugespitzt, dass ich delinquente Akte – von Taschendiebstahl bis Mord – sämtlich als gesellschaftliche Unfälle betrachten würde. Am Montagabend (19. Dezember) stand dann die Frage „Unfall oder Anschlag?“ im Raum. Ziemlich schnell war offensichtlich, dass es sich um letzteres, einen Anschlag, also keinen Unfall handelte.

Mein Argument basiert auf einem konsequenten Determinismus. Willensfreiheit halte ich für eine Chimäre. Jeder Willensakt (und damit in der Folge jede intendierte Tat) ist das Ergebnis eines Komplexes aus kausalen Faktoren (biologischer, psychologischer und soziologischer, vielleicht sogar meteorologischer Natur). Einzelne Straftaten sind entsprechend Resultat einer komplexen Geschichte. Die Zurechnung auf einen Täter ist eine Reduktion dieser Geschichte auf ein imaginäres Agens, eine ausgesprochen unfaire Zurechnung, wie ich finde, da damit die Schuld unausgewogen auf einer Person gebündelt wird, während sie doch einem ganzen Haufen von (mehr oder weniger stark) Beteiligten zugeschrieben werden müsste. Daher halte ich individuelle Bestrafung für ungerecht. Richtiger wäre es, die sozialen Bedingungen so zu gestalten, dass entsprechende Taten unwahrscheinlicher und daher seltener werden.

Mit anderen Worten könnten wir Unfälle (verstanden als negativ bewertete, nicht intendierte Handlungsfolge) und Verbrechen (intendierte Taten) gleichbehandeln – selbst dann, wenn wir den kategorialen Unterschied anerkennen –, nämlich in beiden Fällen versuchen dafür zu sorgen, dass die Bedingungen derart sind, dass sie weniger häufig (oder weniger heftig) vorkommen.

Interessanterweise passiert genau das bereits. Zwar fahndet die Polizei nach dem/den individuellen Täter/n. Gleichzeitig läuft aber die öffentliche Diskussion so, dass vor allem nach wirkungsvollen Präventionsmaßnahmen gesucht wird: Wie können wir verhindern, dass sich junge Menschen dem Islamismus anschließen? Wie können wir verhindern, dass sich Islamisten radikalisieren? Wie können wir verhindern, dass radikale Islamisten an Waffen gelangen und Anschläge planen? Wie können wir öffentliche Orte so ausstatten, dass sie weniger Angriffsfläche für Anschläge bieten?

Wo die Debatte so geführt wird, wird sie in meinem Sinne geführt, wird sie so geführt, wie sie meines Erachtens geführt werden sollte. Das schließt allerdings ein, wie ich zugeben muss, dass die individuellen Täter dingfest gemacht werden sollten, schon allein weil sie in ihrem radikalisierten Zustand eine Gefahr weiterer Anschläge darstellen. Hier ist die gesellschaftliche (und anderweitige) Komplexität doch ziemlich deutlich in einigen Personen gebündelt, die Reduktion der Komplexität also in gewissem Maße sinnvoll.