Ad ACTA IV Anmerkungen zu Herrn Regener

Sven Regener, Sänger von Element of Crime und Autor u.a. des (m.E. ziemlich unerträglichen) Romans Herr Lehmann, hat sich vor ein paar Tagen im BR über illegale Downloader echauffiert. Das Video (oder der Audio-Clip) machen im Netz die Runde und insbesondere Musikerinnen scheinen hier ein Sprachrohr gefunden zu haben. (Bei uns z.B. wurde im Kommentar zu einem anderen Text das Video gepostet.) John Weitzmann hat bei Netzpolitik bereits eine gute Replik geschrieben. Im Folgenden auch von mir ein paar Anmerkungen.

Wir machen mit Plattenfirmen Verträge nicht weil wir doof sind, oder aus Schierschangdudel, oder weil wir was zu verschenken haben, sondern weil wir sonst unsere Musik nicht machen können.

Das ist einfach falsch, eine unwahre Aussage. Es gibt hunderttausend Musikerinnen, die Musik machen, ohne eine Plattenfirma zu haben, und sowohl bekannte Bands (wie Radiohead) als auch unbekannte Bands bieten ihre Stücke zum freien Download an. Welche unsichtbare Macht hindert Element of Crime daran?

Mein Problem ist: Man wird uncool, wenn man sagt «Urheberrecht» […]. Und das Rumgetrampel darauf, dass wir irgendwie uncool seien, wenn wir darauf beharren, dass wir diese Werke geschaffen haben, ist im Grunde genommen nichts anderes als dass man uns ins Gesicht pinkelt…

Uncool ist man, wenn man Urheberrecht sagt und sich nicht über die Konsequenzen klar ist, die das mit sich bringt. Nämlich Überwachung, Repression, Exempel statuieren usf. Regener kann sich nur so aufregenern, weil er vollkommen einseitig allein sein partikulares Interesse im Blick hat. Die meisten Menschen wollen Musik und Filme und Programme und Kochrezepte und überhaupt alles, was frei kopierbar ist, miteinander austauschen, im großen, weltweiten Maßstab. Sie erfreuen sich am riesigen kulturellen Reichtum, den das Netz für sie bedeutet.

…und sagt: «euer Kram ist eigentlich nichts wert!»…

Hier gehen dem Herrn Regener zwei Wertbegriffe durcheinander. Logischerweise haben Dinge, die man kopiert und sich damit ohne Äquivalententausch aneignet, keinen Tauschwert. Klar. Aber ideellen (Gebrauchs-)Wert haben die Dinge für die Downloader schon - sonst würden sie ja nicht heruntergeladen werden. Je größer die Downloadzahlen, desto höher die Wertschätzung des Produkts. Wenn es ihm um diese geht, sollte Regener sich also freuen, wenn Element of Crime–Platten massenweise heruntergeladen werden. Aber darum geht’s ihm natürlich nicht. Sondern um die Kohle:

Das einzig Wahre am Rock n’Roll ist, dass wir jede Mark, die wir bekommen, selber verdient haben. Die bekommen wir von Leuten, die sagen: «Ja, das ist mir das wert. Ich gebe 99 cent aus für das Stück.»

Das einzig Wahre am Rock n’Roll ist die Ware. Danke, dass wir das mal in dieser Deutlichkeit gehört haben. Aber: Wenn es genug Leute gibt, die freiwillig 99 cent zahlen für das Stück, dann ist doch alles wunderbar. Was soll also die Aufregung?

Alles andere ist Straßenmusik. Aber ich möchte kein Straßenmusiker sein. Und das ist eine Frage des Respekts und des Anstands.

Ich finde es ist eine Frage des Respekts und des Anstands nicht so despektierlich auf Straßenmusikerinnen herunterzublicken. Gibt ja ziemlich großartige. Übrigens auch welche, die damit ganz gutes Geld verdienen. Einfach weil die Leute sagen: «Ja, das ist es mir das wert. Ich zahle einen Euro, oder zwei, für das Stück.» Freiwillig. Ohne dass ich per Copyright und Staatsmacht oder von Herrn Regener dazu gezwungen würde.

Zu glauben, wir könnten auf die Plattenfirmen verzichtet und würden dann noch die gleiche Musiklandschaft vorfinden, wie wir sie jetzt haben und vor 10 Jahren hatten, das ist ein großer Irrtum.

Ja. Aber so what. Wer sagt denn, dass die Musiklandschaft so aussehen müsste wie vor 10 Jahren? Die Musiklandschaft wandelt sich immer schon, seit Jahrhunderten. (Unter anderem infolge sich ihrerseits wandelnder technischer, politischer, kulturklimatischer und ökonomischer Bedingen.) Das ist momentan auch so und wird weiter so sein. Also noch mal: so what?

Und was wir zum Beispiel im Augenblick haben, diese Sache mit YouTube, ja, da muss man mal ganz klar irgendwie die Fronten klar machen. YouTube gehört Google. Das ist ‘n milliardenschwerer Konzern, die aber nicht bereit sind, pro Klick zu bezahlen. Nun hat aber weder YouTube noch Google uns irgendwas zu bieten – außer, was andere Leute geschaffen haben und da reingestellt wird. Und da sind wir gerade an dem Punkt, wo die Musiker sagen und die GEMA sagt – und die GEMA sind wir, das sind die Komponisten und Textdichter – und wir sagen: Nein, für dieses Geld kriegt ihr unseren Kram nicht! Und wir sehen nicht ein, dass Milliardengeschäfte gemacht werden, auch mit Werbung in diesem Bereich, ja, und wir kriegen davon nichts ab. Wir sind sozusagen die Penner in der letzten Reihe. Das ist ‘ne Unverschämtheit. Da sollte sich jeder auch junge Mensch überlegen, ob er sich wirklich zum Lobbyisten von so’nem milliardenschweren Konzern wie Google machen möchte. Und das sind große Lobby-Verbände, diese Internetfirmen, ja, und viel stärkere als die Plattenindustrie. Und bringen dann als Hilfstruppen die ganzen Deppen ans Spiel, die sagen “Warum kann ich denn das Video nicht auf YouTube gucken?”. Ja dann gucks halt woanders! Ja? Unsere Videos kann man alle bei Element-of-Crime.de gucken, da muss man nicht zu YouTube gehen. Tut mir leid, gibt’s halt nicht bei YouTube – bis die nicht bereit sind, dafür auch was zu bezahlen.

Also ich kenne niemanden, der YouTube geil findet, weil es YouTube heißt und Google gehört. Besser wärs natürlich, es wäre völlig frei und könnte auf Werbung verzichten. (Wobei bei YouTube ohnehin nur Werbung geschaltet ist, wenn die Produzenten des Videos damit einverstanden sind.) Das aber ginge nur, wenn endlich das Copyright abgeschafft werden würden. Denn, ja, genau das ist es, was wir eigentlich wollen: Alles für alle und das umsonst.

Denn ein Geschäftsmodell, was darauf beruht, dass diejenigen, die den Inhalt liefern, nichts bekommen, das ist kein Geschäftsmodell, das ist Scheiße.

Es ist nicht Scheiße, es ist nur eben kein Geschäftsmodell. Aber gute Kunst braucht kein Geschäft. Sie entsteht, weil Leute Bock haben, Musik zu machen, die es vorher nicht gab. Weil sie ihnen gefällt und weil sie glauben, dass sie anderen auch gefallen könnte. Erfolgreich ist gute Musik, wenn sie viele Hörerinnen findet. Sie kann aber auch gut sein, wenn sie wenigen gefällt. Wenn es wirklich nur ums Geschäftsmodell ginge, würden alle Musikerinnen versuchen, den größten gemeinsamen Nenner zu bedienen und nur noch dudelige Mainstreamradiomusik aufnehmen.

Natürlich müssen Künstlerinnen/Musikerinnen leben können. Der Kapitalismus hat die Welt leider so eingerichtet, dass ‹leben können› für fast alle Menschen direkt oder indirekt von Lohnarbeit abhängt. Wenn Sven Regener freie Musik für freie Menschen machen will, soll er mithelfen, dieses System zu beseitigen. Anstatt durch sein kulturkonservatives Lamento dazu beizutragen, dass alles bleibt wie es ist oder — das wäre ihm wohl am liebsten — wieder schlechter wird. (Dann wäre er vielleicht auch nicht mehr so wahnsinnig uncool.)

4 Meinungen zu “ Ad ACTA IV Anmerkungen zu Herrn Regener

  1. avatar

    Schade.
    Ich dachte, hier wäre ein Autor am Werk, der dazu fähig ist, durch konstruktive Kritik auch mal seine eigene Meinung zu ändern oder zurecht zu rücken. Weit gefehlt. Worum geht es dir hier, GUIDO? Dein Ego aufzuspoilen und zu polieren, indem du anderen die Leviten ließt, ohne dass sich diese wehren können? Gibs zu, eigentlich wärst du auch gerne auch ein erfolgreicher Künstler, der ein größeres Publikum hat, leider bleibt dir nichts anderes übrig, als dich hier in deinem jämmerlichen Blog über Dinge zu echauffieren, die dir nicht in den Kram passen weil du nicht in der Lage bist, sie zu beeinnflussen. Oder hast du einfach nie erreicht, was du eigentlich gerne erreicht hättest und gibst jetzt allen anderen, zum Glück (und wahrscheinlich auch zu Recht) Erfolgreicheren ein Stück deiner Scheisse mit auf den Weg? Ziemlich blöd eigentlich. Und — ja — in der Tat ausgesprochen uncool.
    Weißt du was, nach unserem früheren Diskurs hatte ich gedacht, du bist keiner von denen. Keiner dieser in der Regel unbelehrbaren, ewig alles besser wissenenden und in ihrem eigenen Testosteron-getränkten Auswurf an jugendlicher Arroganz ertrinkenden Heranwachsenden, die aus Mangel an Kunstfertigkeit und einer echten Bühne das Internet wählen müssen, weil ihnen sonst nichts übrig bleibt, in der Hoffnung auf ein paar gleichgesinnte armseelige Wut(netz)bürger. Leute wie du können einem leid tun.

    Da hat man geglaubt, hier geht einer die Materie mit Bedacht und Umsicht an, mit ein wenig Weitblick und vor allem mit Toleranz. Was liest man ein paar Tage später?
    „Das aber ginge nur, wenn endlich das Copyright abgeschafft werden würden. Denn, ja, genau das ist es, was wir eigentlich wollen: Alles für alle und das umsonst.„
    Setzen, 6.
    Die Frechheit, einem Sven Regener, der nun wirklich kein Marktschreier ist und einer der Menschen, die Worte mit Bedacht wählen weil er um ihre Kraft weiß, jedes Wort zu zerpflücken, ihn zurechtzuweisen und ihn hinzustellen, als sei er ein dummer Schuljunge, der keinerlei Ahnung von den Dingen hat, entbehrt eigentlich jedes weiteren Kommentares. DAS ist infantil, DAS ist ignorant und intollerant. Vor allem ist das aber in höchstem Maße peinlich.
    Wer glaubst du eigentlich wer du bist?
    Ein Glück, dass dein jämmerlicher Kommentar einer weiteren Öffentlichkeit erspart bleibt. Regener hat zurecht ein Problem mit Leuten wie dir, und wir Künstler und Musiker haben zurecht ein Problem mit Leuten wie dir. Lass dir gesagt sein, für EUCH machen wir unsere Musik nicht, macht euren Kram, kopiert, stehlt und verbreitet munter illegal weiter, aber glaubt nicht, auch nur auf eines unserer Konzerte zu kommen oder euch unsere Musik zu Gemüte zu führen. Jämmerliches Pack, schämt euch und verzieht euch in euren vermeintlich sicheren, anonymen Internet-Schmollwinkel, wo ihr eurer wahres Gesicht doch nicht verbergen könnt, weil eure Egos doch zu sehr angegeilt sind von der Idee, auch noch eines Tages „groß raus zu kommen“.
    Lass dir eines gesagt sein, Guido: Es wird nicht passieren.

    • avatar

      Ähem, ich habe mich kritisch mit den „Argumenten“ des von dir so verehrten Herrn Regener auseinandergesetzt. Stellenweise in polemischer Form, zugegeben, aber weit weniger polemisch als Regener selbst. Wenn du mitdiskutieren möchtest, solltest du dich deinerseits auf meine (Gegen-)Argumente beziehen. Rumkacken und rumfantasieren kannst du gern woanders.

  2. avatar

    Nachtrag: Ist deine eigene Lohnarbeit so übel, dass du sie allen anderen auf den Leib wünscht? Ist es so schlimm?
    Kleiner Tip: Ein Psychologe kann dir vielleicht weiterhelfen, mit deiner eigenen Unzufriedenheit besser zu Rande zu kommen. Aber Achtung: Kann man nicht kopieren, durch Gratis-Download o.ä. finanzieren, muss also bezahlt werden!

  3. avatar

    Mann, raffst du es nicht? Ich bin GEGEN Lohnarbeit. Nicht dafür. Wie käme ich dazu jemandem so was zu wünschen?

Hinterlasse eine Antwort

*