Berlinale ’11 — Schlafkrankheit

Sich­er ein­er der schön­sten und klüg­sten Filme des Wet­tbe­werbs ist Ulrich Köh­lers Schlafkrankheit. Auch wenn die Mehrheit der Kri­tik­erIn­nen den Film gehas­st zu haben scheint (es soll nach der Vorstel­lung gebuht wor­den sein und auch in den Kri­tik­er­spiegeln schnei­det der Film eher schlecht ab). Ich habe den Film in ein­er öffentlichen Vor­führung gese­hen und da gab es fre­undlichen Applaus, keinen einzi­gen Buhruf und die Frau neben mir (dur­chaus keine cinephile und erst recht keine Berlin­er-Schule-Con­nais­seurin) war sehr ange­tan. Bei eini­gen Kri­tik­erIn­nen scheinen bei dem Stich­wort «Berlin­er Schule» sofort alle Alar­m­glock­en anzuge­hen und sie sehen und ver­ste­hen dann über­haupt nichts mehr. Jeden­falls sind sie offen­bar eher düm­mer als das nor­male Pub­likum, das sie deshalb auch struk­turell immer unter­schätzen.

Köh­lers Film ist wed­er min­i­mal­is­tisch noch enig­ma­tisch noch pom­pös kun­st­be­flis­sen. Die Kam­er­aar­beit ist schlicht und unprä­ten­tiös (fast schon lang­weilig); ihre Schön­heit gewin­nen die Bilder allein aus dem Set­ting (im tro­pis­chen Teil Kameruns). Der Film beobachtet sehr genau afrikanis­che Ver­hält­nisse, die Ambivalen­zen von ärztlich­er Entwick­lungsar­beit, die selt­same Stim­mung, die einen in Afri­ka befall­en kann (wer mal dort war wird zweifel­los vieles wieder erken­nen). Gegen Ende erin­nert der Film sehr stark an das Kino Apichat­pong Weerasethakuls, beson­ders an Trop­i­cal Mal­a­dyund Uncle Boon­meemit ihren lan­gen Regen­wald­se­quen­zen und dem entsprechen­den Sound­scape. Die let­zten Bilder scheinen sog­ar eine direk­te Ref­erenz zu sein: Im vorheri­gen Ver­lauf war erwäh­nt wor­den, es sei ein Nilpferd aufge­taucht, obwohl eigentlich seit Jahren in dem Gebi­et keins mehr gesichtet wurde; manche Dorf­be­wohn­er meinen, es han­dele sich um den ver­schwun­de­nen Apothek­er, der ver­wan­delt habe. Nun, in der let­zten Ein­stel­lung tritt wiederum ein Nilpferd ins Bild und man fragt sich, ob dies die Reinkar­na­tion des sein­er­seits ver­schwun­de­nen deutschen Arztes sein soll. Während aber bei Weerasethakul Reinkar­na­tio­nen und Meta­mor­pho­sen affir­ma­tiv vom Film­text selb­st behauptet wer­den, bleibt Schlafkrankheit ambiva­lent. Han­delt es sich nicht doch ein­fach um ein ganz nor­males Nilpferd? Vielle­icht das gle­iche, das zuvor erwäh­nt wor­den war? Oder wird hier afrikanis­che Mytholo­gie (dur­chaus rück­ständi­ger Art) ins Bild geset­zt? Mit der Skep­sis, die die Ein­stel­lung evoziert, geht Köh­ler in der Aneig­nung eines Weerasethakul-Topos weit über diesen hin­aus.

Eine Meinung zu “Berlinale ’11 — Schlafkrankheit

  1. avatar

    […] dem Wet­tbe­werb­spro­gramm habe ich deut­lich weniger Filme gese­hen als in den let­zten Jahren (neben Schlafkrankheit lediglich Wern­er Her­zogs schöne und witzige Höhlen-3D-Doku Cave of For­got­ten Dreams, die lei­der […]

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