Berlinale 2014 — Forum II Ich will mich nicht künstlich aufregen

Der aufre­gend­ste Film, den ich bish­er in der Forums-Sek­tion gese­hen habe. Es geht um eine junge Kura­torin, der auf­grund kap­i­tal­is­muskri­tis­ch­er Äußerun­gen das Bud­get für ihre Ausstel­lung zusam­mengekürzt wird, in der sie der Frage nachge­hen wollte, warum der kün­st­lerische Film allerorten in das ältere und viel bürg­er­lich­er kon­notierte Präsen­ta­tion­s­medi­um des Muse­ums ver­ban­nt wird; und es geht um Kreuzberg, den Woh­nungskampf und Anti-Mieter­höhungskampf rund um den Kot­tbusser Platz, um junge Migranten und die Bio­laden-Gen­tri­fizierung.

Sarah Ralfs in: Ich will mich nicht kün­stlich aufre­gen (Max Linz, D 2014)

For­mal ste­ht der Film ganz in der Tra­di­tion des poli­tis­chen Mod­ernismus von Jean-Luc Godard, Alexan­der Kluge und René Pollesch – oder um weit­er zurück­zu­greifen, von Bertolt Brecht, auf den all das let­ztlich zurück­ge­ht. Brecht ist auch im Film eine zen­trale Ref­erenz, so wenn am Anfang Stellen aus sein­er Real­is­mus-The­o­rie aus den späten 1930ern vorge­le­sen wer­den oder wenn später (ein­er der witzig­sten Momente in dem über­haupt ziem­lich amüsan­ten Film) die Regeln und Ziele des „Brecht-Yogas“ erläutert wer­den: Statt Entspan­nungseso­terik und Besin­nung auf den eige­nen Kör­p­er die Besin­nung auf die Gemachtheit der his­torischen Ver­hält­nisse, die sich nicht zulet­zt auch in die Kör­p­er ein­schreiben.

Was eigentlich, zu Ende gedacht, natür­lich wiederum gar nicht zum lachen ist. Und wenn man wollte, kön­nte man dies vielle­icht auch zum Anlass ein­er vor­sichti­gen Kri­tik machen: Dass der Film sich im Modus der Ironie (oder Post-Ironie?) gegen das Allzuern­st­nehmen der eige­nen The­sen abzu­sich­ern sucht. Aber vielle­icht greift diese Kri­tik daneben, vielle­icht ist der Witz genau das geeignete Mit­tel der Wahl. Wie ernst man als emanzip­ierte Zuschauerin die adressierten Prob­leme nimmt, so kön­nte man auch argu­men­tieren, kann nicht mehr in der Ver­ant­wor­tung der Filmemach­er liegen. Aber darin, dass sie ihren eige­nen sozialen Kon­text und die Auseinan­der­set­zun­gen, die sie selb­st unmit­tel­bar betr­e­f­fen, mit filmis­chen Mit­teln poli­tisieren, beste­ht unzweifel­haft die Stärke von Ich will mich nicht kün­stlich aufre­gen.

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