Kategorien-Archiv: Lyrik
Lyrischer Adventskalender 23 — Kehle
Nichts weiß ich vom
Großvater Scharfschütze
sei er im Krieg gewesen
Einmal zeigte er auf
einen Haubentaucher im Zoo
und sagte Peng
Hinterlassen hat er
ein Spanholzschächtelchen
darin einen Fadenzähler und
ein winziges Stück Gold
eingewickelt in ein
Strafmandat (Leipzig 1947)
(Matthias Kehle, 2008)
Lyrischer Adventskalender 22 — Cotten
Ingeniös, begriffen
Ist alles kalt und brüchig.
Alles ist längst verstanden.
Die Luft besteht aus Kanten,
Winter aus seinen Rändern.
Wir sitzen in Gewändern,
wir sitzen gegenüber,
ich spiele mit Streichhölzern,
Bierdeckeln und Papieren.
Das Spiel mit deinen Augen
habe ich fallen lassen.
Der Winter wird nur kälter
wenn man noch weiß, was warm ist.
Wenns kein Vergleichen gibt
verendet man im Erträglichen.
So geh einher ich in den täglichen
und [...]
Lyrischer Adventskalender 21 — Elze
im fallenwald
wir fliegen in die netze ja wie vögel von den wänden
wie die fliegen fallen wir ja wie die füchse gehen wir
ja in die fallen wie die bären wie frau reh herr hirsch
(ungeziefer unterirdisch untertage übernimmt uns)
wir flattern ja noch zappeln ja noch bellen hier & da
brummen blöken da & dort wald & wiesen feldreport
es [...]
Lyrischer Adventskalender 20 — Altmann
fabrik gelände
der weg verliert seine spuren unter den sträuchern.
vielleicht bin ich der einzige, der ihn noch geht.
das lockere holz der bäume klopft gegen den wind,
der es verstreut. die nahe fabrik ist geräumt. und
die mauern beginnen, sich ein geheimnis zu suchen.
es wird erzählt, sie haben maschinen im see versenkt.
und sein eis hätte im winter rost angesetzt.
viele, [...]
Lyrischer Adventskalender 19 — Lehnert
Lichteinfall (I)
Wie die Nägel in den Gliedern Gottes, Streben
in einem Dach, das westwärts kriecht, wie Bohlen
sind Nebel aufgeschichtet. Hier erheben
sich Flammen, wehen über die Molen,
die aufgewühlte See? … Ein lecker Tanker?
Die Explosion von Gras aus vagen Tiefen?
Die sich im Auge festhakt wie ein Anker
und Kreise zieht, die blendend weiterliefen,
bist du die Lohe schautest, Leere, nichts?
Du [...]
Lyrischer Adventskalender 18 — Schinkel
Cetacea
das zärtliche
Mißtraun
der Riesen,
Verschüchterter in ihren Pockenhäuten,
rührt uns, die Götter des Krills,
wenn in den Metallbäuchen von Schiffen,
hinter den Schildern
wir unsere Körper bewahren.
und in den Tagen,
wenn wir Mäuler
nur streicheln,
– die metrischen Bögen,
an denen die Hände zerbrechen
mit der schäumenden Ohnmacht der See,
schnaufen die Tiere
ein weiteres winziges Mal -:
Gesänge in Trauer.
(André Schinkel, 1998, Die Spur der Vogelmenschen, Mitteldeutscher Verlag)
Lyrischer Adventskalender 17 — Falkner
limbus
er trat hinaus in die schäumende kühle des morgens
hinter ihm sein haus verharrte noch in den tiefen
atemzügen, das gras was knusprig vom frost
sein haus stand funkelnd und erstarrt am rand
des tages, geläutert wie eine weintraube, die sorge
der freitag, das echo — waren verhallt. er sah sie
am fenster bei einer ihrer betäubenden bewegungen
niemand, nicht einmal der [...]
Lyrischer Adventskalender 16 — Papenfuß-Gorek
gesicht im pflaumenschein
der stahlummantelung ent-täuscht
verbarrikadiert sich die sonne
hinterm asbestplatten barakkendach
hetzt sie zum „Volkssturm“ auf
verendet in letzten aufgeboten
; johlende heerscharen der LUne
die sich zZ als pflaume gebärdet
überantworten’s marine sich selbst
mir grünt saulieb ein todestrieb
woher die erde such denn dreht
(bleibt mein ARKANUM)
isz mir ohnehin inzwsichensicht
indessen mithinnahme zu sauer
ist bewußtseub bzr angesichts
des todes & davon druchdrungen
leben uns sterben [...]
Lyrischer Adventskalender 15 — Pastior
Über meinen Schlaf
Früher, wenn ich einschlief, kam der Schlaf. Heute,
wenn der Schlaf kommt, schlaf ich schon tief. Der
Schlaf kam damals später, jetzt schlafe ich früher
ein. Wenn ich tief schlafe, kommt es vor, daß der
Schlaf, wenn er dann kommt, mich noch einmal weckt,
bevor ich weiter tief schlafe. Früher war das so:
ich schlief, und der Schlaf kam. [...]

Lyrischer Adventskalender 24 — Wenzel