Charles Nesson vs. Musikindustrie

Seit dem Pirate Bay-Urteil ist es im deutschsprachigen Netz rund um das Thema Filesharing (leider) wieder etwas ruhiger geworden. In den USA ist das etwas anders, denn dort sorgt der Fall des Royal Joel Tenenbaum, vor allem aber dessen Verteidiger, der Harvard-Professor Charles Nesson mit ungewöhnlichen Thesen für Aufsehen.
So argumentiert Nesson im Fall Tenenbaum, dass es völlig irrelevant ist, ob und wie viel Musik sein Mandant illegal über das Kazaa-Netzwerk heruntergeladen hat, da ein Gebrauch, der ausschließlich auf den privaten Genuss ausgerichtet ist, unter die sogenannten fair-use–Regelung fällt. Diese ungeschriebene Regel des us-amerikanischen Copyrights ist hierzulande nicht gebräuchlich, und gibt einem Richter relativ großen Entscheidungsspielraum. Sie basiert auf folgenden Faktoren: 

1. the purpose and character of your use
2. the nature of the copyrighted work
3. the amount and substantiality of the portion taken
4. the effect of the use upon the potential market. 

Folgt man dieser Überlegung, wird schnell klar, wie viel Schadensersatz die Labels von einem Filesharer erwarten können – $0. Dabei kommt noch eine andere Besonderheit des Copyrights ins Spiel. In den USA gibt es in Urheberrechtsfragen einen Unterschied zwischen statutory damages und actual damages. Bei den statutory damages bekommen die Rechteinhaber einen bestimmte Entschädigungsbetrag pro illegal erworbenem Werk (in den USA beträgt diese Spanne zwischen $750 und $30000), bei den actual damages gibt es eine Entschädigung für den entgangenen Profit. Diese beiden sollten jedoch gleich sein, sagt Nesson, ansonsten wäre es absurd, wenn es zwei vollkommen unabhängige Entschädigungsformen gäbe. Da den Rechteinhabern durch individuelles, nicht-kommerzielles Filesharing kein Schaden entsteht (das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein), sind die actual damages gleich null, und damit die statutory damages ebenso. Das hat mit dem konkreten Fall Tenenbaum natürlich nicht so viel zu tun, aber es scheint, als wolle Charles Nesson im Gericht von Massachusetts ein großes Feuerwerk zünden.

Doch das ist längst noch nicht alles. Nesson will vor Gericht erreichen, dass horrende statutory damages für nichtig erklärt werden (im Fall Tenenbaum geht es bspw. um 7 Songs, für die er Schadensersatz in Höhe von $1000000, also 1 Millionen Dollar zahlen soll). Diese Summen werden meisten nur dazu benutzt, um die Menschen derart zu verängstigen, dass sie sich zu einer außergerichtlichen Zahlung von ein paar tausend Dollar bereit erklären. Sollte Nesson jedoch Erfolg haben, dann wären diese Einschüchterungen ihrerseits ebenfalls illegal, und Nesson könnte all die paar tausend Dollar von der Musikindustrie zurückfordern, die sie in den letzten zehn Jahren eingetrieben hat. Außerdem stellt er ein Team zusammen, um mehr solcher Fälle übernehmen zu können.

And Nesson & Co. aren’t finished yet. Debbie Rosenbaum, who handles PR for the Harvard Law students, says that the students “will need to recruit more students to work on Joel’s case in the Fall, so we will hopefully be able to have enough manpower to take on even more cases then.”

Billion-Dollar-Charlie ist also gut im Geschäft, allerdings hat er auch durchaus noch andere Interessen. Er fordert, dass Poker an amerikanischen Schulen unterrichtet wird, da das Spiel Verhandlungsfähigkeiten, die Fähigkeit Risiken abzuschätzen und strategisches Denken vermittelt, er vertrat den Herausgeber des High Times Magazines als dieser die Marijuana-Gesetzgebung im Staat Massachusetts angegriffen hat, mit dem Argument, dass der Kriminalisierung von Haschisch einer rationalen Grundlage entbehre, 1971 vertrat er Daniel Ellsberg im sogenannten Pentagon-Papiere-Fall, und 1997 gründete er das Berkman Center for Internet & Society, dass sich mit juristischen Fragen des Cyberspace auseinandersetzt. Sein neuester Clou: er lässt Radiohead im Gerichtsaal auftreten, wo sie natürlich für seinen Mandanten Stellung beziehen. Und schon allein dafür gebührt ihm jetzt das Schlusswort.

Joel’s case is indicative of a far greater trend. Better understanding of how today’s generations interact with digital media will help us shape our regulatory and educational frameworks in a way that advances the public interest and better promotes “the Progress of Science and useful Arts.”

2 Meinungen zu “Charles Nesson vs. Musikindustrie

  1. avatar

    […] Nix da! Die Warnung erreicht uns noch rechtzeitig, ausgesprochen von einem amerikanischen Anwalt im Fall Joel Tenenbaum vs. […]

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