Das Ungebaute: Kino, Architektur, Literatur

«Das Ungebaute ist charakteristisch für die Künste, die in ihrer Realisierung die bezahlte Arbeit einer großen Anzahl von Menschen benötigen, den Kauf der Materialien, die Benutzung teurer Werkzeuge usw. Der typischste Fall ist das Kino: Jeder kann sich einen Film ausdenken, aber das Wissen um die Hindernisse, die sich vor seiner Realisierung auftürmen, sorgen dafür, dass neunundneunzig von hundert Filmen nicht gedreht werden. So dass man sich fragen kann, ob nicht diese riesigen Hemmnisse – die durch die Fortschritte der Technologie keineswegs geringer geworden sind, ganz im Gegenteil – einen wesentlichen Teil des Zaubers des Kinos ausmachen, ist es doch paradoxerweise wenigstens als Tagträumerei für jedermann erreichbar. Mit den übrigen Künsten verhält es sich mehr oder weniger genauso. Doch wäre eine Kunst denkbar, bei der sich die Beschänkungen durch die Wirklichkeit auf ein Mindestmaß reduzieren, bei der Getanes und Ungetanes miteinander verschmelzen, eine im Augenblick Wirklichkeit werdende Kunst, ohne Gespenster. Vielleicht gibt es sie ja, und es ist die Literatur.

In diesem Sinne beruhen ihrerseits alle Künste auf einer in ihre Geschichte und ihren Mythos eingewobenen literarischen Grundlage. Die Architektur macht da keine Ausnahme. In den fortgeschrittenen oder zumindest alteingesessenen Zivilisationen bedarf der Hausbau des Zusammenspiels verschiedener Gewerke: Maurer, Zimmerleute, Maler usw. In den nomadischen Kulturen hingegen wird die Behausung von einer einzelnen Person gebaut, fast immer der Frau. In diesen Fällen ergibt sich das Soziale, die unvermeidliche symbolische Dimension, aus der Stellung der Behausungen auf dem Lagerplatz. Bei der Literatur wiederum ist es ähnlich. Es gibt Werke, bei denen der Autor in einer symbolischen Zusammenziehung auf die reale oder virtuelle Mitarbeit aller Spezialisten seiner Kultur zurückgreift, und es gibt Werke, die von einem allein (der bei diesem Anlass Frau wird) ohne fremde Hilfe erschaffen werden und bei denen das Gesellschaftliche durch die Stellung innerhalb der eigenen und fremden Bücher, durch das periodische Erscheinen usw. seinen Ausdruck findet.»

(César Aira, Gespenster, Ullstein 2010 [argent. 1990], S. 71ff)

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