Der Räuber

Gestern abend habe ich nun endlich auch Der Räu­ber (Ben­jamin Heisen­berg, D 2010) gese­hen, der im Berli­nale-Wet­tbe­werb lief und den ich dort ver­passt hat­te.

Er ist ganz großar­tig. Nicht makel­los — er hat Schwächen, wo die meis­ten Berlin­er-Schule-Filme Schwächen haben: bei den Dialo­gen — aber doch großar­tig. Die Kam­er­aar­beit von Rein­hold Vorschnei­der scheint mir hier noch bril­lanter als bei Angela Schan­elecs Orlyund Thomas Arslans Im Schat­ten (die bei­de auch sehr schön sind), weil er hier weniger form­streng zu Werke gehen durfte. Sie funk­tion­iert beson­ders in Zusam­men­hang mit der Mise en scène, z.B. der Fig­ure­nanord­nung und -chore­ografie. Oft kommt es zu Rück­e­nan­sicht­en, zu Verdeck­un­gen, also Ein­schränkun­gen der Sicht­barkeit. Gle­ichzeit­ig bleiben die Ein­stel­lun­gen aber funk­tion­al inte­gri­ert. Das ist keine artis­tis­che Ange­berei, keine orna­men­tale Ver­schnörkelung, son­dern macht nar­ra­tiv Sinn. Was den Film über­haupt ausze­ich­net: Er funk­tion­iert wun­der­bar ein­fach als pack­ende Geschichte.

Wenn ich meinen Ein­druck auf eine Formel bringe sollte, würde ich sagen, dass es der Berlin­er Schule in diesem Fall und neuerd­ings ohne­hin immer öfter (bei Alle Anderen z.B. auch) gelingt, Konzes­sio­nen an ein Pub­likum zu machen, das über den kleinen Kreis der kun­st­be­flis­se­nen Cinéphilie hin­aus geht, ohne sich dabei zu kom­pro­mit­tieren. Das Ethos der Zurück­hal­tung und der Genauigkeit wird hier mit Gen­reele­menten ver­rech­net und in einen Span­nungs­bo­gen einge­baut, der sich sehen lassen kann. Ich kann den Film deshalb guten Gewis­sens auch jenen empfehlen, die son­st um die Berlin­er Schule einen weit­en Bogen machen.

Trail­er

Im Übri­gen ver­stärken die Inter­views, die ich mit Heisen­berg gele­sen habe, einen Ein­druck, den ich ohne­hin schon länger habe: Dass Filmdiskursin­tel­li­genz und Film­prax­is­in­tel­li­genz nur bed­ingt zur Deck­ung kom­men. Chris­t­ian Pet­zold beweist den gle­ichen Nichtzusam­men­hang anders herum: Er spricht sehr klug vom Kino, macht sel­ber aber keine guten Filme.

2 Meinungen zu “Der Räuber

  1. avatar

    Das ist ja lustig. Da würde mich doch inter­essieren, wo es Ihnen bei mir an Filmdiskursin­tel­li­genz gefehlt hat (so schme­ichel­haft ich die Bemerkung auch finde :-),
    Her­zlichen Gruß,
    Ben­jamin Heisen­berg

  2. avatar

    Lieber Ben­jamin Heisen­berg, der Ein­druck ergab sich aus dem Inter­view in der taz und dem Fernse­hin­ter­view während der Berli­nale. Jew­eils schien es mir, dass es Ihnen weniger um Filmdiskurse als um film­prak­tis­che Fra­gen ging. Was Sie an dem Sujet doch am meis­ten zu reizen schien, war die Möglichkeit, auf ver­schiedene Arten einen Men­schen beim Laufen zu fil­men, oder? Das schien mir ein anti-diskur­siv­er, emo­tionaler Zugang zu sein. Oft begrün­den Sie Entschei­dun­gen mit einem Gefühl. Und selb­st an der Fig­ur, die Sie selb­st gar nicht ganz ver­ste­hen wollen, fasziniert Sie doch ger­ade deren Instink­thaftigkeit (hässlich­es Wort, vielle­icht bess­er: man­gel­nde Selb­stre­flex­ion). Mit anderen Worten: Mir schien, dass Sie selb­st gar nicht genau wussten, worauf Sie mit dem Film hin­aus­woll­ten — und dass ger­ade das dem Film zum Vorteil ger­at­en ist.

    Allerd­ings muss ich zugeben, dass sich aus den Inter­views, in denen Sie natür­lich vor allem auf prak­tis­che Fra­gen antworten, nicht viel über Ihre ‘Filmdiskursin­tel­li­genz’ ent­nehmen lässt. Ich war da ver­mut­lich vorschnell. Vielle­icht beste­ht diese ja auch genau im Verzicht auf die These, aufs auf-etwas-Hin­aus­wollen. Und klug erscheinen mir Ihre Antworten ins­ge­samt schon (habe ger­ade auch noch andere Inter­views gele­sen, die ich online gefun­den habe). Nichts für ungut.
    (Und danke für die Möglichkeit zur Klarstel­lung.)

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