Dez 25 2009

Die schönste Weihnachtsgeschichte

Nach­dem sich ges­tern das letzte Tür­chen im lyri­schen Advents­ka­len­der geöff­net hat, haben wir hier noch eine kleine pro­sai­sche Drein­gabe. Es han­delt sich um nichts weni­ger als die schönste Weih­nachts­ge­schichte aller Zei­ten. Sie eig­net sich trotz ihres Titels auch für Athe­is­tin­nen, Agnos­ti­ker und andere Weih­nachts­muf­fel. Ihre Lek­türe sei allen sehr emp­foh­len, man kann sie auch laut vor­le­sen und ande­ren eine Freude machen. Enjoy!

Das Paket des lie­ben Gottes
(Bertolt Brecht)

Nehmt eure Stühle und eure Tee­glä­ser mit hier hin­ter an den Ofen und ver­geßt den Rum nicht. Es ist gut, es warm zu haben, wenn man von der Kälte erzählt.

Man­che Leute, vor allem eine gewisse Sorte Män­ner, die etwas gegen Sen­ti­men­ta­li­tät hat, haben eine starke Aver­sion gegen Weih­nach­ten. Aber zumin­dest ein Weih­nach­ten in mei­nem Leben ist bei mir wirk­lich in bes­ter Erin­ne­rung. Das war der Weih­nachts­abend 1908 in Chi­cago. Ich war Anfang Novem­ber nach Chi­cago gekom­men, und man sagte mir sofort, als ich mich nach der all­ge­mei­nen Lage erkun­digte, es würde der här­teste Win­ter wer­den, den diese ohne­hin genü­gend unan­ge­nehme Stadt zustande brin­gen könnte. Als ich fragte, wie es mit den Chan­cen für einen Kes­sel­schmied stünde, sagte man mir, Kes­sel­schmiede hät­ten keine Chan­cen, und als ich eine halb­wegs mög­li­che Schlaf­stelle suchte, war alles zu teuer für mich. Und das erfuh­ren in die­sem Win­ter 1908 viele in Chi­cago, aus allen Berufen.

Und der Wind wehte scheuß­lich vom Michi­gan­see her­über durch den gan­zen Dezem­ber, und gegen Ende des Monats schlos­sen auch noch eine Reihe gro­ßer Fleisch­pa­cke­reien ihren Betrieb und war­fen eine ganze Flut von Arbeits­lo­sen auf die kal­ten Straßen.

Wir trab­ten die gan­zen Tage durch sämt­li­che Stadt­vier­tel und such­ten ver­zwei­felt nach etwas Arbeit und waren froh, wenn wir am Abend in einem win­zi­gen, mit erschöpf­ten Leu­ten ange­füll­ten Lokal im Schlacht­hof­vier­tel unter­kom­men konn­ten. Dort hat­ten wir es wenigs­tens warm und konn­ten ruhig sit­zen. Und wir saßen, solange es irgend ging mit einem Glas Whisky, und wir spar­ten alles den Tag über auf für die­ses eine Glas Whisky, in das noch Wärme, Lärm und Kame­ra­den mit ein­be­grif­fen waren, all das, was es an Hoff­nung für uns noch gab.

Dort saßen wir auch am Weih­nachts­abend die­ses Jah­res, und das Lokal war noch über­füll­ter als gewöhn­lich und der Whisky noch wäß­ri­ger und das Publi­kum noch ver­zwei­fel­ter. Es ist ein­leuch­tend, daß weder das Publi­kum noch der Wirt in Fest­stim­mung gera­ten, wenn das ganze Pro­blem der Gäste darin besteht, mit einem Glas eine ganze Nacht aus­zu­rei­chen, und das ganze Pro­blem des Wir­tes, die­je­ni­gen hin­aus­zu­brin­gen, die leere Glä­ser vor sich ste­hen hatten.

Aber gegen zehn Uhr kamen zwei, drei Bur­schen her­ein, die, der Teu­fel mochte wis­sen woher, ein paar Dol­lars in der Tasche hat­ten, und die luden, weil es doch eben Weih­nach­ten war und Sen­ti­men­ta­li­tät in der Luft lag, das ganze Publi­kum ein, ein paar Extrag­lä­ser zu lee­ren. Fünf Minu­ten dar­auf war das ganze Lokal nicht wie­der­zu­er­ken­nen. Alle hol­ten sich fri­schen Whisky (und paß­ten nun unge­heuer genau dar­auf auf, daß ganz kor­rekt ein­ge­schenkt wurde), die Tische wur­den zusam­men­ge­rückt, und ein ver­fro­ren aus­se­hen­des Mäd­chen wurde gebe­ten, einen Cake­walk zu tan­zen, wobei sämt­li­che Fest­teil­neh­mer mit den Hän­den den Takt klatsch­ten. Aber was soll ich sagen, der Teu­fel mochte seine schwarze Hand im Spiel haben, es kam keine rechte Stim­mung auf.

Ja, gera­dezu von Anfang an nahm die Ver­an­stal­tung einen direkt bös­ar­ti­gen Cha­rak­ter an. Ich denke, es war der Zwang, sich beschen­ken las­sen zu müs­sen, der alle so auf­reizte. Die Spen­der die­ser Weih­nachts­stim­mung wur­den nicht mit freund­li­chen Augen betrach­tet. Schon nach den ers­ten Glä­sern des gestif­te­ten Whis­kys wurde der Plan gefaßt, eine regel­rechte Weih­nachts­be­sche­rung, sozu­sa­gen ein Unter­neh­men grö­ße­ren Stils, vorzunehmen.

Da ein Über­fluß an Geschenk­ar­ti­keln nicht vor­han­den war, wollte man sich weni­ger an direkt wert­volle und mehr an sol­che Geschenke hal­ten, die für die zu Beschen­ken­den pas­send waren und viel­leicht sogar einen tie­fe­ren Sinn hatten.

So schenk­ten wir dem Wirt einen Kübel mit schmut­zi­gem Schnee­was­ser von drau­ßen, wo es davon gerade genug gab, damit er mit sei­nem alten Whisky noch ins neue Jahr hin­ein aus­reichte. Dem Kell­ner schenk­ten wir eine alte, erbro­chene Kon­ser­ven­büchse, damit er wenigs­tens ein anstän­di­ges Ser­vice­stück hätte, und einem zum Lokal gehö­ri­gen Mäd­chen ein schar­ti­ges Taschen­mes­ser, damit sie wenigs­tens die Schicht Puder vom ver­gan­ge­nen Jahr abkrat­zen könnte.

Alle diese Geschenke wur­den von den Anwe­sen­den, viel­leicht nur die Beschenk­ten aus­ge­nom­men, mit her­aus­for­dern­dem Bei­fall bedacht. Und dann kam der Hauptspaß.

Es war näm­lich unter uns ein Mann, der mußte einen schwa­chen Punkt haben. Er saß jeden Abend da, und Leute, die sich auf der­glei­chen ver­stan­den, glaub­ten mit Sicher­heit behaup­ten zu kön­nen, daß er, so gleich­gül­tig er sich auch geben mochte, eine gewisse, unüber­wind­li­che Scheu vor allem, was mit der Poli­zei zusam­men­hing haben mußte. Aber jeder Mensch konnte sehen, daß er in kei­ner guten Haut steckte.

Für die­sen Mann dach­ten wir uns etwas ganz Beson­de­res aus. Aus einem alten Adreß­buch ris­sen wir mit Erlaub­nis des Wir­tes drei Sei­ten aus, auf denen lau­ter Poli­zei­wa­chen stan­den, schlu­gen sie sorg­fäl­tig in eine Zei­tung und über­reich­ten das Paket unserm Mann.

Es trat eine große Stille ein, als wir es über­reich­ten. Der Mann nahm das Paket zögernd in die Hand und sah uns mit einem etwas kal­ki­gen Lächeln von unten her­auf an. Ich merkte, wie er mit den Fin­gern das Paket anfühlte, um schon vor dem Öffnen fest­zu­stel­len, was darin sein könnte. Aber dann machte er es rasch auf.

Und nun geschah etwas sehr Merk­wür­di­ges. Der Mann nes­telte eben an der Schnur, mit der das „Geschenk“ ver­schnürt war, als sein Blick, schein­bar abwe­send, auf das Zei­tungs­blatt fiel, in das die inter­es­san­ten Adreß­buch­blät­ter geschla­gen waren. Aber da war sein Blick schon nicht mehr abwe­send. Sein gan­zer dün­ner Kör­per (er war sehr lang) krümmte sich sozu­sa­gen um das Zei­tungs­blatt zusam­men, er bückte sein Gesicht tief dar­auf her­un­ter und las. Nie­mals, weder vor– noch nach­her, habe ich je einen Men­schen so lesen sehen. Er ver­schlang das, was er las, ein­fach. Und dann schaute er auf. Und wie­der habe ich nie­mals, weder vor– noch nach­her, einen so strah­lend schauen sehen wie die­sen Mann.

„Da lese ich eben in der Zei­tung“, sagte er mit einer ver­ros­te­ten, müh­sam ruhi­gen Stimme, die in lächer­li­chem Gegen­satz zu sei­nem strah­len­den Gesicht stand, „daß die ganze Sache ein­fach schon lang auf­ge­klärt ist. Jeder­mann in Ohio weiß, daß ich mit der gan­zen Sache nicht das geringste zu tun hatte.“ Und dann lachte er.

Und wir alle, die erstaunt dabei­stan­den und etwas ganz ande­res erwar­tet hat­ten und fast nur begrif­fen, daß der Mann unter irgend­ei­ner Beschul­di­gung gestan­den und inzwi­schen, wie er eben aus die­sem Zei­tungs­blatt erfah­ren hatte, reha­bi­li­tiert wor­den war, fin­gen plötz­lich an, aus vol­lem Halse und fast aus dem Her­zen mit­zu­la­chen, und dadurch kam ein gro­ßer Schwung in unsere Ver­an­stal­tung, die gewisse Bit­ter­keit war über­haupt ver­ges­sen, und es wurde ein aus­ge­zeich­ne­tes Weih­nach­ten, das bis zum Mor­gen dau­erte und alle befriedigte.

Und bei die­ser all­ge­mei­nen Befrie­di­gung spielte es natür­lich gar keine Rolle mehr, daß die­ses Zei­tungs­blatt nicht wir aus­ge­sucht hat­ten, son­dern Gott.

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