digital ist besser I

Ich hoffe, das wird eine mehrteilige Serie über die Implikationen des Computer-Zeitalters auf die kulturelle (Re)Produktion, mithin über das Phänomen, dass alles, was relevant auf der Meta-Ebene erscheint, zuerst im Netz erscheint, und sich dann vielleicht bequemt, auch mal zweidrei Tage später in den sogenannten Print-Medien aufzuschlagen.

Musik war der Vorreiter, Napster, Gnutella, Soulseek und viele andere ermöglichten es dem Benutzer eines PC, eine kulturelle Dividende der besonderen Art einzustreichen. Im Grunde genommen war diese Dividende dadurch entstanden, dass durch die Digitalisierung der Musikdateien, und die Erfindung des mp3-Formats, ein Qualitätsverlust beim Kopieren von Musik nicht mehr vorhanden war. Wenn ich einen Song auf meinem Rechner habe, so hat jeder Mensch auf dieser Welt in dieser Hemisphäre in den Industrienationen diesen Song ebenfalls. Potentiell zumindest. Das hatte außerdem zur Folge, dass das Verwertungsmonopol der Musikindustrie aufgelöst wurde, ein Graus für jeden betriebswirtschaftlich denkenden Menschen, denn ein Monopolgewinn ist eigentlich nie zu verachten.

Mit steigenden Bandbreiten kamen zudem immer mehr Menschen auf die Idee, dass sich diese Dividende ja auch in anderen Bereiche erzielen ließ. Und so kursierten bald auch abgefilmte Blockbuster in der global vernetzten Gemeinschaft, die bald durch Screener und Rips jeglicher Couleur ersetzt wurden, was die Filmindustrie entsetzte.

Das gleiche geschah mit Software, also Betriebssystemen, Anwendungen, Spielen. In diesem Bereich gab es allerdings nie soviel Aufruhr, vermutlich, weil diese Branche schon seit Jahrzehnten mit nicht autorisierten Kopien konfrontiert wurde, und weil es sich auszahlt, wenn möglichst viele Menschen das eigene Produkt benutzen, auch wenn es nicht alle bezahlen (können). Selbst wenn sich ein paar Schüler oder Studenten nicht autorisierte Kopien von Windows, Photoshop, Maya 3d, usw. besorgen, ist das nicht so schlimm, denn genau diese Zielgruppe arbeitet sich in diese Produkte ein, und wird wahrscheinlich so schnell keine Konkurrenzprodukte für die eigenen Benutzung in Betracht ziehen.

Der neueste Spross der Digitalfamilie ist das Buch, genauer, und auf neudeutsch gesagt, das E-Book. Und genau hier bietet sich die superbe Möglichkeit, von der allgemeinen Einleitungsschwadronage in medias res zu gehen. So hat Amazon einen bedienbaren und, so scheint es, erfolgreichen E-Book-Reader mit dem Namen Kindle auf den Markt gebracht. Das klingt jetzt erstmal langweilig, doch dabei gibt es einige vollkommen neue, unerhörte Entwicklungen zu entdecken. Die Vorlesefunktion des neuen E-Book-Readers von Amazon bereitet den Rechteinhabern Kopfschmerzen. “Sie haben nicht das Recht, ein Buch laut vorzulesen“, erklärt der Chef der US-Autorenvereinigung Authors Guild, Paul Aiken, gegenüber dem Wall Street Journal.
Potzblitz! Auf solch einen Gedanken muss man erstmal kommen! Wenn ich ein Buch kaufe, darf ich es eigentlich nicht vorlesen, ein wichtiger Hinweis, vor allem für die Väter und Mütter unter uns.
Nun, derartige Aussagen, eines nichtigen Funktionärs sind natürlich unter keinen Umständen Ernst zu nehmen. Wenn es nicht so lustig wäre, könnte man gar nicht drüber lachen. Leider schlägt nun auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandel in eine ähnliche Kerbe.

Wir werden in aller Schärfe gegen den illegalen Download, gegen den Diebstahl im Internet, vorgehen und die Gerichte mit Tausenden von Verfahren beschäftigen.

Atomrofl. Es werden zwar noch gar nicht nennenswert E-Books in der BRD gehandelt, aber die Androhung abertausender Gerichtsverfahren kann ja nicht schaden.

Und genau um solche Entwicklungen soll es sich in meiner Serie drehen. Was ist geistiges Eigentum? Wie funktioniert Open Source? Woher kommen die Creative Commons? Was geht mich das an? Und wer ist dafür verantwortlich?

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