Digital ist besser III

Vom Sturzbach zum Umsturz

Die dig­i­tale Daten­ver­ar­beitung hat gemein­sam mit dem WWW die Möglichkeit­en demokratis­ch­er Pla­nung der Pro­duk­tion materieller Güter enorm vere­in­facht. Damit sind die Bedin­gun­gen für eine lib­ertärkom­mu­nis­tis­che Pro­duk­tion­sweise, die ratio­naler, effizien­ter, gerechter und nach­haltiger wäre als zen­tral­is­tis­che Plan­wirtschaft und als kap­i­tal­is­tis­che Mark­twirtschaft, zwar nicht geschaf­fen wor­den (es gab sie schon lange). Aber sie sind nun deut­lich leichter in die Tat umzuset­zen, also nahe­liegen­der, also noch weniger utopisch. Ich ent­nehme diesen Hin­weis dem Buch Maschi­nen­win­ter von Diet­mar Dath, und seinem Zitat aus Alter­na­tiv­en aus dem Rech­n­er von Paul Cock­shott und Allin Cot­trell. Seit län­gerem wird ein Mod­ell, das sowohl die Pro­duk­tion als auch die Dis­tri­b­u­tion unter radikaldemokratis­che Kon­trolle stellt, von Robin Hah­nel und Michael Albert vorgeschla­gen (unter dem Namen pare­con: par­tizipa­tive Ökonomie).

Gle­ichzeit­ig (und das wird bei Dath nicht erwäh­nt) hat sich mit der Erfind­ung und raschen Ver­bre­itung des Tor­rentsys­tems, des Sturzbachs, ein uni­ver­sal­isiert­er Tausch und damit das urkom­mu­nis­tis­che Prinzip „Alles für alle und das umson­st!“ auf der Ebene dig­i­taler Güter bere­its ver­wirk­licht. Und das ohne die Notwendigkeit jed­we­den Altru­is­mus, son­dern durch die ein­fach­ste, banal­ste Preiskalku­la­tion (0 Euro!) und nicht nur im Prinzip, son­dern in der Real­ität des weltweit­en Daten­verkehrs (mehr als 50%!). Der Sturzbach basiert ganz ein­fach darauf, dass man tauscht, ohne etwas abzugeben. Also teilt, ohne dadurch selb­st weniger zu haben.

Wer ein bißchen Phan­tasie besitzt, kann sich aus­malen, dass sich dieses Prinzip the­o­retisch auf sämtliche dig­i­tal repro­duzier­baren Pro­duk­te (alle Filme, Büch­er, Zeitschriften, Pro­gramme, Musik, Bilder, Tipps, Tricks und Anleitun­gen) aus­dehnen lässt – und was das für die Prof­it­in­ter­essen der­jeni­gen bedeutet, die sich erhof­fen, genau mit diesen Gütern dick­es Geld zu ver­di­enen.

Und wen hier die verzweifel­ten Bemühun­gen der vom Kap­i­tal bezahlten Anwaltscharen und Para­graphen­re­it­er in Schwe­den und über­all, den Sturzbach durch pro­vi­sorische Staudämme (Copy­right und Ver­drehung der Recht­slogik) in seinem Lauf zu stop­pen oder ihn auf die Mühlen der Gieri­gen umzuleit­en – wen diese Bemühun­gen nicht an die Marxsche ‚Fes­selung der Pro­duk­tivkräfte durch die Pro­duk­tionsver­hält­nisse’ erin­nern, der/die möge sich jet­zt mal bitte ganz kräftig am Kopf kratzen (oder vielle­icht ein­fach mal ein bißchen Marx lesen). 

Da diese Fes­selung der Pro­duk­tivkräfte (wie jede vor ihr) im Inter­esse sehr weniger ist und den Inter­essen aller anderen (also fast aller) wider­spricht, kann sie irgend­wann nur noch mit Gewalt aufrecht erhal­ten wer­den und auch das nicht sehr lange (zumin­d­est dann nicht, wenn sich nicht die meis­ten Men­schen durch die Copy­right­pro­pa­gan­da verblö­den oder ein­schüchtern lassen).

Das ist lei­der keine Behaup­tung ein­er his­torischen Zwangsläu­figkeit, son­dern lediglich die ein­er logis­chen Ten­denz. Und logis­chen Ten­den­zen hat das Kap­i­tal bekan­ntlich schon das ein oder andere mal Fin­ten und Hak­en und Kreuze geschla­gen. Im Zweifels­fall han­delt auch dieses Sys­tem (genauer: die in ihm an den Hebeln Sitzen­den, die von ihm zu prof­i­tieren Ver­meinen­den) ratio­nal: näm­lich mit dem Ein­tritt in einen Über­leben­skampf unter Aus­nutzung aller ihm bzw. ihnen zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­tel (namentlich Krim­i­nal­isierung, Mar­gin­al­isierung, Pro­pa­gan­da, Überwachung, Andro­hung von Gewalt, Gewal­tan­wen­dung).

Tech­nis­che Möglichkeit­en allein brin­gen natür­lich keine Befreiung. Die Spren­gung der Fes­seln muss gewollt, organ­isiert und erkämpft wer­den. Aber es ist doch recht angenehm, dabei den nun ein­mal ent­facht­en Wind der Geschichte in den Segeln zu spüren und gemein­sam – mit High­speed und in See­len­ruhe – auf dem Sturzbach der Sonne ent­ge­gen zu sur­fen. 

 

3 Meinungen zu “Digital ist besser III

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    Sehr fein!

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    ja ganz so ein­fach ist das ja nun auch nicht. dig­i­tale pro­duk­te müssen auch hergestellt wer­den. dies muss finanziert (oder irgend­wie anders abgesichert) sein. außer­dem gitl ger­ade für die tor­rent sys­teme, dass ein beitrag für den kon­sum erforder­lich ist (in form von upload band­bre­ite). inter­es­santes hierzu ist auch im zusam­men­hang mit der peer-econ­o­my zu lesen. davon aus­ge­hend stellt sich dann auch die drän­gende frage, wie dieses prinzip auf materielle güter zu über­tra­gen ist. ein wichtiger schritt dor­thin ist mein­er mei­n­ung nach die open-hard­ware bewe­gung, die hard­ware kom­pat­i­bel mit open-soft­ware fordert und fordert, dass es keine patente auf diese pro­duk­te gibt. dann braucht es jedoch tech­nis­che lösun­gen, die es leicht machen open hard­ware zu pro­duzieren. ein inter­es­santes beispiel ist der reprap, der sich selb­st unter zukauf weniger und typ­is­ch­er mate­ri­alen repro­suzieren kann, als auch viele dinge her­stellen kann.

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    […] Bedin­gun­gen, die vom Staat doch bitte ganz schnell wieder hergestellt wer­den sollen. Fes­selung der Pro­duk­tivkräfte, ick hör dir trapsen. Dieser Ein­trag wurde veröf­fentlicht in Jour­nal­is­mus, Netz und getagged […]

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