Eine kleine Übung in bürgerlicher Ideologie

Dass Fak­ten­wis­sen nicht viel mit Intel­li­genz und Bewusst­sein über die per­sön­liche und gesellschaftliche Lage zu tun hat, beweist aufs Schön­ste die SZ-Mag­a­zin-Redak­teurin Meike Win­nemuth. Damit qual­i­fiziert sie sich en pas­sant für den Job, den sie schon hat, näm­lich das kul­turide­ol­o­gis­che Bei­boot der Süd­deutschen flottzuhal­ten. Wer sich gele­gentlich fragt, wo diese (immer noch beste) deutsche Tageszeitung poli­tisch ste­ht, erfährt es am besten aus ihrem Mag­a­zin mit seinen Mode­streck­en und Kochrezepten von Gourmetköchen, die sich gele­gentlich dem Elend der Welt wid­men. Ein biss­chen Afghanistankrieg gefäl­lig? Ja gern, dazu bitte das Hirschragout in Wasabi­nusskruste und einen 98er Spät­bur­gun­der. Die SZ ist die Zeitung des abgehobe­nen Bil­dungs­bürg­er­tums, das sich für die Elite der Gesellschaft hält und in allem, was es denkt und zu ver­ste­hen ver­meint, meilen­weit weit ent­fer­nt ist von der Leben­sre­al­ität der Mehrheit der Bevölkerung.[1] Bei­de – die Zeitung und ihre Ide­alle­ser­schaft – sind dünkel­haft, sno­bis­tisch, pseu­do-lib­er­al, selb­stver­liebt und sozi­olo­gieblind.

Meike Win­nemuth, die offen­bar all diese Tugen­den in ihrer Per­son vere­int, hat in Gün­ther Jauchs «Wer wird Mil­lionär?» die 500.000-Euronen Frage richtig beant­wortet und wurde daraufhin nicht nur von Jauch, son­dern auch von Kol­legin­nen und Leserin­nen («in den Hun­derten von Mail-, SMS- und Face­book-Glück­wün­schen Wild­fremder») gefragt, wann sie nun ihren Redak­teur­sposten kündi­gen würde – arbeit­en müsse sie ja eigentlich nicht mehr. Bei Gün­ther Jauch kann diese Frage nur als Scherz gemeint gewe­sen sein, schließlich set­zt er sich selb­st jede Wochen dreimal auf den Drehstuhl in dem fiesen RTL-Stu­dio und man kann sich kaum vorstellen, dass er sich das als «Selb­stver­wirk­lichung» einre­det… Andere jedoch scheinen die Frage dur­chaus ern­sthaft gestellt zu haben. Was ja auch ver­ständlich ist, mal­ochen die meis­ten Men­schen nun mal in erster Lin­ie fürs Geld, das zu ver­di­enen sie gezwun­gen sind, um die Miete zu bezahlen und die Tele­fon­rech­nung und diverse andere Gad­gets, die das Leben aufre­gen­der und angenehmer gestal­ten. Basale Fra­gen der Ernährung (oft nicht nur der eige­nen) und Pflege mal bei­seite gelassen.

All das kostet – schlecht wie die Unord­nung ein­gerichtet ist, unter der wir leben und lei­den – bekan­ntlich immer noch Geld. Und das wird einem nicht geschenkt. Im Nor­mal­fall zumin­d­est nicht – Quizshows, die das unver­schämte Glück, mit gewis­sen kog­ni­tiv­en Fähigkeit­en aus­ges­tat­tet und in eine priv­i­legierte Bil­dungss­chicht hineinge­boren wor­den zu sein, auch noch belohnen, ein­mal ausgenom­men. Also noch mal, Meike Win­nemuth, warum freuen Sie sich nicht über das Geschenk­te und räu­men ihren Posten? Vielle­icht um ihn jeman­dem zur Ver­fü­gung zu stellen, der noch vom jour­nal­is­tis­chen Brot­beruf mit Fes­tanstel­lung träumt, statt sich als Free­lancerin mit schlecht bezahlten Gele­gen­heit­sjobs durchzuschla­gen und für jede Veröf­fentlichung dankbar sein zu müssen.

Aber dieses ein­fache Räson­nement will Ihnen nicht so recht in den Kopf, Meike Win­nemuth:

Ich ver­ste­he es wirk­lich nicht: Warum ist es gesellschaftlich­er Kon­sens, dass man arbeit­et, weil man muss und nicht, weil man will? Wieso sind sich alle einig, dass es nur um Geld geht – ein Inter­esse, dass ich dur­chaus teile; ich habe schon hart­ge­sot­tene Arbeit­ge­ber in die Kata­tonie ver­han­delt – und nicht auch um Freude? (…) Ich kapier’s nicht: Warum sollte man jeden Tag acht, eher zehn Stun­den für etwas opfern, was man nur wider­willig tut?

Ja, warum bloß? Also, Meike Win­nemuth, stellen Sie sich ein­fach vor, Sie säßen beim Jauch auf dem Stuhl, und das wäre jet­zt, sagen wir, die 500-Euro-Frage – so schw­er ist sie ja nun wirk­lich nicht.

Warum sollte man jeden Tag acht, eher zehn Stun­den für etwas opfern, was man nur wider­willig tun?

A Weil man total doof ist.

B Weil man eh nichts besseres zu tun hätte.

C Weil Mama das sagt.

D Weil man das unter den gegebe­nen Umstän­den eben lei­der muss…

…weil einem schlicht nichts anderes übrig­bleibt, um am gesellschaftlichen Aus­tausch teilzunehmen, um die Miete zu zahlen und alles andere; weil einem über alle möglichen Kanäle einget­richtert wird, man sei ohne Arbeit gesellschaftlich nichts wert; weil einem Angst gemacht wird, den Job zu ver­lieren, wenn man weniger arbeit­en würde; aus Angst vor gesellschaftlichem Abstieg, Armut, Ver­ach­tung etc.

Sie, Meike Win­nemuth, kön­nen das natür­lich ein­fach nicht ver­ste­hen. Aber genau deswe­gen schreiben Sie ja auch fürs SZ-Mag­a­zin, kom­binieren aufs Her­rlich­ste Igno­ranz und Arro­ganz und lieben ihren Beruf… Her­zlichen Glück­wun­sch!


[1] Allerd­ings ist die Mehrheit der Bevölkerung, in dem was sie denkt und zu ver­ste­hen ver­meint, lei­der selb­st meilen­weit ent­fer­nt von der eige­nen Leben­sre­al­ität. Aber das ist ein anderes Kapi­tel und es ste­ht schon in Althussers Für Marx, das soeben bei Suhrkamp in ein­er neuen Edi­tion erschienen ist.

Eine Meinung zu “Eine kleine Übung in bürgerlicher Ideologie

  1. avatar

    Gün­ther Jauch kann sich doch gar nicht mehr selb­stver­wirk­lichen. Wer am Fre­itagabend “Alt gegen Jung” (oder umgekehrt) mod­eriert, der muss doch der­art enthirnt sein, dass von einem funk­tion­ieren­den Selb­st gar nicht mehr die Rede sein kann. Gut, ein kleines ver­tragsver­han­del­ndes Resthirn wird vielle­icht noch da sein, aber anson­sten erzählt der doch alles, wofür gezahlt wird, und das wird bei Meike nicht viel anders sein. Das, was man hat, zählt gar nicht, nur das, was in Aus­sicht ste­ht. Man kann nie genug Geld haben. Man kann nie genug von allem haben; das ver­spricht die Waren- und Wach­s­tum­sidee.

    Schön­er Text, hab mich sehr gefreut.

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