Fokalisierung (Crashkurs Filmtheorie I)

Ist der Plot mal wieder nicht so prall, hat man Vorteile, wenn man auf ein gewiss­es filmthe­o­retis­ches Basiswis­sen zurück­greifen kann. Dann kann man ein­fach raus­ge­hen auf andere Sachen acht­en, z.B. die Erzählper­spek­tive. Prak­tiziert anhand zweier typ­is­ch­er Forums-Filme: Kan door huid heen (Can Go Through Skin, NL 2009) von Esther Rots und Man tänker sitt (Bur­row­ing, Hen­rik Hellström/Fredrik Wen­zel, S 2009). Bei­de nur mit­telmäßig inter­es­sant, aber span­nen­der, wenn man sich fragt, wie (aus wessen Sicht) die Geschichte hier erzählt wird. Wer allerd­ings bei The­o­rie immer sofort anfängt, müde zu wer­den und an was anderes zu denken Sex kann sich jet­zt auf den dafür zuständi­gen Seit­en umguck­en (bei uns z.B. hier, hier, hier). Für alle andern: los gehts.

Fokalisierung. Ein sper­riger Begriff für einen bekan­nten Sachver­halt: Geschicht­en wer­den immer aus einem bes­timmten Blick­winkel, ein­er mehr oder weniger vari­ablen Per­spek­tive mit mehr oder weniger Überblick präsen­tiert. (Achtung: es geht hier nicht um den optis­chen Blick­winkel, son­dern metapho­risch gesprochen um die ‘Sicht’ auf die Dinge, die Erleb­nis­per­pek­tive; die Fokalisierung fungiert als eine Art ‘Fil­ter’ der nar­ra­tiv­en Infor­ma­tion.) Gérard Genette, der Begrün­der der struk­tu­ral­is­tis­chen Nar­ra­tolo­gie (Erzählthe­o­rie), von dem der Begriff stammt, unter­schei­det drei Arten der Fokalisierung:

- Null-Fokalisierung: Es gibt eine nar­ra­tive Instanz , die beliebig zwis­chen unter­schiedlichen Erleb­nis- und Wis­senshor­i­zon­ten hin- und her­springt (und die unge­nauer oft ‘all­wis­sender Erzäh­ler’ genan­nt wird). Die Erzäh­lin­stanz weiß in diesem Fall mehr über die Ereignisse als jede einzelne Fig­ur. Dieser Modus ist der häu­fig­ste im klas­sis­chen Erzäh­lki­no.

- interne Fokalisierung: Die nar­ra­tive Instanz lässt die Geschichte durch das Bewusst­sein der Haupt­fig­ur erleben, man kann ihr qua­si in den Kopf und durch ihre Augen auf die fik­tionale Welt (Diegese) guck­en. Bezo­gen auf Lit­er­atur heißt das, dass die Gedanken der Fig­ur schriftlich wiedergegeben wer­den, bezo­gen auf Film, dass die Fig­ur in den meis­ten Ein­stel­lun­gen zu sehen ist und dass oft auch mit Point-of-View-Shots gear­beit­et wird. Kri­teri­um: wir wis­sen (was die für die Nar­ra­tion rel­e­vante Infor­ma­tion bet­rifft) unge­fähr genau so viel wie die Fig­ur.

- externe Fokalisierung: Wir erleben die Geschichte mit der Fig­ur, aber gle­ich­sam von außen, wir wis­sen nicht, was phänom­e­nal in ihr vorge­ht, was sie bewegt, was sie über den Kon­text der Geschichte weiß: wir wis­sen also weniger als die Fig­ur. In der Lit­er­atur ist dieser Fokalisierungsmodus eher sel­ten, was nicht zulet­zt daran liegt, dass eine emo­tionale Involvierung der Leserin­nen so erschw­ert wird.

Im Kino ist die Sache kom­pliziert­er, weil die filmis­che Erzählweise nicht die Möglichkeit­en hat, die Gedanken der Fig­uren direkt abzu­fil­men. Man kön­nte daher annehmen, dass die externe Fokalisierung häu­figer vorkommt als die interne. Tat­säch­lich find­en Film­nar­ra­tio­nen allerd­ings meis­tens andere Möglichkeit­en, die rel­e­van­ten Infor­ma­tio­nen so zu präsen­tieren, dass deut­lich wird, dass das Erleben an eine Innen­sicht gebun­den ist. Das emo­tionale und kog­ni­tive Erleben der nar­ra­tiv­en Sit­u­a­tio­nen und Ereignisse kann auf ver­schiedene Art dargestellt wer­den. Plaka­tive Mit­tel sind die soge­nan­nten sub­jek­tiv­en Bilder und Töne (die meis­tens ver­fremdet präsen­tiert sind) oder die Erzählstimme ein­er Fig­ur (Voice-Over). In Kan door huid heen fokalisiert der Film intern auf die weib­liche Pro­tag­o­nistin, die das Trau­ma eines Ein­bruchs ver­ar­beit­en muss, indem wir mit Bildern ihrer (Rache-)Phantasie kon­fron­tiert wer­den. Allerd­ings wirkt der Film im let­zten Drit­tel so, als würde er diesen dom­i­nan­ten Fokalisierungsmodus ver­lassen und bewusst Infor­ma­tio­nen zurück­hal­ten, die die Fig­ur eigentlich haben müsste.

Unklar ist die Lage auch in Bur­row­ing (übri­gens eine sub­tilere Ver­sion von Gum­mo, Har­mo­ny Korine USA 1997). Der Film begin­nt zwar mit einem Voice-Over eines elfjähri­gen Jun­gen, der die selt­samen Gestal­ten ein­er schwedis­chen Kle­in­stadt beschreibt. Offen bleibt aber, woher er die z.T. detail­lierten und inti­men Infor­ma­tio­nen eigentlich haben kann. Auch gibt es diverse Sequen­zen, in denen der Junge als Beobachter nicht anwe­send ist. Der Film gibt also seine zunächst interne Fokalisierung zugun­sten ein­er Null­fokalisierung auf, während Kan door huid hen den Ein­druck erzeugt, gegen Ende nur noch extern zu fokalisieren — und damit uns und die Fig­ur in Ruhe zu lassen.

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Weit­er­führende Lit­er­atur:

Jörg Schweinitz — Mul­ti­ple Logik filmis­ch­er Per­spek­tivierung. Fokalisierung, nar­ra­tive Instanz und wahnsin­nige Liebe
Edward Brani­gan — Fokalisierung

4 Meinungen zu “Fokalisierung (Crashkurs Filmtheorie I)

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    Lass mich in diesem Zusam­men­hang auch auf das Kon­strukt der Alter­ation (auch von Genette) hin­weisen: Dabei wird eine interne Fokalisierung kurzzeit­ig ver­lassen, um das Geschehen aus ein­er anderen Per­spek­tive zu fokalisieren. Effekt: Wer­den die Infor­ma­tio­nen aus der inter­nen Fokalisierung bestätigt, macht dies jene zuver­läs­siger. Wenn nicht, wird meist die sub­jek­tive Natur der inter­nen Fokalisierung erst augen­fäl­lig und die Möglichkeit eines unzu­ver­läs­si­gen Erzäh­lens wird erwogen.

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    Oh, ein Leser! Und ein kom­pe­ten­ter noch dazu.

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    […] unter nar­ra­tol­o­gis­chen Aspek­ten ist der Film sehr inter­es­sant. Die externe Fokalisierung auf den Pro­tag­o­nis­ten erzeugt eine Unsicher­heit darüber, wie Josie seine Welt, seine Kon­flik­te […]

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    […] so als Ergeb­nis eines Man­gels an Infor­ma­tion, den der Film nur über das Mit­tel ein­er Alte­ra­tion der Foka­li­sie­rung zu erzäh­len weiß. ShareTweet­var wordpress_toolbar_urls = […]

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