Il Cinema Ritrovato — Nachlese (I)

Am Sam­stag ist zum 23. Mal das Film­fes­ti­val Il Cin­e­ma Ritrova­to zuende gegan­gen. Jährlich wid­met sich dieses von der Cinete­ca di Bologna ver­anstal­tete Fes­ti­val der Wieder­auf­führung von alten Fil­men, die jüngst restau­ri­ert wur­den. Eine Woche lang wer­den hier Klas­sik­er, unbekan­nte Meis­ter­w­erke und Obsku­ritäten der Filmgeschichte präsen­tiert.

Die Schw­er­punk­te waren in diesem Jahr weniger spek­takulär als im let­zten. Während 2008 die großar­ti­gen visuellen Exzesse der frühen Stern­berg-Filme zu bestaunen waren und einige sel­ten gezeigte aber ganz tolle Warn­er-Filme aus den frühen 30ern, u.a. One Way Pas­sage (Tay Gar­net, 1932) und Employee’s Entrance (Roy del Ruth, 1933), standen dies­mal die frühen Filme (1925–1933) von Frank Capra im Zen­trum, der später mit It Hap­pened One Night (1934) und Mr. Deeds Goes to Town (1936) berühmt wurde. Zwar war es nicht unin­ter­es­sant, dessen Entwick­lung vom Gag- und Drehbuchau­tor in Slap­stick-Komö­di­en mit Har­ry Lang­don (Sat­ur­day After­noon, 1925; Fid­dle­sticks, 1926) über die Sta­tion als Regis­seur für densel­ben (The Strong Man, 1926; Long Pants, 1927)  zum eigen­ständi­gen, exper­i­men­tier­freudi­gen Stu­dio-Auteur zu erleben (z.B. Flight, 1929; Rain or Shine, 1930; The Bit­ter Tea of Gen­er­al Yen, 1933). Ins­beson­dere die Lang­don-Filme sind stel­len­weise auch sehr amüsant. Ins­ge­samt ist die Qual­ität dieser Filme allerd­ings nicht son­der­lich bemerkenswert, son­dern entspricht dem dama­li­gen Clas­si­cal Hol­ly­wood-Stan­dard. Außer­dem scheint über­all jene chau­vin­is­tisch-pop­ulis­tis­che Ide­olo­gie (Indi­vid­u­al­is­mus, Anti-Intellek­tu­al­is­mus, Sex­is­mus, Xeno­pho­bie) durch, die auch für Capras späteren ‘Meis­ter­w­erke’ typ­isch ist.

Neben den wie in jedem Jahr wun­der­baren Abend­ses­sions auf der Piaz­za Mag­giore, waren dies­mal eher die Selt­samkeit­en erin­nerungswürdig. Etwa Red­skin (Vic­tor Schertzinger, USA 1929), ein früher Farb-(aber noch Stumm!-)Film, der in retro-utopis­tis­ch­er Weise die mögliche Inte­gra­tion der indi­an­is­chen Ure­in­wohn­er in die amerikanis­che Gesellschaft fan­tasiert.

Zwei Jahre später ist in Griechen­land der erste kün­st­lerisch ambi­tion­ierte Film ent­standen: Daf­nis Kai Chloe. Diese Stumm­film-Adap­tion eines griechis­chen Liebesro­mans aus dem 3. Jhd erzählt von Daph­nis und Chloe, zwei jun­gen Men­schen, die in ärm­lichen Ver­hält­nis­sen aufwach­sen und später ihre adlige Herkun­ft ent­deck­en und kreist um das The­ma Eros/Liebe. Die bei­den bemerken ihre kör­per­liche Lust füreinan­der, wis­sen aber nicht damit umzuge­hen, weil sie das Wort ‘Eros’ und dessen Bedeu­tung noch nicht ken­nen. Einen beson­deren Charme bekommt der Film, weil er von Ama­teuren gedreht und gespielt wurde. Die teil­weise unbe­holfene Erzählweise und Bild­sprache und das noch aus den 10er Jahren zu stam­men scheinende Schaus­piel ergeben gemein­sam mit dem Schau­platz (die Insel Les­bos) und den leicht oder gar nicht bek­lei­de­ten Actri­cen und Akteuren eine ganz eigene Erotik: eine Blau­pause für blaue Lagunen.

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