Berlinale ’11 – Schlafkrankheit

Sicher einer der schönsten und klügsten Filme des Wettbewerbs ist Ulrich Köhlers Schlafkrankheit. Auch wenn die Mehrheit der KritikerInnen den Film gehasst zu haben scheint (es soll nach der Vorstellung gebuht worden sein und auch in den Kritikerspiegeln schneidet der Film eher schlecht ab). Ich habe den Film in einer öffentlichen Vorführung gesehen und da gab es freundlichen Applaus, keinen einzigen Buhruf und die Frau neben mir (durchaus keine cinephile und erst recht keine Berliner-Schule-Connaisseurin) war sehr angetan. Bei einigen KritikerInnen scheinen bei dem Stichwort «Berliner Schule» sofort alle Alarmglocken anzugehen und sie sehen und verstehen dann überhaupt nichts mehr. Jedenfalls sind sie offenbar eher dümmer als das normale Publikum, das sie deshalb auch strukturell immer unterschätzen.

Köhlers Film ist weder minimalistisch noch enigmatisch noch pompös kunstbeflissen. Weiterlesen

Berlinale ’11 Auftakt

Zugegeben: fühlt sich schon ein wenig blöd an, wenn in Ägypten gerade Großes passiert («friedliche Revolution»!), und man selbst von nichts anderem zu berichten hat als von dritt- oder viertklassigen Filmchen, aus denen man nach 20 Minuten frustriert fluchtartig rausläuft. Meine Berlinale begann ein bisschen verspätet heute um 12.30 mit der Abholung meiner (dritt- oder viertklassigen, weil nicht zu allen Vorführungen Zutritt verschaffenden) Akkreditierung. Auf das Programm hatte ich zu dem Zeitpunkt noch keinen Blick geworfen, ein Fehler, der sich rächen sollte: sonst hätte ich gleich bemerkt, dass der richtige Zug D2 gewesen wäre: im Delphi lief um 14.00 Honjitsu Kyushin (Doctor’s Day Off, Shibuya Minoru, J 1952) ein japanischer Film aus den 50ern, vom renommierten Shochiku-Studio (für das auch Ozu, Naruse und Gosho arbeiteten), da konnte eigentlich nichts schief gehen. Aber wie gesagt, dass ist mir erst Stunden später aufgefallen, als schon C6 gezogen war: The Devil’s Double, vermutlich eine direct-to-video-Produktion, die in Kinosälen wirklich nichts zu suchen hat. Story: Saddam Husseins Sohn zwingt einen alten Schulkameraden, der ihm erstaunlich ähnlich sieht, in der Öffentlichkeit sein Double zu spielen; er selbst raucht bei jeder Gelegenheit riesige kubanische Zigarren (damit er von dem anderen unterscheidbar ist) und umgibt sich und vögelt mit halbnackten Frauen. Dazwischen gibt es sinnfrei Vergewaltigungs- und Folterszenen und dann… bin ich rausgegangen. Weiterlesen

Film und Zuckerhut

Das „Festival do Rio“ gilt als das größte Filmfestival Lateinamerikas. Vom 23. September bis 7. Oktober wurden in 15 Sektionen mehr als 300 Filme vorgestellt. 17 Lang- und 21 Kurzfilme aus Brasilien konkurrierten beim Publikum um die Auszeichnung als bester Film. Mit der Verleihung der „Troféu Redentor“ geht das „Festival do Rio 2010“ nun zu Ende.

Mit allein fünf Auszeichnung in den wichtigsten Kategorien (Bester Film, Bester Schnitt, Bester Schauspieler, Beste weibliche und männliche Nebenrolle) steht auch ein klarer Gewinner fest: VIPs von Toniko Melo.

Produziert von City of God-Regisseur Fernando Meirelles und mit The Elite Squad-Darsteller Wagner Moura in der Hauptrolle ist die Entscheidung allerdings keine große Überraschung. Der Film erzählt Catch-Me-If-You-Can-artig die (beinahe) wahre Geschichte des Betrügers Marcelo Nascimento da Rocha, der sich durch sämtliche Gesellschaftsschichten Brasilien trickste, bis seine eigene Überheblichkeit ihn schlussendlich auffliegen ließ. Rasant geschnitten, schön fotografiert und schlüssig umgesetzt bringt VIPs das Kunststück fertig, gleichzeitig kurzweilig amüsant und in seiner Vorhersehbarkeit unglaublich langweilig zu sein.

Sehr viel interessanter war da die Sektion „Foco Argentina“, deren Fokus auf dem Nachbarland Argentinien liegt. Weiterlesen