Adventskalender

Die ultimative Weihnachtsgeschichte

Wie im letzten Jahr beenden wir die Adventskalenderserie auch heuer mit einer Weihnachtsgeschichte, die man sich zu Gemüte führen und Familie und Freunden vorlesen kann. Nach der vielleicht «schönsten Weihnachtsgeschichte» von Bert Brecht ist diese hier in gewissem Sinn die ultimative. Sie stammt von Juan José Saer aus dessen Buch Die Gelegenheit. Viel Spaß!

Eine Weihnachtsgeschichte

Bis auf einen, der über die Herde wacht, haben sich die Hirten bei Einbruch der Dunkelheit niedergelegt. Kaum sind sie aber eingeschlafen, da rüttelt er sie wach und redet mit lauter Stimme, ja schreiend fast und in höchster Erregung, auf sie ein: «Während ihr geschlafen habt, ist ein Engel gekommen, um es zu verkünden, ein König ist in Bethlehem geboren, und der Engel hat gesagt, so wie wir die Schafen und Ziegen hüten, wird uns dieser König hüten. Wachet auf, wachet auf, denn wir müssen nach Bethlehem ziehen», und die Hirten rappeln sich hoch, etwas verblüfft, und reiben sich die Augen, unsicher, ob sie wach sind oder immer noch schlafen, und sie machen sich auf den Weg, tastend und stolpernd in der Nacht, dorthin, wo Bethlehem liegt. Weiterlesen

Thomas Pynchon: Farbe im Film

Auf dem Rückweg zum Strand schaute Doc in der Kanzlei von Hardy, Gridley & Chatfield vorbei. Sauncho war zwar da, im Augenblick aber geistig abwesend, nachdem er am Vorabend Der Zauberer von Oz (1939) zum ersten Mal auf einem Farbfernseher gesehen hatte.
«Hast du gewusst, dass der Film in Schwarzweiß anfängt», teilte er Doc ziemlich aufgeregt mit, «aber dann farbig wird? Ist dir eigentlich klar, was das bedeutet?»
«Saunch…»
Sinnlos. «- die Welt, in der wir Dorothy am Anfang des Films leben sehen, ist schwarz- oder vielmehr braunweiß, aber sie glaubt, sie sieht alles in Farbe – der ganz normalen Alltagsfarbe, in der wir unser Leben sehen. Dann packt sie der Wirbelsturm, setzt sie im Munchkin Land ab, sie geht zur Tür hinaus, und plötzlich sehen wir, wie das Braunweiß zu Technicolor wird. Aber wenn wir das sehen, was passiert dann mit Dorothy? Wozu wird ihre ’normale‘ Kansasfarbe? Was? Zu welcher sehr sonderbaren Hyperfarbe? Die unsere Alltagsfarbe so weit hinter sich lässt, wie Technicolor Schwarzweiß hinter sich lässt -», und so weiter.

(Thomas Pynchon, Natürliche Mängel, Rowohlt 2010, S. 370f.)

Adventskalender

Die schönste Weihnachtsgeschichte

Nachdem sich gestern das letzte Türchen im lyrischen Adventskalender geöffnet hat, haben wir hier noch eine kleine prosaische Dreingabe. Es handelt sich um nichts weniger als die schönste Weihnachtsgeschichte aller Zeiten. Sie eignet sich trotz ihres Titels auch für Atheistinnen, Agnostiker und andere Weihnachtsmuffel. Ihre Lektüre sei allen sehr empfohlen, man kann sie auch laut vorlesen und anderen eine Freude machen. Enjoy!

Das Paket des lieben Gottes 
(Bertolt Brecht)

Nehmt eure Stühle und eure Teegläser mit hier hinter an den Ofen und vergeßt den Rum nicht. Es ist gut, es warm zu haben, wenn man von der Kälte erzählt. Weiterlesen

Die deutsche Art

»Aber ich bitte Sie«, antwortete ich ihm, »es ist ja noch nicht ausgemacht, was garstiger ist: das russische wüste Wesen oder die deutsche Art, durch ehrliche Arbeit Geld zusammenzu- bringen.«

»Was für ein sinnloser Gedanke!« rief der General.

»Ein echt russischer Gedanke!« rief der Franzose.

Ich lachte; ich hatte die größte Lust, sie beide ein bißchen zu reizen.

»Ich meinerseits«, sagte ich, »möchte lieber mein ganzes Leben lang mit den Kirgisen als Nomade umherziehen und mein Zelt mit mir führen, als das deutsche Idol anbeten.«

»Was für ein Idol?« fragte der General, der schon anfing, ernstlich böse zu werden. Weiterlesen