Lektüre einer drei Wochen alten Zeitung

Wenn man nach längerem Unterwegssein nachhause kommt, hat sich dort die abonnierte Zeitung gestapelt, die Süddeutsche in meinem Fall. Man kann also nachvollziehen, was in den vergangenen Wochen passiert ist, oder eher: wie darüber berichtet wurde, was passiert ist. Und was man verpasst hat.

Entschleunigung. Ein Neologismus, der ganz so neo nicht mehr ist, aber erst in den letzten Jahren an Popularität gewonnen zu haben scheint. Ist ja nicht so als müssten wir beweisen, dass wir wissen, wie das funktioniert: die rapide entschleunigte Frequenz des Erscheinens neuer Texte auf unserm Blog spricht ganz für sich. Aber eine andere praktische Übung in Sachen Entschleunigung könnte so aussehen: just in dem Medium, von dem einem immer suggeriert wird, hier sei die News von vor dem Nachmittagsnickerchen beim Aufwachen schon wieder old, die Zeitung von vor drei Wochen kommentieren. Also zur Wochenend-SZ vom 29./30. August! (Ich beschränke mich, damit es nicht völlig bescheuert wird, auf den feuilletonistischen Teil, der ja eh immer eine längere Halbwertszeit hat als Politik und Sport.)

Zunächst erregt mein Interesse der “Revolution des Schreibens” betitelte Text von Thomas Steinfeld. Es geht darum, dass das Internet positive Effekte auf das Schreibverhalten von Studierenden hat. Ist aber letztlich enttäuschend, da nur eine Studie (die Stanford Study of Writing) besprochen wird, die herausgefunden hat, was nun wirklich nicht sehr erstaunlich ist: dass nämlich heute mehr geschrieben wird, als vor der Einführung der Neuen Medien. Während früher nur Briefe und Bücher der schriftlichen Kommunikation dienten (und wer schrieb schon regelmäßig Briefe? oder gar Bücher?) gibt es heute Chats, Emails, Blogs, Facebook und Twitter. Dass also mehr Leute mehr schreiben: wahrlich kein Wunder. Konnte allenfalls die allerhärtesten Kulturpessimisten überraschen.

Auf der gleichen Seite gibt es einen kurzen Kommentar dazu, dass Google 1 Million Bücher kostenlos zum Download zur Verfügung gestellt hat. Bei der grundsätzlichen Antihaltung, die in Deutschland so ziemlich alle Kommentare zu Googles Buchprojekt an den Tag legen, und in der SZ erst recht, erstaunt es nicht, dass auch hier keinerlei Freude darüber geäußert wird, dass diese Bücher jetzt für umme zu lesen sind. Sowas scheint der SZ immer noch ganz unheimlich zu sein. Kultur kostenlos? Zum Wegrennen! Deswegen wird lieber über Googles Motive spekuliert, die ja nur unlauter sein können, und in diesem Fall offenbar darin bestehen, Amazon (auf deren ‘Kindle’, die Formate nicht lesbar sind) eins auszuwischen.

Zwischen beiden Textchen darf sich Fritz Göttler breit machen. Zu seiner Kritik zu District 9 (Neill Blomkamp, 2009) nur soviel: Es ist die für diesen Autor typische ungenießbare Mischung aus Plotnacherzählung, ein paar Fakten (er hat es tatsächlich geschafft in einem einzigen Satz zwei Mal zu schreiben, dass der Film am Startwochenende in den USA 37 Millionen Dollar eingespielt hat!!) und kruden Assoziationen zu anderen Filmen. Obwohl ich zugeben muss, dass dieser Text noch zu den besseren von Göttler gehört, dank der Verbindungen, die er vom Plot des Films zur (Post-)Apartheid in Johannesburg herstellt (dort spielt der Film). Diese Assoziation ist ausnahmsweise nicht wirr, sondern sehr naheliegend. Wenn man den Film gesehen hat, weiß man allerdings, dass der sein politisch-diskursives Potential, das im ersten Drittel Spannung verspricht, schnell zugunsten öder Ballerei und Show-Off-Special-Effects herschenkt. “Das Genrekino als soziologisches Modell” (Göttler) beschreibt deshalb nicht den Film, sondern nur das, was er vom Ausgangsszenario her hätte werden können.

(Fortsetzung folgt.)

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