Lektüre einer drei Wochen alten Zeitung, Teil 2

Weiter gehts mit der Lektüre der SZ vom 29./30. August. Ich überspringe großzügig ein paar Seiten und finde mich im Wochenendteil wieder. Auf der ersten Seite steht hier ein wirklicher sehr schöner Text zum deutschen Einmarsch in Polen 1939. Oliver Storz erinnert sich an Hitlers Radioansprache an das deutsche Volk – und an die zynischen Kommentare eines gewissen Herrn Kugler, eines damaligen Nachbarn in Schwäbisch Hall. Kuglers Reaktion auf Hitlers Kriegsverkündung: “Wer so schreit, der kann net recht han.” Und später, 1941, inmitten der größten Kriegseuphorie:

Zuletzt sah ich ihn, wenn ich mich recht erinnere, an einem früh dunkelnden Nachmittag im Herbst nach dem gloriosen Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Russland. Da war ich immerhin schon zwölf und durfte dem Vater Dünnbier holen im “Schwanen”. Die Rentner saßen am Stammtisch bei Lagegespräch, und der Dinkel-Schorsch, Fahrzeugwart der örtlichen NS-Kraftsportgruppe, sagte unter Anstrengung fröhlich: “Bis Weihnachten simmer in Moskau!” Und der Herr Kugler, etwas exzentrisch platziert, schaute den Fliegen zu und sagte: “Wenn aber’s Benzin net langt?” Und dies immer wieder, über die ganze halbe Stunde hin, die ich mich in der Wirtschaft rumdrückte. Sobald ein Satz fiel, der sich nach Vormarsch anhört: “Wenn aber’s Benzin net langt?”

So einfach kann Subversion sein. Die Lehre, die man daraus ziehen sollte: auch Repression funktioniert nur, wenn die Leute sich Angst machen lassen. Sich das Aussprechen der eigenen Gedanken nicht verbieten lassen (und wenn es auch inopportun und unklug erscheinen mag) ist der erste Schritt: kein vorauseilender Gehorsam. Und das gilt nicht nur für totalitäre Strukturen, sondern auch für subtiler repressive (Angst vor seltsamen Blicken, Angst vor Konfrontation mit der Staatsgewalt, Angst um die Karriere etc.).

Um Krieg und Ungehorsam geht es auch im großen Interview mit Alexander Kluge auf der letzten Seite. Und auch der hat eine Menge Kluge-Sachen kluge Sachen zu sagen:

Wir haben auf Kriegsverlauf und Kriegsausbruch keineswegs einen so großen Einfluss. Also muss man den Krieg so genau studieren, dass man seine Schwächen kennt, die schwammartige Struktur, die die Kriegswirklichkeit hat. Die kann man dann sabotieren, sodass auch andere darauf aufmerksam werden. Damit ließe sich die Erfahrung vom April 1945, als der Kriegsbeginn vom April 1945, als der Kriegsbeginn von 1939 endgültig widerlegt war, abkürzen und vorwegnehmen.

Auch hier dürfte klar sein, dass es nicht nur um diesen speziellen Krieg geht, sondern um andere Kriege ebenso, inkl. der noch kommenden. Weiter geht es in dem Interview um das Potenzial der Aufklärung und der Kritischen Theorie (“Ich behaupte, dass ich, wenn ich sorgfältig arbeite, einen Nazi umdrehen könnte.”), um das kritische Potenzial neuer Medien (“Bei YouTube ist es zeitweise anders. Man darf noch nicht jubeln, aber dort wird die Enzenberger’sche Radiotheorie vorgeführt.”) und um das europäische Hausschwein. Insgesamt hat mich das Interview mit Kluge etwas versöhnt, der mit in letzter Zeit zunehmend spinnert erschien, aber vielleicht habe ich nur die falschen Sachen von ihm mitgekriegt. Seine Verfilmung des Kapital habe ich leider noch nicht gesehen, aber was damals dazu in den Kritiken stand, klang auch nach ziemlich wirrem Projekt. Muss ich gucken.

Mein kurzes Fazit zum feuilletonistischen Teil der SZ vom 29./30. August 2009, die erschien als ich weit weit weg in der Sonne saß: war sicher einer der besseren.

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