Lyrik XII — Das Vorfrühlingsgedicht

Alle reden vom Wet­ter, wir auch. Aus gegeben­em Anlass nach dem Früh­lings- nun ein Vor­früh­lings­gedicht (Vor­früh­ling — ein Wort fast so schön wie Spätkap­i­tal­is­mus, aber dauert nicht so lange und kommt alle Jahre wieder…).

 

Vor­früh­ling

Es läuft der Früh­lingswind
Durch kahle Alleen
Selt­same Dinge sind
Seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt,
Wo Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In zer­rüt­tetes Haar.

Er schüt­telte nieder
Akazien­blüten
Und kühlte die Glieder,
Die atmend glüht­en.

Lip­pen im Lachen
Hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren durch­spürt.

Er glitt durch die Flöte
Als schluchzen­der Schrei,
An däm­mern­der Röte
Flog er vor­bei.

Er flog mit Schweigen
Durch flüsternde Zim­mer
Und löschte im Neigen
Der Ampel Schim­mer.

Es läuft der Früh­lingswind
Durch kahle Alleen
Selt­same Dinge sind
In seinem Wehn.

Durch die glat­ten
Kahlen Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schat­ten.

Und den Duft,
Den er gebracht,
Von wo er gekom­men
Seit gestern Nacht.

(Hugo von Hof­mannsthal)

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