Lyrik XIII

An die Nachge­bore­nen

1

Wirk­lich, ich lebe in fin­steren Zeit­en!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glat­te Stirn
Deutet auf Unempfind­lichkeit hin. Der Lachende
Hat die furcht­bare Nachricht
Nur noch nicht emp­fan­gen.

Was sind das für Zeit­en, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Ver­brechen ist.
Weil es ein Schweigen über so viele Untat­en ein­schließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erre­ich­bar für seine Fre­unde
Die in Not sind?

Es ist wahr: ich ver­di­ene noch meinen Unter­halt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
Zufäl­lig bin ich ver­schont. (Wenn mein Glück aus­set­zt, bin ich ver­loren.)

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich dem Hungern­den entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wass­er einem Ver­durs­ten­den fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise.

In den alten Büch­ern ste­ht, was weise ist:
Sich aus dem Stre­it der Welt hal­ten und die kurze Zeit
Ohne Furcht ver­brin­gen
Auch ohne Gewalt auskom­men
Bös­es mit Gutem vergel­ten
Seine Wün­sche nicht erfüllen, son­dern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirk­lich, ich lebe in fin­steren Zeit­en!

2

In die Städte kam ich zur Zeit der Unord­nung
Als da Hunger herrschte.
Unter die Men­schen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs
Und ich empörte mich mit ihnen.
So verg­ing meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen aß ich zwis­chen den Schlacht­en
Schlafen legte ich mich unter die Mörder
Der Liebe pflegte ich acht­los
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verg­ing meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Straßen führten in den Sumpf zu mein­er Zeit.
Die Sprache ver­ri­et mich dem Schlächter.
Ich ver­mochte nur wenig. Aber die Herrschen­den
Saßen ohne mich sicher­er, das hoffte ich.
So verg­ing meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren ger­ing. Das Ziel
Lag in großer Ferne
Es war deut­lich sicht­bar, wenn auch für mich
Kaum zu erre­ichen.
So verg­ing meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

3

Ihr, die ihr auf­tauchen werdet aus der Flut
In der wir unterge­gan­gen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der fin­steren Zeit
Der ihr entron­nen seid.

Gin­gen wir doch, öfter als die Schuhe die Län­der wech­sel­nd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wis­sen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
verz­er­rt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heis­er. Ach, wir
Die wir den Boden bere­it­en woll­ten für Fre­undlichkeit
Kon­nten sel­ber nicht fre­undlich sein.

Ihr aber, wenn es so weit sein wird
Daß der Men­sch dem Men­schen ein Helfer ist
Gedenkt unser­er
Mit Nach­sicht.

(Bert Brecht)

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