Lyrik XV

Ein Politgedicht zum 1. Mai. Bitte schön, danke schön. Und jetzt zurück auf die Barrikaden.

Internationale Arbeitsteilung

Sie können nicht lesen, die Kinder, die in den Straßen Zeitungen verkaufen.
Sie kennen die Schokolade nicht, die Tagelöhner, die den Kakao ernten.
Sie haben kein Mobiltelefon, die Bergarbeiter, die das Coltan abbauen, das für
die Herstellung von Mobiltelefonen unverzichtbar ist.
Diejenigen, die Mienen legen, verkaufen Beinprothesen.
Diejenigen, die Raketen säen, ernten Wiederaufbauverträge.
Sie sterben nicht in den Kriegen, die Waffenproduzenten, die Kriege produzieren
und die öffentliche Meinung produzieren, die die Kriege bejubelt. 

Weil die Welt demokratisch ist, ruft der König von Zeit zu Zeit die Kuh, das Kalb, das Ferkel, die Ziege, das Lamm, den Hasen, das Kaninchen, den Nandu, das Gürteltier, den Tapir, das Huhn, die Ente, den Truthahn, den Fasan, den Krebs, die Krabbe, den Tintenfisch, die Languste, die Seezunge, den Seehecht und den Adlerfisch zusammen.

Dort auf dem Gipfel heißt der König sie willkommen:
„Ich habe euch gerufen“, sagt er, „weil ich wissen möchte, mit welcher Soße ihr verspeist werden wollt.“
Eine schüchterne Stimme erhebt sich aus der Menge:
„Ich will überhaupt nicht verspeist werden.“
„Dies steht nicht zur Debatte“, entscheidet der König und stellt kopfschüttelnd fest,
wie wenig Bürgersinn [viel Politikverdrossenheit] seine Untertanen doch haben.

(Eduardo Galeano in: Lettre International 81, 2008)

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