Lyrik XXII – Ko Un

Dass es nicht ganz leicht ist, Lyrik zu übersetzen, haben wir hier schon mal erläutert. Im Fall einer Übersetzung aus dem Koreanischen ist es naturgemäß schwierig, ihre Güte zu beurteilen. Was die Übersetzer von Ko Un, Woon-Jung Chei und Siegfried Schaarschmidt, in ihrem Nachwort der deutschen Ausgabe von Die Sterne über dem Land der Väter schreiben, klingt aber sehr vertrauenserweckend, zumindest nach skrupulöser Arbeit am sprachlichen Detail:

Woon-Jung Chei, die den Kontakt zu ihrem Landsmann aufgenommen hatte, sandte mir Stück für Stück ihre wörtliche Übertragung nach dem koreanischen Original; ich, der Japanologe, übersetzte nach einer japanischen Fassung, erstellt von dem an einer Universität nahe Osaka lehrenden Koreaner Kim Hak-Hyon, und dann wurde eine jede Zeile diskutiert, wurde um größte Genauigkeit bei dennoch gewährleisteter Lesbarkeit gerungen.

Interessant ist auch Woon-Jung Cheis kurze biographische Skizze, die auch die oppositionelle Haltung und damit die politische Dimension der Gedichte von Ko Un deutlicher werden lässt.

Nach dem Reispflanzen

Felder, die keine zwei Ernten bringen, früh zu bepflanzen,
dazu mit der Maschine, wie es die Kwang-Sobs tun,
das gibt einen späten Reis.
Was sie auch reden: am besten wächst der von Hand gesetzte.
Schön stehen hier die Felder, dort die Felder,
einträchtig beieinander gedeihen die Halme.
Fallen aber die Störche ein,
muß man sie verjagen;
nur sind die Pflänzchen bisweilen mutterseelenallein.
Wer also verjagt die Störche?
He, Frösche, seid so gut und hockt euch in Reihe an den Rain!
Das Störcheverjagen muß ja nicht ungeordnet geschehen.
Wer also vertreibt sie?
Vom Ackerdamm im unteren Majongi riecht’s nach gemähtem Gras;
den Geruch kennt jeder.
Schon brüllen die Jungtiere wie die alten Kühe.
Auch die beiden Maikälber des kleinen Sang-Pil machen sich gut.
Für die Reispflanzen frisches Wasser,
frisches Gras für die Kälber.
Im frischen Wind tanzt der Bart von Sang-Pils Großvater.
Doch dann muß er für neuen Dünger sorgen,
muß die Schädlinge bekämpfen.
Noch im Traum geht er, nach dem Wasser auf den Reisfeldern zu sehen.

Aus: Die Sterne über dem Land der Väter. Suhrkamp 1996 (Original 1993).

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