Lyrischer Adventskalender 2 — Tucholsky

Sexuelle Aufklärung

Tritt ein, mein Sohn, in dieses Vari­eté!
Die heili­gen Hallen füllt ein lieblich Odi­um
von Rauchtabak, Par­fums und Eßbüfett.
Die blonde Emmy tänzelt auf das Podi­um,
der erste und der einzige Geiger schmiert “Kol­lodi­um”
auf seine Fiedel für das hohe C …
So blieb es, und so ists seit dreißig Jahren -
drum ist dein alter Vater mit dir herge­fahren.

Sieh jenes Mäd­chen! Erster Jugend­blüte
leichtrosa Schim­mer ziert das reizende Gesicht.
So war sie schon, als ich mich noch um sie bemühte,
und wahrlich: ich blamiert mich nicht!
Siehst du sie jet­zt, wie sie voll Scham erglühte?
Was flüstert sie? “Det die de Mot­ten kriecht …!”
Wie klingt mir dieser Wahlspruch doch ver­traut
aus jen­er Zeit, da ich den Ref­er­en­dar gebaut!

Sei mir gegrüßt, du meine Tugendlilie,
du altes Flit­terkleid, du Tam­burin!
Nimm du sie hin, mein Sohn — es bleibt in der Fam­i­lie -
und lern bei ihr: es gibt nur ein Berlin!
Nun aber spitz die Ohren, denn gle­ich singt Ottilie
ihr Lieblingslied vom kleinen Zep­peli­ihn …
Kriegst du sie nicht, soll dich der Teufel holen!
Ver­halt dich brav — und damit Gott befohlen!

(Kurt Tuchol­sky, 1919)

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