Der Räuber

Gestern abend habe ich nun endlich auch Der Räuber (Benjamin Heisenberg, D 2010) gesehen, der im Berlinale-Wettbewerb lief und den ich dort verpasst hatte.

Er ist ganz großartig. Nicht makellos – er hat Schwächen, wo die meisten Berliner-Schule-Filme Schwächen haben: bei den Dialogen – aber doch großartig. Die Kameraarbeit von Reinhold Vorschneider scheint mir hier noch brillanter als bei Angela Schanelecs Orlyund Thomas Arslans Im Schatten (die beide auch sehr schön sind), weil er hier weniger formstreng zu Werke gehen durfte. Sie funktioniert besonders in Zusammenhang mit der Mise en scène, z.B. der Figurenanordnung und -choreografie. Oft kommt es zu Rückenansichten, zu Verdeckungen, also Einschränkungen der Sichtbarkeit. Gleichzeitig bleiben die Einstellungen aber funktional integriert. Das ist keine artistische Angeberei, keine ornamentale Verschnörkelung, sondern macht narrativ Sinn. Was den Film überhaupt auszeichnet: Er funktioniert wunderbar einfach als packende Geschichte. Weiterlesen

Berlinale: Por tu culpa

Einer der besten Filme dieser Berlinale läuft überraschenderweise in der Panorama-Sektion. Die Rede ist von Por tu culpa (It’s your fault, ARG/F 2010) von der argentinischen Regisseurin Anahí Berneri.

Gleich zu Beginn des Films musste ich an Lars von Triers Credo denken, ein Film müsse sein wie ein Stein im Schuh. Die erste Sequenz spielt in der Wohnung einer alleinerziehenden Mutter, die von ihren hyperaktiven Söhnen völlig überfordert ist. Normalerweise, so erfahren wir, gibt es ein Kindermädchen, das sich um die beiden kümmert, und einen Vater, von dem sie aber getrennt lebt und der gerade auf Geschäftsreise ist. Unerträglich lang wirkt diese Sequenz; der Stress, den die Mutter erlebt, ihre Hilflosigkeit überträgt sich auf die Zuschauerinnen. Nichts wünscht man sich sehnlicher als einen erlösenden Schnitt zu einem anderen Ort, einer anderen Situation, einer anderen Figurenkonstellation. Aber den gönnt einem die Regisseurin nicht. Weiterlesen

Berlinale: Rumänischer Wettbewerbsbeitrag

Eigentlich ist es in jedem Jahr das gleiche. Erst stürze ich mich wie ein Doofer in jede angebotene Pressevorführung, stelle dann fest, dass da viel Mist läuft, bekomme schlechte Laune und einen gehörigen Hass auf die Veranstalter der Berlinale: Wie kann man dem Publikum so einen Schrott vorsetzen? Nach einem Tag Retrospektiven-Katharsis wird meine Wahl dann selektiver, und siehe da: Auch unter den neuen Filmen, selbst jenen, die im Wettbewerb laufen, finden sich ein paar Perlen.

Die bisherige Entdeckung ist für mich Eu cand vreau sa fluier, fluier (If I Want to Whistle, I Whistle, ROM 2010) von Florin Serban. An anderer Stelle hat Lukas Förster auf die ästhetische Verankerung in der neuen rumänischen Filmbewegung hingewiesen (alles deutet darauf hin, dass das rumänische zur Zeit das interessanteste europäische Kino ist), und auf die Finesse und den Realismus, mit der die räumlichen wie sozialen Verhältnisse im Jugendknast dargestellt werden. Er moniert jedoch Schwächen im Drehbuch. Und da bin ich ausnahmsweise nicht seiner Meinung (sondern eher der des Kommentars von Ekkehard Knörer).

Ich kann zwar den Wunsch verstehen, lieber noch mehr über die Knastverhältnisse erfahren zu wollen. Aber die Wendung, die der Plot nimmt, scheint mir konsequent – durch die vorherigen Ereignisse sogar sehr gut motiviert – und darüber hinaus politisch klug. Weiterlesen

Berlinale: Beste

Eine praktische Übung in self fulfilling prophecy: Erst schreiben, dass die besten Filme der Berlinale die alten sind, die in den verschiedenen Retrospektiven laufen, dann nur diese Filme gucken, dann feststellen, dass dies die besten sind, die man gesehen hat. Ganz einfach.

Also, die bisher besten Filme:

1. Bill Douglas Trilogy: drei Filme von 1972, 1973 und 1978 jeweils mit den gleichen Schauspielern, die in betörenden und verstörenden Bildern an die triste Kindheit des Regisseur im Nachkriegsschottland erinnern, wobei die Erinnerungsarbeit subtil in die Erzählweise (Nachträglichkeit) und die Bilder integriert ist. Meisterwerk.

2. Il giardino dei Finzi Contini (Vittorio de Sica, I/BRD 1970), ein ziemlich Viscontieskes Spätwerk des Regisseurs, der eigentlich für seine neorealistischen Filme bekannt geworden ist; Verfilmung eines Romans von Giorgio Bassani, in dem es um das faschistische Italien und die einsetzende gesetzliche Verankerung der Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung geht. Brillant erzählt und gefilmt.

Sa, 20.2. Cinemaxx 8, 22:30

3. Konyaku sangabarasu (The Trio’s Engagement, Shimazu Yasujiro, J 1937), eine kleine (66 Min.), sehr feine Komödie um drei Typen, die sich auf die gleiche Stelle in einem Warenhaus bewerben, sie alle drei bekommen und sich dann alle drei Hoffnung auf eine Ehe mit der Tochter des Chefs machen. Shimazu dreht das in einer Mischung aus damaligem Hollywood-Style und feinem japanischem Humor mit wunderbarem Tempo. Macht viel Spaß.

Sa, 20.2. Cinestar 8, 19:30

4. Solnze (The Sun, 2005), Sokurovs düstere Verfilmung der letzten Tage des japanischen Kaisers während der amerikanischen Invasion am Ende des 2. Weltkriegs; zeichnet ein ambivalentes Porträt des Kaisers, der sich seiner Situation voll bewusst, ihr dabei ohnmächtig ausgeliefert ist und sich in seine biologischen und poetischen Hobbies flüchtet. Sehr sehenswert.

Mi, 17.2. Cinemaxx 8, 15:30; Do, 18.2. Cinemaxx 8, 11:00

Berlinale zum 60.

Eben wurde mit dem Film Tuan Yuan die Berlinale eröffnet, die heuer ihren 60. Geburtstag feiert. Das ist kein Grund für Jubelgeschrei. Denn im Grunde handelt es sich um eine recht triste Veranstaltung. Sehr viele ziemlich schlechte oder gerade noch mittelmäßige Filme laufen hier und man hat nicht das Gefühl, dass das mit den Jahren besser, sondern eher das Gefühl, dass es immer schlimmer wird. Der Wettbewerb war noch nie so schwach besetzt wie in diesmal. (Einen klugen ausführlichen Text, der auch ein paar Gründe (z.B. Kosslick) für die Dilemmata der Berlinale nennt, findet man hier.)

Der Eröffnungsfilm ist symptomatisch. Solides chinesisches Filmhandwerk baut mit okayen Darstellern eine rührselige Geschichte, die niemandem wehtut und mit ein bisschen Sentiment und ein bisschen betrunkenem Gesang so vor sich hin menschelt. Der Regisseur Wang Quan’an, der zu Sechsten Generation chinesischer Filmemacher gezählt wird, hat vor drei Jahren mit Tuyas Hochzeit den Goldenen Bären gewonnen, einem Film, der (vor allem aufgrund der Protagonistin) noch deutlich besser war als der heutige. Aber auch der hatte schon das gleiche Hauptproblem wie jetzt Tuan Yuan, ein Problem, das bereits vor 20 Jahren in Bezug auf die Filme der sogenannten Fünften Generation diskutiert wurde: Der Blick des Regisseurs ist gewissermaßen autoethnographisierend, er führt die chinesische Gesellschaft für die Augen westlicher Zuschauerinnen vor. In Tuyas Hochzeit war der dermaßen exotisierte Schauplatz die Mongolei, in Tuan Yuan ist es die Großstadt Shanghai.

Symptome dieser Selbstexotisierung: der eine alternde Mann, der dem anderen erklärt, dass er sich vor dem Einschlafen immer die Füße mit warmen Wasser wasche, worauf der andere antwortet, dass dies in Taiwan nicht Brauch sei; die Szenen auf dem Standesamt, wo die beiden Eheleute erfahren, sie müssten nochmal heiraten, um sich scheiden lassen zu können (mit denen der Film sich über die putzige chinesische Bürokratie amüsiert); die alten Lieder, die drei alten Menschen beim Abendessen gemeinsam singen etc. Immer wirkt das so als wollte der Film sagen: Seht her, so sind die Chinesen, irgendwie drollig, oder? Und auch sehr menschlich.

In den anderen Sektionen sieht es nicht besser aus. Aus dem Programm des Panorama (wo erfahrungsgemäß der übelste Mist läuft), kenne ich kaum einen der Namen; im Forum sind zwar wie immer ein paar Perlen dabei (dazu demnächst mehr), aber auch einige ganz unterirdische Filme. Ganz traurig ist auch die diesjährige Retrospektive. Auf die war eigentlich immer noch am ehesten Verlass, oft war sie auch richtig schön zusammengestellt. In diesem Jahr ist das Konzept der Retrospektive eine Nicht-Idee: einfach ein paar Highlights aus 60 Jahren Berlinale zeigen. So Filme wie À bout de souffle oder La notte. Ein paar unbekanntere (und dem Vernehmen nach tolle) Filme sind zwar auch darunter. Aber ob sich die Festivalmacher da nicht selbst ein Bein gestellt haben? Neben diesen Filmen muss das Restprogramm doch noch c-klassiger wirken…