Bilanz 2018

Politisch betrachtet war 2018 erneut ein ziemlich schlimmes Jahr. Gut, Friedrich Merz ist uns gerade noch erspart geblieben und es gab auch ein paar andere positive Ereignisse – dazu später mehr. Zunächst einmal der Horror: Die Tendenz zur großen Renaissance des Nationalismus hält an. In Italien und Österreich sind Rechtsextreme mit an die Macht gekommen; in Russland und China herrschen autoritäre und nationalistische Regime, Indien wird von einem Hindunationalisten regiert und in den USA setzt Trump Teile seiner nationalistischen Agenda um (wird von den Institutionen allerdings einigermaßen im Zaum gehalten und die von mir anfangs geäußerte Befürchtung, er wolle einen echten Faschismus etablieren, erweist sich rückblickend ohnehin als maßlos übertrieben).

Den Tiefpunkt in dieser Hinsicht bildete aber die Wahl in Brasilien. Während die Situation in den genannten Ländern sicherlich für manche Menschen sehr unangenehm ist (to say the least) und immer die Gefahr weiterer Verschlimmerung besteht, handelt es sich doch bei keinem davon um ein wirklich faschistisches Regime. In Brasilien droht genau ein solches nun aber tatsächlich. Des Historiker Antoine Acker beantwortet in einer durchaus abwägenden, mit dem Begriff vorsichtig umgehenden Analyse die Frage, ob der gewählte Präsident Jair Bolsonaro ein Faschist sei, letztlich klar mit Ja:

„Seit Ende der 1980er Jahre hat das Aufkommen des Rechtspopulismus in der europäischen Parteienlandschaft zu einer inflationären Nutzung des Faschismus-Vergleichs in Politik und Medien geführt. Viele Historiker hat dies bewegt, den häufigen Übertreibungen in der politischen Diskussion entgegenzutreten und das Etikett Faschismus nur sehr sparsam für rechtsradikale Bewegungen zu verwenden. Jetzt ist es an der Zeit, es auch für die Gegenwart wieder zu nutzen, denn Bolsonaro ist nicht nur der „Trump der Tropen“. Ihm geht es um einen rechtsextremen Totalitarismus, auch wenn sein Plan einer rechten Diktatur in der digitalen Welt der gegenseitigen Vernetzung weitaus schwerer zu erkennen ist als in Zeiten, in denen diese Politik noch von traditionellen faschistischen Strukturen verkörpert wurde. Den Bolsonarismus als digitalen Faschismus zu erkennen, ist deshalb keine Frage des akademischen Fachjargons. Es ist ein adäquater historischer Vergleich, der uns über die Risiken dessen informiert, was derzeit geschieht.“

Inwieweit es Bolsonaro gelingen wird, sein Projekt auch wirklich zu realisieren, wird maßgeblich vom Widerstand der brasilianischen Bevölkerung sowie von den internationalen Reaktionen abhängen. Wir werden das beobachten.


Ich habe nicht vor, diese Jahresbilanz weiter dem Horror der Welt zu widmen. Tatsächlich kann die permanente Wiederholung derartiger Meldungen und Analysen auch zu einem übertriebenen und letztlich unbegründeten Pessimismus führen. Es gab 2018 auch durchaus gute und ermutigende Entwicklungen. Hier ist eine Liste mit 99 guten Nachrichten („gut“ hier gemeint im Sinne progressiver Veränderungen). Manche sind ein bisschen fragwürdig, aber insgesamt zeigt die Liste, dass nicht alles immer schlimmer geworden ist, sonst manches eben auch wirklich besser. Gute Nachrichten waren für mich auch die über alle Erwartungen gut besuchten Demos für eine bessere Wohnpolitik am 14. April (mit mehr als 15.000 Teilnehmerinnen und vielen wunderbaren selbst gebastelten Plakaten) und vor allem die riesige Unteilbar-Demo am 13. Oktober.


Ansonsten versüße ich mir das Leben, so gut es halt geht; u.a. durch den Konsum der schönen Künste. Wie in den vergangenen Jahren – 2017 (Filme + Platten + Bücher); 2016 (Filme + Platten + Bücher); 2015 (Filme + Platten + Bücher); 2014 (Filme / Platten + Stücke); 2013 (neuere Filme / ältere Filme / Platten / Stücke / Bild); 2012 (Filme); 2011 (Filme/ Platten); 2010 (Filme); 2009 (Filme) – ziehe ich auch hier Bilanz. Mein Best-of-2018 sieht ungefähr so aus:


Filme (im Kino gesehene, neuere)

Ich tue gar nicht mehr so, als würde ich mich für den Mainstream interessieren (ich habe es versucht, aber schaffe es einfach nicht): kein Blockbuster, kein Hollywoodfilm auf der Liste. Ich kann es gut verstehen, wenn man meinem Filmgeschmack misstraut, aber was soll ich machen, ich bin halt verkorkst.
Bemerkenswert in diesem Jahr: Die Renaissance des Schwarz-Weiß. Die vier letzten Filme der Liste sind alle in Schwarz-Weiß gedreht und allesamt ganz wunderschön anzusehen! (In chronologischer Sichtungsreihenfolge meiner Sichtung:)
The Florida Project (Sean Baker, US 2017)
Transit (Christian Petzold, D/F 2018)
Une vie (Stéphane Brizet, F/BE 2016)
Zama (Lucrecia Martel, ARG et al. 2017)
Lazzaro felice (Alice Rohrwacher, I/CH/F/D 2018)
Gundermann (Andreas Dresen, D 2018)
On the Water (Goran Dević, KRO 2018)
Da xiang xi di er zuo (An Elephant Sitting Still, Hu Bo [Qian Hu], CN 2018)
Cold War (Pawel Pawlikowski, PL/F/UK 2018)
De cendres et de braises (Manon Ott, F 2018)
Leto (Kirill Serebrennikov, RUS/F 2018)
Roma (Alfonso Cuáron, MEX/USA 2018)


Stücke (Tracks & Songs)

2018 geht in die deutschsprachige Popmusikgeschichte als das Jahr ein, in dem mit Intro und Spex auf einen Schlag zwei der wichtigsten Magazine verschwanden. Erstaunlich ist, dass der eiskalte Atem des gnadenlosen Marktgesetzes beide auf einmal erwischt hat. Bei ihrer einigermaßen ähnlichen Ausrichtung hätte man doch annehmen können, das Aus des einen hätte dem anderen neue Leserinnen (Käuferinnen, Abonnenten) zuspielen können. Keine Ahnung, was da los war. Ich muss auch zugeben, dass es mich persönlich wenig interessiert; ich habe beide schon seit Jahren kaum noch gelesen und werde sie nicht vermissen (früher war die Spex für mich aber durchaus prägend).

Ich glaube, ich habe 2018 so wenig Musik gehört wie in keinem Jahr seit mindestens 25 Jahren. Das finde ich irritierend bis verstörend und ich hoffe, dass das 2019 wieder besser wird. Diesmal gibt es auch keine Liste vollständiger Alben, sondern nur von einzelnen Stücken (in ungefähr chronologischer Reihenfolge meines Hörens):

Sophia Kennedy – Being Special (2017)
Severija – Zu Asche, Zu Staub (Psycho Nikoros) (2017)
Kendrick Lamar, SZA – All the Stars (2018)
Kamasi Washington – Street Fighter Mas (2018)
Mouse on Mars – Foul Mouth (2018)
Tocotronic – Electric Guitar (2018)
Die Nerven – Niemals (2018)
Jon Hopkins – Emerald Rush (Edit) (2018)
Chilly Gonzales – Be Natural (2018)
Kokoroko – Abusey Junction (2018)
Berliner Solistenchor – Es kommt ein Schiff geladen (2009)
Yves Tumor – Noid (2018)


Bücher

Zunächst hatte ich vor, die Titel wie im letzten Jahr in Fiction / Nonfiction zu unterteilen, aber mir scheint – obwohl ich normalerweise nicht zu den gattungsdekonstruktiven Relativisten gehöre, sondern denke, dass die Unterscheidung pragmatisch durchaus Sinn macht – dass dies hier in einigen Fällen kaum zu bestimmen ist. Während „Spielfilm“ immer „Fiktion“ heißt, scheint das bei „Roman“ nicht der Fall zu sein. Es häufen sich die autobiografischen Romane, deren Autoren beteuern, alles sei authentisch, nichts erfunden. Die bekanntesten Fälle der letzten Jahre sind sicherlich Karl Ove Knausgård und Édouard Louis. Aber bei Gavino Leddas Padre padrone (1975), einem Buch über das Coming of Age eines sardischen Hirtenjungen, das einen tiefen Eindruck auf mich hinterlassen hat, ist das auch schon so (und natürlich gibt es viele noch ältere Beispiele).

Der scheinbare Widerspruch lässt sich nach mindestens drei Seiten auflösen: Erstens könnte man vermuten, dass „Roman“ hier die narrative Form bezeichnet, nicht die (fiktive oder reale) Extension des Erzählten. Zweitens könnte man annehmen, dass sich das Buch schlichtweg besser verkauft, wenn „Roman“ auf dem Cover steht, solange der Autor (die Autorin) nicht bereits berühmt ist. Wer will schon die Autobiografie einer ihm völlig unbekannten Person lesen. Drittens könnte man meinen, der autobiografische Roman unterscheide sich von der Autobiografie durch seine größere künstlerische Freiheit. So will es Wikipedia: „Trotz ihrer explizit subjektiven Perspektive hat die Autobiografie einen größeren Objektivitätsanspruch als der autobiografische Roman.“

Von meiner Liste bildet übrigens George Orwells Down and Out in Paris and London gewissermaßen das Gegenstück von der anderen Seite. Auf dem Cover der Erstausgabe heißt es:

„This is, in our view, an extremely forceful and socially important document. The picture drawn by the author is completely convincing: and though it is quite terrible (as of course, it is meant tob be) it holds the attention far more closely than do 90% of the novels.“

Und doch liest es sich an einigen Stellen viel ausgedachter und konstruierter als alles, was in Leddas Buch vorkommt. So verwundert es nicht, dass der Diogenes-Verlag in einer späteren Ausgabe der deutschen Übersetzung einfach „Roman“ auf den Deckel geschrieben hat (während die Gattungszuordnung in den ersten Auflagen offengeblieben war).

Fragen der Fiktionalität haben mich 2018 auch in meiner filmwissenschaftlichen Arbeit beschäftigt, aber damit will ich hier nun wirklich niemanden mehr langweilen. Hier die Liste (in alphabetischer Reihenfolge):

Bini Adamczak – Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende (2017)
César Aira – Prinzessin Primavera (2017; argent. span. 2003)
James Baldwin – Beale Street Blues (2018; amerik. engl. 1973)
James Baldwin – Giovanni’s Room (1956)
Antonio Di Benedetto – Und Zama wartet (1967; argent. span. 1956/1967)
Antonio Di Benedetto – Stille (1968; argent. span. 1964)
Ulrike Edschmid – Das Verschwinden des Philip S. (2013)
Jenny Erpenbeck – Gehen, ging, gegangen (2015)
Jenny Erpenbeck – Aller Tage Abend (2012)
Arne Karsten – Geschichte Venedigs (2012)
Daniel Kehlmann – Tyll (2017)
Gavino Ledda – Padre padrone (1978; ital. 1975)
José Moure, Gilles Mouëllic & Vincent Amiel (Hg.) – Le découpage au cinéma (2016)
Vladimir Odoevskij – Der schwarze Handschuh. Erzählungen (2013; russ. 1839)
George Orwell – The Road to Wigan Pier (1937)
George Orwell – Down and Out in Paris and London (1933)
Cesare Pavese – Der Mond und die Feuer (2018; ital. 1950)
Marion Poschmann – Die Kieferninseln (2017)
William T. Vollmann – Arme Leute (2018)

Und nun Prosit Neujahr, auf dass es ein (noch) besseres werde!

Kurzes Interview mit Bini Adamczak Zur Relevanz vom ollen Marx

Hier ein Interview, das eigentlich für den ORF aufgenommen wurde, von dem österreichischen Sender jedoch abgelehnt wurde – mit der Begründung, Adamczak sei Mitglied der IL (was nicht stimmt, aber bis vor Kurzem auf Wikipedia stand).

Frau Adamczak, welche Relevanz hat Karl Marx 200 Jahre nach seinem Tod?

Marx – und der Zusammenhang, dem er entstammt – haben uns eine präzise und radikale Analyse des Kapitalismus geschenkt. So lange wir im Kapitalismus leben, bleibt diese Analyse aktuell. Die Theorien von Marx werden also erst dann zu den alten Eisen zählen können, wenn auch der Kapitalismus auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt ist.

Sie haben sich besonders intensiv mit Geschlechterverhältnissen in unserer Gesellschaft auseinandergesetzt. Inwieweit ist Marx für diese Analyse hilfreich? Wo sind Schwachstellen?

Eine zentrale kapitalistische Ideologie lautet: „So, wie es ist, war es immer, so wird es immer sein“. Schon die Jägerinnen und Sammler sollen Felle und Beeren gegeneinander ausgetauscht haben, schon in den Steinzeithöhlen sollen manche Kinder die Farbe rosa, andere die Farbe hellblau bevorzugt haben. Der Grund hierfür wird „Natur“ genannt – „da kann man halt nichts machen“, heißt es. Darüber hat sich der Historiker Marx zu Recht lustig gemacht. Im Laufe der Zeit haben die Menschen mit sehr unterschiedlichen Modellen von Wirtschaft oder Geschlecht gelebt. Über den allergrößten Zeitraum der Menschheitsgeschichte hat Geld eine verschwindend kleine Rolle gespielt und auch das Patriarchat gibt es noch nicht ewig. Weder die Unterdrückung des einen Geschlechts durch das andere, noch überhaupt die Unterteilung von Menschen in Geschlechter sind natürlich. Ein offener Blick in die Geschichte zeigt: Es war nicht immer so, es muss nicht immer so bleiben.

Sie gelten als prominente Kritikerin des Stalinismus. Gibt es Ihrer Meinung nach einen Zusammenhang zwischen den Theorien von Marx und den autoritären Ausformungen des Sozialismus?

Marx war vor allem Kritiker der kapitalistischen Herrschaft. Mit der Frage, wie eine eine herrschaftsfreie Gesellschaft aussehen kann, die nach dem Kapitalismus kommt, hat er sich wenig beschäftigt. Die Einwände anderer Sozialistinnen, wie etwa Bakunins, der auf mögliche Gefahren hinwies, hat Marx mit Arroganz beiseite gewischt. Damit muss er sich den Vorwurf einer gewissen intellektuellen Verantwortungslosigkeit machen lassen. Es gibt bei Marx auch autoritäre Tendenzen, vor allem in der Praxis, etwa gegenüber den anarchistischen Genossinnen, und ebenfalls in seinen Texten. Der autoritäre Sound findet sich da vor allem in den Fußnoten, anders als bei Lenin, wo er in den Haupttext wandert. Der Stalinismus jedoch ist eine gänzliche Verkehrung des kommunistischen Versprechens. Dieses lautete immer: Nicht die Herrschaft der einen durch die Herrschaft der anderen zu ersetzen – wie bisher in der Geschichte –, sondern alle Herrschaft abzuschaffen. Es ist deswegen kein Zufall, dass viele der frühsten und radikalsten Kritiken des Stalinismus von Marxistinnen formuliert wurden. Aber die stalinistische Herrschaft lässt sich nicht mehr aus der Geschichte wegdenken. In diesem Sinne hatte Marx weniger Einfluss auf Stalin als Stalin auf Marx. Das macht die Aufgabe für die Menschen heute schwerer: Sie müssen nicht nur die Schrecken des Kapitalismus abschütteln, sondern auch verhindern, dass neue Schrecken an deren Stelle treten.

Führende Ökonomen gehen davon aus, dass die Krise mit dem Jahr 2008 keineswegs vorbei ist, sondern dass uns weitere schwere Erschütterungen drohen. Kann Marx uns helfen, die Krisen des Kapitalismus besser zu verstehen?

Moderne Menschen, vor allem liberale, gehen oft davon aus, dass alles so weiter geht wie bisher. Insbesondere in Phasen von Wohlstand und Wachstum glauben sie an einen steten Fortschritt zum Besseren. Umso größer ist das Erschrecken, wenn eine plötzliche ökonomische Krise diese Illusion zerreißt. Plötzlich scheint die Zeit rückwärts zu laufen und die hässlichsten Leichen der Geschichte kehren an die Oberfläche der Tagespolitik. Wir erleben die Rückkehr des Faschismus. Marx Analyse zeigt, dass die Krise notwendig zum Kapitalismus gehört. Die kapitalistische Ökonomie zeichnet sich durch einen unbegrenzten Zwang zum Wachstum aus, der sich nicht aufhalten lässt. Auch dann nicht, wenn sonnenklar ist, dass er die natürlichen Lebensgrundlagen des begrenzten Planeten zerstören wird. Marx kann helfen, hier klar zu sehen: Die Gefahr des Faschismus lässt sich nicht bannen und das Klima der Erde nicht retten, so lange der Kapitalismus bestehen bleibt.

Trump und die Folgen Der antifaschistische Imperativ

Man will sich derlei Anrufungen als (gefühlt) souveränes Subjekt ja eigentlich entziehen. Du musst! Ich muss gar nichts. Doch ich muss.

Ich hatte eigentlich vor, sobald es die Lohnarbeit (Forschung & Karriere) wieder erlaubt, mich mal mehr mit Shakespeare zu beschäftigen. Gerade lese ich zum Einschlafen, auf dem Klo, auf Zugfahrten Frank Günthers Unser Shakespeare. Die neuen Übersetzungen von sechs Stücken durch Schanelec & Gosch warten noch ungelesen im Regal auf mich.

Den Zumutungen der Lohnarbeit (Forschung & Karriere) kann und will ich mich nicht entziehen, aber die knappe restliche Zeit werde ich nun anders verbringen müssen. Shakespeare muss warten.

Der Sieg von Trump hat mich erwischt wie ein Faustschlag aus dem Nichts. Ich weiß, dass sich kluge Genossinnen schon seit ein paar Jahren wieder verstärkt dem Thema (Neo-)Faschismus zugewendet haben. Ich gebe zu, dass ich davon, trotz aller alarmierender Zeichen, nichts wissen wollte. Aber jetzt führt daran kein Weg mehr vorbei. Seit Mittwoch morgen hört mein Kopf nicht auf sich zu drehen, ich denke permanent darüber nach, ich schlafe schlecht und denke, wenn ich früh morgens aufwache, als erstes an Trump. Das liegt daran, dass ich davon überzeugt bin, dass er ein waschechter Faschist ist; dass er versuchen wird, ein faschistisches Regime zu errichten; dass er eine entsprechende Administration einsetzen wird; dass sich dieses Projekt aber erst nach und nach wirklich für alle unmissverständlich als solches entpuppen wird; dass deshalb das ganze Appeasement, das uns in den nächsten Monaten bevorsteht, reine Augenwischerei und aus linker und demokratischer Sicht kontraproduktiv ist.

Warum glaube ich, dass Trump weder eine „Black Box“ („wir wissen ja gar nicht, was er vorhat“) noch nur ein „Populist“ ist? Weil wir eben doch wissen, was er vorhat. Er hat es oft genug wiederholt. Er will keine Moslems mehr ins Land lassen und vielen von denen, die in den USA leben, wieder los werden. Ein solcher Präsident wird Pogrome nicht nur nicht verhindern. Er schürt sie.

Er will eine Mauer errichten und die Migration von Mexikanerinnen verhindern. Ob und wann die Mauer kommt, ist nebensächlich. Worum es geht, ist die Grenze „zu sichern“. Er wird Schießbefehle erteilen. Er wird Menschen umbringen lassen.

Sein Wirtschaftsprogramm ist neoliberaler Staatskapitalismus. Das ist zwar eigentlich ein Oxymoron; in der Praxis gibt es dafür aber mehr oder weniger erfolgreiche Vorbilder: China und Russland. Der Sieg Trumps verdankt sich nicht zuletzt dem Versprechen von protektionistischen Maßnahmen (zusammen gefasst in der Formel „Americanism instead of Globalism“). Der tiefgreifenden und medial kaum reflektierten Krise des Kapitalismus, die sich vor allem an den massiven Verwerfungen in den unteren Schichten und an der Prekarisierung der Mittelschicht zeigt, will Trump durch nationalistischen Protektionismus begegnen. „America first“ heißt aber auch: Das Ergehen aller anderen Menschen in allen anderen Ländern interessiert uns nicht. Das wird entsprechende Konsequenzen haben, z.B. Handelskriege, die bei Bedarf oder einfach aus einer diabolischen Dynamik heraus, in echte Kriege verwandelt werden. (Was Trump vom Einsatz von Atomwaffen hält, wissen wir übrigens auch.)

Kann das Programm des neoliberalen Staatskapitalismus funktionieren? Jein. Die Trump-Adminstration wird alles daran setzten, dass es aus der Perspektive der von den Verwerfungen Betroffenen so aussieht als ob. Etwa durch staatliche Konjunkturprogramme (Autobahnen bauen etc., kennen wir ja), die Menschen „in Arbeit bringen“. Wo es nicht funktioniert, werden Schuldige gefunden werden, die die Verbesserungen angeblich sabotieren. Das werden die liberalen Mainstreammedien, die linken Intellektuellen, die Mexikanerinnen und Muslimas sein. Das gute alte Prinzip des Sündenbocks, das im postfaktischen Zeitalter noch besser funktionieren wird als eh schon eh und je.

Trump hat keinerlei demokratische Skrupel. Der signifikanteste Moment seiner „versöhnlichen“ Victory Speech war dieser:

As I’ve said from the beginning, ours was not a campaign, but rather an incredible and great movement made up of millions of hard-working men and women who love their country and want a better, brighter future for themselves and for their families.

Es geht nicht um die Mehrheit bei Wahlen. Es geht um eine nationalistische Bewegung. Symptomatisch war auch seine Reaktion auf die ersten Proteste:

Just had a very open and successful presidential election. Now professional protesters, incited by the media, are protesting. Very unfair!

Auch das ist ein bekanntes Muster. Proteste werden nicht als legitimes Mittel der Demokratie, als Möglichkeit der Menschen, ihren Unmut zu bekunden, verstanden und respektiert, sondern als unsportlich und obendrein von außen (entweder aus dem Ausland oder wie hier von den Medien) gesteuert diskreditiert. Keine Frage: So wird es weitergehen.

Wenn es also stimmt, dass Trump ein Faschist ist, schließen sich einige Fragen an. Warum ist der Neo-Faschismus so erfolgreich? Denn Trump ist ja nicht der erste. Bereits an der Macht sind: Putin in Russland, Erdogan in der Türkei, Orban in Ungarn, die PiS in Polen, Al-Sissi in Ägypten etc.. In Frankreich wird nächstes Jahr aller Voraussicht nach Le Pen gewählt. Eine Erklärung dafür müsste weiter ausholen und besser abgesichert sein, als das, was ich im folgenden leisten kann. Überzeugt bin ich aber, dass der neue globale Faschismus nur als Antwort auf die vom neoliberalen Regime verschärfte Krise des Kapitalismus verständlich ist. Erfolgreich ist er, weil die anderen beiden möglichen Antworten auf diese Krise – kommunistische Radikaltransformation und sozialdemokratische Umverteilungspolitik – die meisten Menschen aus verschiedenen Gründen nicht überzeugen. Der Kommunismus ist zum einen durch den dysfunktionalen und autoritären Staatssozialismus desavouiert, zum anderen fehlen den Modellen des neuen Kommunismus selbst im linken und linksradikalen Lager überzeugte Unterstützerinnen sowie mediale Aufmerksamkeit. Kurz gesagt: Momentan glaubt kaum jemand an den Kommunismus als real-mögliche Alternative. Die Sozialdemokratie auf der anderen Seite bietet kein überzeugendes Gegenmodell zum Faschismus an, weil sie sich in den Zeiten der neoliberalen Hegemonie (ca. 1988–2008) als dieser gegenüber hoffnungslos wehrlos, als komplett prinzipienlos erwiesen hat. (Die Leute haben das verstanden: Die Dezimierung der SPD von strukturell zwischen 35 und 40 auf 20 bis 25% nach der Agenda 2010 ist dafür sichtbarer Ausdruck.) Die „Sozialdemokraten“ dieser Jahre (Clinton, Blair, Schröder, Zapatero etc.) haben sich als die besten Exekutoren des neoliberalen Programms erwiesen und sind insofern für den Neofaschismus mit verantwortlich.

Der Erfolg des neuen Faschismus ist also, so sehr er in Einzelfällen wie ein Betriebsunfall aussieht, recht logisch. Aber was ergibt sich daraus?

Damit wäre ich beim Anfang des Textes, dem Imperativ. Spätestens mit dem Sieg Trumps ist die Weltordnung eine neue, sie ist eine in großen Teilen faschistische. So ärgerlich es ist: Für uns andere ist dies nun die Zeit des Antifaschismus. Wir können uns unseren Zeitvertreib nicht mehr frei aussuchen. Wir haben zu tun. Wir müssen uns ein besseres Verständnis des Phänomens erarbeiten, wir müssen wirksame Gegenstrategien entwickeln. Wir müssen kurz- und mittelfristig am Aufbau einer antifaschistischen Front arbeiten, einer Front, die alle antifaschistischen Kräfte von ganz links bis ins humanistisch-konservative Lager einbindet. Mittel- und langfristig müssen wir endlich wieder an der Abschaffung des Kapitalismus arbeiten. Solang es ihn gibt, wird es Krisen geben, wird es den Faschismus geben.