Berlinale: Rumänischer Wettbewerbsbeitrag

Eigentlich ist es in jedem Jahr das gleiche. Erst stürze ich mich wie ein Doofer in jede angebotene Pressevorführung, stelle dann fest, dass da viel Mist läuft, bekomme schlechte Laune und einen gehörigen Hass auf die Veranstalter der Berlinale: Wie kann man dem Publikum so einen Schrott vorsetzen? Nach einem Tag Retrospektiven-Katharsis wird meine Wahl dann selektiver, und siehe da: Auch unter den neuen Filmen, selbst jenen, die im Wettbewerb laufen, finden sich ein paar Perlen.

Die bisherige Entdeckung ist für mich Eu cand vreau sa fluier, fluier (If I Want to Whistle, I Whistle, ROM 2010) von Florin Serban. An anderer Stelle hat Lukas Förster auf die ästhetische Verankerung in der neuen rumänischen Filmbewegung hingewiesen (alles deutet darauf hin, dass das rumänische zur Zeit das interessanteste europäische Kino ist), und auf die Finesse und den Realismus, mit der die räumlichen wie sozialen Verhältnisse im Jugendknast dargestellt werden. Er moniert jedoch Schwächen im Drehbuch. Und da bin ich ausnahmsweise nicht seiner Meinung (sondern eher der des Kommentars von Ekkehard Knörer).

Ich kann zwar den Wunsch verstehen, lieber noch mehr über die Knastverhältnisse erfahren zu wollen. Aber die Wendung, die der Plot nimmt, scheint mir konsequent – durch die vorherigen Ereignisse sogar sehr gut motiviert – und darüber hinaus politisch klug. Weiterlesen

Berlinale zum 60.

Eben wurde mit dem Film Tuan Yuan die Berlinale eröffnet, die heuer ihren 60. Geburtstag feiert. Das ist kein Grund für Jubelgeschrei. Denn im Grunde handelt es sich um eine recht triste Veranstaltung. Sehr viele ziemlich schlechte oder gerade noch mittelmäßige Filme laufen hier und man hat nicht das Gefühl, dass das mit den Jahren besser, sondern eher das Gefühl, dass es immer schlimmer wird. Der Wettbewerb war noch nie so schwach besetzt wie in diesmal. (Einen klugen ausführlichen Text, der auch ein paar Gründe (z.B. Kosslick) für die Dilemmata der Berlinale nennt, findet man hier.)

Der Eröffnungsfilm ist symptomatisch. Solides chinesisches Filmhandwerk baut mit okayen Darstellern eine rührselige Geschichte, die niemandem wehtut und mit ein bisschen Sentiment und ein bisschen betrunkenem Gesang so vor sich hin menschelt. Der Regisseur Wang Quan’an, der zu Sechsten Generation chinesischer Filmemacher gezählt wird, hat vor drei Jahren mit Tuyas Hochzeit den Goldenen Bären gewonnen, einem Film, der (vor allem aufgrund der Protagonistin) noch deutlich besser war als der heutige. Aber auch der hatte schon das gleiche Hauptproblem wie jetzt Tuan Yuan, ein Problem, das bereits vor 20 Jahren in Bezug auf die Filme der sogenannten Fünften Generation diskutiert wurde: Der Blick des Regisseurs ist gewissermaßen autoethnographisierend, er führt die chinesische Gesellschaft für die Augen westlicher Zuschauerinnen vor. In Tuyas Hochzeit war der dermaßen exotisierte Schauplatz die Mongolei, in Tuan Yuan ist es die Großstadt Shanghai.

Symptome dieser Selbstexotisierung: der eine alternde Mann, der dem anderen erklärt, dass er sich vor dem Einschlafen immer die Füße mit warmen Wasser wasche, worauf der andere antwortet, dass dies in Taiwan nicht Brauch sei; die Szenen auf dem Standesamt, wo die beiden Eheleute erfahren, sie müssten nochmal heiraten, um sich scheiden lassen zu können (mit denen der Film sich über die putzige chinesische Bürokratie amüsiert); die alten Lieder, die drei alten Menschen beim Abendessen gemeinsam singen etc. Immer wirkt das so als wollte der Film sagen: Seht her, so sind die Chinesen, irgendwie drollig, oder? Und auch sehr menschlich.

In den anderen Sektionen sieht es nicht besser aus. Aus dem Programm des Panorama (wo erfahrungsgemäß der übelste Mist läuft), kenne ich kaum einen der Namen; im Forum sind zwar wie immer ein paar Perlen dabei (dazu demnächst mehr), aber auch einige ganz unterirdische Filme. Ganz traurig ist auch die diesjährige Retrospektive. Auf die war eigentlich immer noch am ehesten Verlass, oft war sie auch richtig schön zusammengestellt. In diesem Jahr ist das Konzept der Retrospektive eine Nicht-Idee: einfach ein paar Highlights aus 60 Jahren Berlinale zeigen. So Filme wie À bout de souffle oder La notte. Ein paar unbekanntere (und dem Vernehmen nach tolle) Filme sind zwar auch darunter. Aber ob sich die Festivalmacher da nicht selbst ein Bein gestellt haben? Neben diesen Filmen muss das Restprogramm doch noch c-klassiger wirken…

25 Filme des Jahres 2009

Ich hatte immer Probleme mit diesen Listen des Jahres. Zu unklar bleibt mir da immer: Meint sie, die Listologin, wenn sie „Filme des Jahres“ sagt, die, die sie am besten fand? Oder die, die sie am liebsten gesehen hat, bei denen sie sich am besten amüsiert hat? (Das ist ja nicht immer das gleiche.) Und: Aus welcher Auswahl? (Sie wird wohl kaum alle gesehen haben.) Welche Filme wurden absichtlich weggelassen? Und welche nur, weil sie gar nicht gesehen wurden? Und: Ist das nicht immer auch ein eher peinliches Distinktionsspiel, das mit diesen Listen gespielt wird? Sind meine Filme rarer, ist mein Geschmack erlesener als deiner?

Dennoch: derartige Listen können auch hilfreich sein. So wenn man bei Leuten, deren Filmgeschmack man kennt und schätzt, auf Titel stößt, die man noch nicht kannte und deren Sichtung man dann nachholen kann. Oder wenn ein Film, den man verpasst hat, auf verschiedenen Listen auftaucht und so das Bedürfnis, ihn doch unbedingt noch sehen zu müssen, verstärkt.

Hier mein Top-25, Weiterlesen

Lektüre einer drei Wochen alten Zeitung

Wenn man nach längerem Unterwegssein nachhause kommt, hat sich dort die abonnierte Zeitung gestapelt, die Süddeutsche in meinem Fall. Man kann also nachvollziehen, was in den vergangenen Wochen passiert ist, oder eher: wie darüber berichtet wurde, was passiert ist. Und was man verpasst hat.

Entschleunigung. Ein Neologismus, der ganz so neo nicht mehr ist, aber erst in den letzten Jahren an Popularität gewonnen zu haben scheint. Ist ja nicht so als müssten wir beweisen, dass wir wissen, wie das funktioniert: die rapide entschleunigte Frequenz des Erscheinens neuer Texte auf unserm Blog spricht ganz für sich. Aber eine andere praktische Übung in Sachen Entschleunigung könnte so aussehen: just in dem Medium, von dem einem immer suggeriert wird, hier sei die News von vor dem Nachmittagsnickerchen beim Aufwachen schon wieder old, die Zeitung von vor drei Wochen kommentieren. Also zur Wochenend-SZ vom 29./30. August! (Ich beschränke mich, damit es nicht völlig bescheuert wird, auf den feuilletonistischen Teil, der ja eh immer eine längere Halbwertszeit hat als Politik und Sport.)
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Am Anfang war die Sequenz

Manchmal sagen Bilder mehr als Worte. Das wissen Focus und Bild sehr genau, weshalb diese dazu neigen auch mal den Text ganz wegzulassen, was sehr unbefriedigend sein kann. Auch in Filmen ist es zuweilen so, dass eine einzige Sequenz für den ganzen Film stehen kann. Das wiederum sind meist sehr erhabene Momente.

Andrei Tarkowski - Offret

Offret (Andrei Tarkowski, 1986)

In Andrei Tarkowskis letztem Film Opfer (Offret, 1986) existiert eine solche, sehr eindrucksvolle Sequenz: Wenn ziemlich gegen Ende der 149 Minuten Alexander nach der Nacht mit Maria endlich um Erlösung suchend sein Haus anzündet, entfernt sich die Kamera erst unmerklich von dem brennenden Haus. Bald kreist sie (scheinbar) orientierungslos um die Sanitäter, die in einer merkwürdigen Aktion Alexander einfangen und schließlich wegbringen. Zu guter Letzt spricht der bis dahin stumme Sohn seine ersten Worte: „Am Anfang war das Wort. Warum Papa?“

In dieser Sequenz steckt die Essenz des gesamten Films, und sie bricht hier förmlich heraus. Doch selbst die Worte des Sohnes können nicht so recht trösten, auch ihnen haftet etwas Vorwurfsvolles an und der Vater kann sie nicht mehr hören, die Erlösung wird ihm verwehrt.

Michael Haneke ist in Das Weisse Band (2009) ebenfalls eine solche Sequenz gelungen, von der der Verleih leider kein Bild zur Verfügung stellt, weshalb an dieser Stelle das Wort herhalten muss (Achtung Spoiler!): Weiterlesen