Little Fugitive und Jean Douchet

Vor einiger Zeit haben wir auf ein Gespräch mit dem französischen Filmpädagogen und -theoretiker Alain Bergala hingewiesen, in dem dieser in hohen Tönen von einem unbekannten Meisterwerk des US-Independentkinos schwärmte. Dieser Film, der offenbar einige der späteren Nouvelle Vague-Regisseure nachhaltig beeinflusst hat, Little Fugitive (Morris Engel, USA 1953) nämlich, wird morgen um 20.00 Uhr im Berliner Arsenal gezeigt. Anschließend wird Jean Douchet, ein immer noch aktiver französischer Cinephiler der ersten Cahiers du cinema-Generation, diesen Film aus dem Stegreif analysieren.

Am Abend vorher (heute also!) werden „filmvermittelnde Filme“ von Douchet gezeigt und diskutiert. Weitere Informationen hier.

Deneuve en español

Allen, die des Spanischen mächtig sind, sei dieser nette Artikel von unserem Freund Alex Vicente ans Herz gelegt. Er hat die olle Deneuve in Paris getroffen und einen Text daraus gemacht, in dem wir unter anderem erfahren können, dass Arnaud Desplechin (mit dem sie zuletzt Un conte de noël gedreht hat) die Deneuve als „französischen Bob Dylan“ bezeichnet.

Außerdem geht es um ihren aktuellen Film Je veux voir, eine francolibanesische Produktion, die offenbar zwischen Doku und Fiktion mäandert und sich irgendwie als Allegorie auf Deneuves Karriere verstehen lässt.

Die Moral der Form (I): Romuald Karmakar

Romuald Karmakars Herangehensweise an die Realität der Handlungen ist phänomenologisch-erkundend. Die Phänomene werden kommentarlos zum Sprechen gebracht, bis sie sich selbst kommentieren. Alexander Horwath spricht von einem „gereizten Fremdheitsgefühl“, aus dem sich Karmakars distanzierter, beobachtender, immer jedoch: insistierender Blick – vor allem auf Deutschland – speist. Zwischen Blick und Bild schiebt sich eine gläserne Wand, die den Blick davor bewahrt, dem Gegen-Stand zu verfallen. Die Kamera ist nie Teil der porträtierten (Lebens-)Welt, sie bewegt sich – mit Wittgenstein formuliert – an der Grenze dieser Welt. Gerade wegen dieser sturen Kommentar- und Teilnahmslosigkeit wird der Zuseher sehr unvermittelt auf die Materie gestoßen, gezwungen, sich in Position zu setzen. Das Sujet erhält (zu) viel Raum, sich aufzudrängen, weh zu tun, sich dar- und bloßzustellen. Dieser Raum ist allerdings genauestens definiert, kadriert. Karmakar bringt die gestalterischen Mittel auf einen Nullpunkt des Kaum-Vorhandenseins, um sie von dort aus neu zu definieren.

hamburger-lektionen

Mit Roland Barthes kann von einer „Moral der Form“ gesprochen werden, an der Karmakar konsequent arbeitet: Diese ist eigenwillig und individuell, fügt sich keinem normativen Druck, bleibt aber auf ihre Weise an die Gesellschaft rückgebunden und übernimmt Verantwortung. Die Moral der Form ist ein „Kompromiß zwischen Freiheit und Erinnerung“, eine sich erinnernde Freiheit, „Freiheit in der Geste der Wahl“. Bei Karmakar wird jeder Schnitt, jede Schrifteinblendung, jeder Perspektivenwechsel zu einer Geste der Verantwortlichkeit, zum Ausdruck einer getroffenen Wahl. Gerade aus dieser selbst auferlegten Beschränkung schöpfen seine Filme ihre Möglichkeiten, ihre Energie, ihre Nervosität, ihre Radikalität.

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Garage

Die meisten meiner Kinobesuche in letzter Zeit waren enttäuschende Erlebnisse. Filme, von denen ich vorher auf dem einen oder anderen Weg den Eindruck vermittelt bekommen hatte, dass sie unbedingt sehenswert seien, Filme die irgendwie ‚wichtig‘ schienen, waren wenig überzeugend (The Wrestler,  The International, Frost/Nixon, Üc Maymum), teilweise sogar wirklich ärgerlich (Gran Torino). Aber über die Ausnahme möchte ich nicht schweigen. Eine Ausnahme, die in gewissem Sinn auch wieder keine ist, weil dieser Film kaum Aufmerksamkeit bekommen hat, offenbar also nicht wirklich für wichtig erachtet wird. Ich rede von Garage, einem Film von Lenny Abrahamson, der bei den Irish Academy Awards sowohl für den besten irischen Film 2007 als auch als bester Regisseur ausgezeichnet wurde.

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Deutschland nullnein

Wenn sich schon die SZ, bürgerlichste der deutschen Tageszeitungen, zweimal heftig echauffiert (erst der Kniebe während der Berlinale, heute im Feuilleton der Göttler-Fritz), dann bräuchten wir eigentlich nichts mehr zu sagen. Deutschland 09, der Omnibusfilm zur Lage der Nation, ist ein überflüssiger, großteils ausgesprochen dummer Mistquatsch. Eine ungewollte Offenbarung fehlenden Talents und fehlenden Intellekts. Und ein ärgerliches und peinliches diskurspolitisches Statement.

Natürlich sind darunter auch ein paar ganz gelungene Kurzfilme, genau von den RegisseurInnen, von denen sich man sich im Vorfeld gewundert hat, warum die bei so was eigentlich mitmachen (Schanelec, Graf/Gressmann, Karmakar, Stever). (Bei Hochhäusler habe ich mich zwar auch gewundert, aber sein Film ist nicht gut – was nun andererseits auch nicht sehr überraschend ist.) Aber einige Beiträge sind so total daneben, dass doch erstaunlich ist, warum die Produzenten nicht die Reißleine gezogen haben, um die Macher vor sich selbst zu schützen.

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