Bergala

Ein sehr lesenswertes Interview mit dem französischen Filmtheoretiker und -pädagogen Alain Bergala (Co-Autor des Klassikers Ésthetique du film und Herausgeber der DVD-Reihe L’éden cinéma) findet sich bei kunst-der-vermittlung. Es geht um die französische Cinéphilie, die filmische Vermittlung von filmrelevantem Wissen und Little Fugitive (Morris Engel, USA 1953), von dem Truffaut „nicht müde wurde zu behaupten“, dass ohne dessen Einfluss weder Les 400 coups, noch À bout de souffle möglich gewesen wären.  

Lesenwert weiterhin:  Alain Bergala, Kino als Kunst, und über Bergalas Werdegang und seinen Ansatz der Filmpädagogik der Aufsatz von Bettina Henzler in Filme sehen, Kino verstehen (einem Buch zu Theorien und Methoden der Filmvermittlung).

Cargo, Heftkritik

Ich mag am ersten Cargo-Heft, dass es so offen widersprüchlich ist. Anstatt – wie bei einem solchen Projekt zu befürchten gewesen wäre – geschmackspolizeilich sich und die LeserInnen auf einen ästhetischen Kanon festzulegen, bleibt hier alles offen und unklar.

Die Widersprüche beginnen mit der Entscheidung, einen langen Text über Tom Tykwers ausgesprochen langweiligen „Action-thriller“ zu schreiben, der mit Ausnahme der Guggenheim-Zerlegungssequenz und der Bad-Bank-Thematik geradewegs aus den Achtzigern zu stammen scheint. Als hätte sich in diesem Genre auf ästhetischer und narrativer Ebene in den letzten Jahren nicht auch einiges Interessante ereignet. Weil also The International im Grunde nicht der Rede wert ist und Bert Rebhandl, der Autor des Textes, das natürlich auch gemerkt hat, hat er sich entschieden, den Film in eine Autorenperspektive zu rücken. Das kann immer machen. Man muss dann nur alle Filme (nochmal) gucken (das ist natürlich bei Tykwer hart genug, ich erinnere nur an die Filmdesaster Der Krieger und die Kaiserin oder Heaven). Und dann darüber spekulieren, worin der gemeinsame metaphysische Gehalt dieser Filme des jeweiligen Autors besteht. Eine sehr praktische Erfindung der Cahiers du Cinéma der Fünfziger Jahre, die dem Abbau von Komplexität in der Bewertung von Filmen diente. Weiterlesen

Berlinale: dokumentarische

Zwei sehr sehenswerte Dokus laufen im Forum: Die wundersame Welt der Waschkraft von Hans Christian Schmid und Material von Thomas Heise. Schmids Film zeigt im Stil des Direct Cinema (stellenweise erinnern die Bilder auch an Jonas Mekas‘ intime Experimentalfilme) den Mikrokosmos rund um den Wäschereigroßbetrieb ‚Fliegel‘. Der wurde in den 90ern in Polen gegründet, weil es da doppelt freie LohnarbeiterInnen gab und gibt, die zu unterirdischen Preisen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Und es sich deshalb lohnt, Tischtücher und Bettbezüge aus diversen Berliner Luxushotels tagtäglich bis hinter die polnische Grenze und zurück zu karren. Das Film moralisiert nicht, sondern veranschaulicht nur an diesem einfachen Beispiel, dass der Kapitalismus in seinem ganz normalen Ablauf skandalös genug ist – auch wenn gerade mal nicht Krise ist.

Waschkraft

12.2. 19:00 CineStar 8
13.2. 20:15 Delphi Filmpalast
15.2. 20:00 Cubix

Thomas Heise zeigt (u.a.) Material, das er vor zwanzig Jahren gedreht hat und das die Wende in der DDR dokumentiert. ‚Wende‘, das Wort wurde damals von den Demonstrierenden und den neuen Parteifunktionären gleichermaßen benutzt, aber bezeichnete noch nicht, was heute allgemein darunter verstanden wird. Interessant ist, wie die Diskussionen zwischen einfachen SED-Genossen verlaufen, denen daran gelegen ist, den Staatssozialismus gerechter, transparenter, demokratischer und wirtschaftlicher effizienter zu gestalten. Sie können zum ersten Mal lautstark ihrem Unmut über die Verhältnisse Luft machen. Die Reden, die sie auf den Kundgebungen spontan halten, sind heute noch oder wieder bewegend, weil sie Menschen zeigen, die willens gewesen wären unter persönlichem Einsatz mitzuwirken am Aufbau eines freieren und besseren Sozialismus (der, das ist klar, sicher auch nicht das Paradies auf Erden geworden wäre…). Mit dem Abstand von zwanzig Jahren fragt man sich, von wem damals an welchen Rädern gedreht wurde, um eine Dynamik zu entfachen, die nur ein Jahr später die Wiedervereinigung alternativlos machte.

12.2. 19:30 Cubix
14.2. 15:15 Arsenal 1