Lyrischer Adventskalender 20 — Altmann

fabrik gelände

der weg verliert seine spuren unter den sträuchern.
vielleicht bin ich der einzige, der ihn noch geht.

das lockere holz der bäume klopft gegen den wind,
der es verstreut. die nahe fabrik ist geräumt. und

die mauern beginnen, sich ein geheimnis zu suchen.
es wird erzählt, sie haben maschinen im see versenkt.

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Lyrischer Adventskalender 19 — Lehnert

Lichteinfall (I)

Wie die Nägel in den Gliedern Gottes, Streben
in einem Dach, das westwärts kriecht, wie Bohlen
sind Nebel aufgeschichtet. Hier erheben
sich Flammen, wehen über die Molen,

die aufgewühlte See? … Ein lecker Tanker?
Die Explosion von Gras aus vagen Tiefen?
Die sich im Auge festhakt wie ein Anker
und Kreise zieht, die blendend weiterliefen,

bist du die Lohe schautest, Leere, nichts?
Du sagtest: „Festland…“, sahst, wie es im Drehen
in Brand geriet, aus Brechungen des Lichts:

ein Kern, von dem du abgeschmolzen bist?
Als ein Teilchen oder Innenraum, zu sehen
in einer Höhlung, die verschlossen ist?

(Christian Lehnert, 2000, Der Augen Aufgang, Suhrkamp)

Lyrischer Adventskalender 18 — Schinkel

Cetacea

das zärtliche
Mißtraun
der Riesen,
Verschüchterter in ihren Pockenhäuten,
rührt uns, die Götter des Krills,
wenn in den Metallbäuchen von Schiffen,
hinter den Schildern
wir unsere Körper bewahren.

und in den Tagen,
wenn wir Mäuler
nur streicheln,
– die metrischen Bögen,
an denen die Hände zerbrechen
mit der schäumenden Ohnmacht der See,
schnaufen die Tiere
ein weiteres winziges Mal -:

Gesänge in Trauer.

(André Schinkel, 1998, Die Spur der Vogelmenschen, Mitteldeutscher Verlag)

Lyrischer Adventskalender 17 — Falkner

limbus

er trat hinaus in die schäumende kühle des morgens
hinter ihm sein haus verharrte noch in den tiefen

atemzügen, das gras was knusprig vom frost
sein haus stand funkelnd und erstarrt am rand

des tages, geläutert wie eine weintraube, die sorge
der freitag, das echo – waren verhallt. er sah sie

am fenster bei einer ihrer betäubenden bewegungen
niemand, nicht einmal der april, macht zartere schritte

doch er drehte sich weg, das haus sank in den schnee.
er hörte sie tanzen

(Gerhard Falkner, 1989, wemut, Luchterhand)

Lyrischer Adventskalender 16 — Papenfuß-Gorek

gesicht im pflaumenschein

der stahlummantelung ent-täuscht
verbarrikadiert sich die sonne
hinterm asbestplatten barakkendach
hetzt sie zum „Volkssturm“ auf
verendet in letzten aufgeboten
; johlende heerscharen der LUne
die sich zZ als pflaume gebärdet
überantworten’s marine sich selbst
mir grünt saulieb ein todestrieb
woher die erde such denn dreht
(bleibt mein ARKANUM)
isz mir ohnehin inzwsichensicht
indessen mithinnahme zu sauer
ist bewußtseub bzr angesichts
des todes & davon druchdrungen
leben uns sterben & sterben
geburtssprung durch den todt
wenn’s drauf ankommt – „’s kommt!“

(Bert Papenfuß-Gorek, 1984)