Lyrischer Adventskalender 15 — Pastior

Über meinen Schlaf

Früher, wenn ich einschlief, kam der Schlaf. Heute,
wenn der Schlaf kommt, schlaf ich schon tief. Der
Schlaf kam damals später, jetzt schlafe ich früher

ein. Wenn ich tief schlafe, kommt es vor, daß der
Schlaf, wenn er dann kommt, mich noch einmal weckt,
bevor ich weiter tief schlafe. Früher war das so:

ich schlief, und der Schlaf kam. Bloß wenn ich auf-
wachte, war er wieder fort – ein unruhiger Gast.
Jetzt kommt und geht er etwas ruhiger, während ich

schlafe, und manchmal ist er plötzlich da, wenn ich
wach bin. Dann wache ich auf und sehe, daß er da
ist. Es geht mir der Schlaf durch den Kopf, auch Weiterlesen

Lyrischer Adventskalender 14 — Brinkmann

Gedicht

Zerstörte Landschaft mit
Konservendosen, die Hauseingänge
leer, was ist darin? Hier kam ich

mit dem Zug nachmittags an,
zwei Töpfe an der Reisetasche
festgebunden, Jetzt bin ich aus

den Träumen raus, die über eine
Kreuzung wehn. Und Staub,
zerstückelte Pavane, aus totem

Neon, Zeitungen und Schienen
dieser Tag, was krieg ich jetzt,
einen Tag älter, tiefer und tot?

Wer hat gesagt, daß sowas Leben
ist? Ich gehe in ein
anderes Blau.

Rolf Dieter Brinkmann (1975). In: Westwärts 1 & 2 (Rowohlt)

Lyrischer Adventskalender 13 — Artmann

landschaft 1

eine linie nach der lerche der höhe eine linie nach
der lerche des nestes gelärme im silberhaus der luft

die bahn kommt das dampfroß die eiserne sache ah
rechts biegt der rausch ab die sonne grast überm tunnel –

farngrün wirkt fahl geht schatten ufernd bergwärts
nein und ja klingt  s aus brunnenröhren rohren bambussen

aus wiesenquadraten großen seen ohn schwäne es folgt
seinen lettern aufrechten hingelegten fallendes laub

wirkt weit weg drum es steigt doch kein drache steigt
sommer steigt wind setiegt regen doch steigt keine rose

wie s auch in tabellen heißt: rechne die null ab aber
wie s weiter heißt: ziehe erträge nach links geregne

an horizonten von nachbarn die sehen den ochsen äsen
alpaccafarben die stoer päonienkühe fernab deren kälber

der mond mag junge tiere in mulden in blätterndem salz
der levkojennäcker drin der chinese die furche erlernt

die wie ein pfiff die schmetterlingsknäuel trifft oder
die luft der forste sibiriens reine unbeackerte erde

(H.C. Artmann, 1969)

Lyrischer Adventskalender 12 — Krolow

Drei Orangen, zwei Zitronen

Drei Orangen, zwei Zitronen: –
Bald nicht mehr verborgne Gleichung,
Formeln, die die Luft bewohnen,
Algebra der reifen Früchte!

Licht umschwirrt im wespengelben
Mittag lautlos alle Wesen.
Trockne Blumen ruhn im selben
Augenblick auf trocknem Wind.

Drei Orangen, zwei Zitronen.
Und die Stille kommt mit Flügeln.
Grün schwebt sie durch Ulmenkronen,
Selges Schiff, matrosenheiter. Weiterlesen

Lyrischer Adventskalender 11 — Reinig

Robinson

Machmal weint er wenn die worte
still in seiner kehle stehn
doch er lernt an seinem orte
schweigend mit sich umzugehn

und erfindet alte dinge
halb aus not und halb im spiel
splittert stein zur messerklinge
schnürt die axt an einen stiel

kratzt mit einer muschelkante
seinen namen in die wand
und der allzu oft genannte
wird ihm langsam unbekannt

(Christa Reinig, 1964)