Lyrischer Adventskalender 15 — Pastior

Über meinen Schlaf Früher, wenn ich ein­schlief, kam der Schlaf. Heute, wenn der Schlaf kommt, schlaf ich schon tief. Der Schlaf kam damals später, jet­zt schlafe ich früher ein. Wenn ich tief schlafe, kommt es vor, daß der Schlaf, wenn er dann kommt, mich noch ein­mal weckt, bevor ich weit­er tief schlafe. Früher war das so: ich schlief, und der Schlaf kam. …

Lyrischer Adventskalender 14 — Brinkmann

Gedicht Zer­störte Land­schaft mit Kon­ser­ven­dosen, die Hau­se­ingänge leer, was ist darin? Hier kam ich mit dem Zug nach­mit­tags an, zwei Töpfe an der Reise­tasche fest­ge­bun­den, Jet­zt bin ich aus den Träu­men raus, die über eine Kreuzung wehn. Und Staub, zer­stück­elte Pavane, aus totem Neon, Zeitun­gen und Schienen dieser Tag, was krieg ich jet­zt, einen Tag älter, tiefer und tot? Wer hat gesagt, daß sowas Leben ist? Ich gehe in …

Lyrischer Adventskalender 13 — Artmann

land­schaft 1 eine lin­ie nach der lerche der höhe eine lin­ie nach der lerche des nestes gelärme im sil­ber­haus der luft die bahn kommt das dampfroß die eis­erne sache ah rechts biegt der rausch ab die sonne grast überm tun­nel — farn­grün wirkt fahl geht schat­ten ufer­nd berg­wärts nein und ja klingt  s aus brun­nen­röhren rohren bam­bussen aus wiesen­quadrat­en großen seen ohn …

Lyrischer Adventskalender 12 — Krolow

Drei Orangen, zwei Zitro­nen Drei Orangen, zwei Zitro­nen: — Bald nicht mehr ver­borgne Gle­ichung, Formeln, die die Luft bewohnen, Alge­bra der reifen Früchte! Licht umschwirrt im wespen­gel­ben Mit­tag laut­los alle Wesen. Trockne Blu­men ruhn im sel­ben Augen­blick auf trock­nem Wind. Drei Orangen, zwei Zitro­nen. Und die Stille kommt mit Flügeln. Grün schwebt sie durch Ulmenkro­nen, Selges Schiff, matrosen­heit­er. Und der Him­mel ist ein blaues Auge, das sich nicht mehr …

Lyrischer Adventskalender 11 — Reinig

Robin­son Mach­mal weint er wenn die worte still in sein­er kehle stehn doch er lernt an seinem orte schweigend mit sich umzugehn und erfind­et alte dinge halb aus not und halb im spiel split­tert stein zur messerklinge schnürt die axt an einen stiel kratzt mit ein­er muschelka­nte seinen namen in die wand und der allzu oft genan­nte wird ihm langsam unbekan­nt (Christa Reinig, 1964)