Lyrik XVIII – Bukowski

Musik am Morgen

Es ist besser als Liebe, denn
es hinterläßt keine Wunden: am Morgen
stellt sie das Radio an, Brahms oder Ives
oder Strawinski oder Mozart. Sie kocht
die Eier und zählt laut die Sekunden:
56, 57, 57 … Sie pellt die Eier,
bringt sie mir ans Bett. Nach dem
Frühstück sitze ich in meinem alten
Sessel und höre mir die Musik an. Sie
trinkt ihr erstes Glas Scotch und
raucht ihre dritte Zigarette. Ich sage
ihr, daß ich mal wieder auf ein paar
Pferde wetten muß. Sie ist seit zwei
Tagen und Nächten da. „Wann sehe ich
dich wieder?“ frage ich. „Wann du
willst“, meint sie. Ich nicke, und das
Radio spielt Mozart dazu. 

 

(Charles Bukowski, aus: Eine Kinoreklame in der Wüste)

Bergala

Ein sehr lesenswertes Interview mit dem französischen Filmtheoretiker und -pädagogen Alain Bergala (Co-Autor des Klassikers Ésthetique du film und Herausgeber der DVD-Reihe L’éden cinéma) findet sich bei kunst-der-vermittlung. Es geht um die französische Cinéphilie, die filmische Vermittlung von filmrelevantem Wissen und Little Fugitive (Morris Engel, USA 1953), von dem Truffaut „nicht müde wurde zu behaupten“, dass ohne dessen Einfluss weder Les 400 coups, noch À bout de souffle möglich gewesen wären.  

Lesenwert weiterhin:  Alain Bergala, Kino als Kunst, und über Bergalas Werdegang und seinen Ansatz der Filmpädagogik der Aufsatz von Bettina Henzler in Filme sehen, Kino verstehen (einem Buch zu Theorien und Methoden der Filmvermittlung).

Bini, wie sie leibt und liest

Unsere Freundin Bini Adamczak liest aus ihrer unerschrocken rück- und vorwärts schauenden Geschichte des Kommunismus und der Kommunistinnen, gestern morgen. über die einsamkeit kommunistischer gespenster … und die rekonstruktion der zukunft, am

Fr., 20.02. um 20 Uhr bei der assoziazione della talpe (Bremen)

und aus ihrem NichtnurfürKinderbuch kommunismus. kleine geschichte wie endlich alles anders wird am

So., 22.02 auch um 20 Uhr im tristeza (Berlin).

Wir empfehlen den Besuch beider Veranstaltungen allen Kommunistinnen und Kommunisten sowie allen, die endlich welche werden wollen.

Lyrik IV

Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke

Der Mann:
Hier diese Reihe sind zerfallene Schöße
und diese Reihe ist zerfallene Brust.
Bett stinkt bei Bett. Die Schwestern wechseln stündlich.

Komm, hebe ruhig diese Decke auf.
Sieh, dieser Klumpen Fett und faule Säfte,
das war einst irgendeinem Mann groß
und hieß auch Rausch und Heimat.

Komm, sieh auf diese Narbe an der Brust.
Fühlst du den Rosenkranz von weichen Knoten?
Fühl ruhig hin. Das Fleisch ist weich und schmerzt nicht.

Hier diese blutet wie aus dreißig Leibern.
Kein Mensch hat soviel Blut.
Hier dieser schnitt man
erst noch ein Kind aus dem verkrebsten Schoß.

Man läßt sie schlafen. Tag und Nacht. – Den Neuen
sagt man: hier schläft man sich gesund. – Nur sonntags
für den Besuch läßt man sie etwas wacher.

Nahrung wird wenig noch verzehrt. Die Rücken
sind wund. Du siehst die Fliegen. Manchmal
wäscht sie die Schwester. Wie man Bänke wäscht.

Hier schwillt der Acker schon um jedes Bett.
Fleisch ebnet sich zu Land. Glut gibt sich fort,
Saft schickt sich an zu rinnen. Erde ruft.

Gottfried Benn