Lyrik X

Die neue Platte von Beck (Modern Guilt) ist ganz großartig. Aber die Tatsache, dass Beck Scientologe ist, macht ihn deutlich unsympathischer. In diesem Fall hat sich das bei mir zwar nicht auf den ästhetischen Genuss und die ästhetische Wertschätzung seiner Musik ausgewirkt. Es ist jedoch kaum zu leugnen, dass das Bild, das man sich von der Künstlerin oder dem Künstler macht, als Hintergrundwissen die ästhetische Erfahrung meistens irgendwie beeinflusst.

Thomas Kling (© Hardy Kurze)

Ziemlich unsympathisch ist mir Thomas Kling geworden nach der ausschnittsweisen Lektüre von Itinerar, einer Sammlung autobiographischer und lyriktheoretischer Skizzen, die ziemlich aufgeblasen daherkommt. Sprachlich zwar nicht ganz so schlimm wie etwa die linernotes, mit denen einem Wolfgang Rihm den Genuss seiner Musik verleidet. Aber doch so, dass ich Kling jetzt mit anderen, weniger wohlwollenden Augen lese. Trotzdem, um der alten Zeiten willen, als Andenken und weil es ja auch immer noch sehr schön ist: Weiterlesen

Lyrik VII

Frage und Antwort

I (japanisch)

Kamerad siehst du die Wolke überm Festland
Kommt Wind Kommt Schnee
Kamerad wo werden unsere Leiber liegen

Wo wir fallen werden unsere Leiber liegen

2 (chinesisch)

Den Becher Wein vor dir und
Das Paradies Alter was willst du mehr
Ich wollte mein Becher füllte sich von selber
Ich hätte gern daß Freunde mich besuchten
Statt des Beamten der die Steuer eintreibt
Auch sähe ich gern meine Kinder wohlhabend
Dann wollte ich gern noch hundert Jahre leben
Und verzichten auf das Paradies

(Heiner Müller)

Die Lyrik nicht vergessen

In deutscher Sprache wird ja ne Menge zusammengedichtet. Manches auch neu und schön und lesenswert, so etwa die Berlinerin Uljana Wolf, die ein Gedicht geschrieben hat, das aufwachraum I heißt. Und ein anderes, das aufwachraum II heißt.

Unbedingt nicht zu vergessen sind natürlich: der gute alte Ernst Jandl und der frühe Enzensberger, als er noch nicht so bräsig war wie jetzt. Also z.B. „ins lesebuch für die oberstufe“ von 1957. Das ging so:

lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne:
sie sind genauer. roll die seekarten auf,
eh es zu spät ist. sei wachsam, sing nicht.
der tag kommt, wo sie wieder listen ans tor
schlagen und malen den neinsagern auf die brust
zinken. lern unerkannt gehn, lern mehr als ich:
das viertel wechseln, den pass, das gesicht.
versteh dich auf den kleinen verrat,
die tägliche schmutzige rettung. nützlich
sind die enzykliken zum feueranzünden,
die manifeste: butter einzuwickeln und salz
für die wehrlosen. wut und geduld sind nötig,
in die lungen der macht zu blasen
den feinen tödlichen staub, gemahlen
von denen, die viel gelernt haben,
die genau sind, von dir.