PLinks KW 45/10 Bootlegs

Das Wort Bootleg stammt aus der Zeit der Prohibition und bezeichnete das Schmuggeln von Flachmännern in Stiefelschäften (boot legs). Wir verwenden es zwar heute immer noch, um alle möglichen illegalen Geschäfte zu beschreiben. In der Musik bezeichnet es zwei Dinge.

  • Erstens und ursprünglich ist damit der (meist) illegale Konzertmitschnitt gemeint. Während das zu Beatles-Zeiten noch Freaks mit Bandgeräten und Mikros auf dem Kopf waren und die Bänder im Plattenladen unter der Ladentheke verkauft wurden, funktioniert heutzutage sowohl die Aufzeichnung als auch die Distribution digital. Frischestes und freshestes Beispiel ist der Mitschnitt des Auftritts von Four Tet vs. Caribou auf dem Moogfest in Asheville, USA. Electronica Galore! Bei Core News gibt’s den Link zu Bootleg I. (via)
  • Mit Bootleg II lässt sich Musik eine Schublade stecken, die unlizensierte Samples aus anderen (Musik-)Stücken verwendet. Ein anderes Wort dafür ist Mashup oder blend. Gregg Gillis alias Girl Talk ist ein Pionier in dieser Richtung und wie versprochen hat er jetzt endlich den Nachfolger von Feed the Animals (2008) fertig bekommen und freundlicherweise zum freien Download auf Illegal Art gestellt. Ob man All Day wirklich nur am Stück hören sollte, wie es auf der Seite des Labels heißt, sei dahingestellt, reinhören lohnt sich allemal – und nicht nur, weil es kostenlos ist.

Anna Karina im Remix

Video von Toadvine mit Ausschnitten aus Vivre sa vie (Jean-Luc Godard, F 1961) zu Basic Space von The XX im Remix von Pariah

Erstaunlich, wie wunderbar das funktioniert.
Dank an René für den Hinweis!

Hurra, die Popkomm ist tot!

Als letzte Woche gemeldet wurde, dass die Popkomm in diesem Jahr ausfallen würde, wird das nicht viele überrascht haben. Die Musikmesse war musikalisch schon tot, bevor sie 2004 von Köln nach Berlin umgezogen ist. Seit Katja Bittner die Leitung übernommen hat, steht vor allem der wirtschaftliche Aspekt im Vordergrund. Kultur oder Kunst gar sind zur Nebensache verkommen. Auch die vollmundige Ankündigung eines neuen Veranstaltungsorts konnte keine neuen Aussteller hinter ihren Öfen hervorlocken bzw. sie über die Sinn-Krise der Popkomm hinwegtäuschen. Dieter Gorny wäre aber nicht Dieter Gorny, würde er nicht in völliger Verkennung der Tatsachen, wieder einmal gegen das böse Internet wettern. Und Die Welt wäre nicht Die Welt, wenn sie die „Argumente“ nicht ungeprüft übernehmen würde.

„Die digitale Krise schlägt voll auf die Musikwirtschaft durch. Viele Unternehmen können es sich wegen des Diebstahls im Internet nicht mehr leisten, an der Popkomm teilzunehmen. Die Großen können das noch wegstecken, die Kleinen aber nicht – und die sind mit 95 Prozent auf der Popkomm in der Mehrzahl.“

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Lyrik XVIII – Bukowski

Musik am Morgen

Es ist besser als Liebe, denn
es hinterläßt keine Wunden: am Morgen
stellt sie das Radio an, Brahms oder Ives
oder Strawinski oder Mozart. Sie kocht
die Eier und zählt laut die Sekunden:
56, 57, 57 … Sie pellt die Eier,
bringt sie mir ans Bett. Nach dem
Frühstück sitze ich in meinem alten
Sessel und höre mir die Musik an. Sie
trinkt ihr erstes Glas Scotch und
raucht ihre dritte Zigarette. Ich sage
ihr, daß ich mal wieder auf ein paar
Pferde wetten muß. Sie ist seit zwei
Tagen und Nächten da. „Wann sehe ich
dich wieder?“ frage ich. „Wann du
willst“, meint sie. Ich nicke, und das
Radio spielt Mozart dazu. 

 

(Charles Bukowski, aus: Eine Kinoreklame in der Wüste)

Zitat des Monats

Ist genügend betont worden, dass die Art und Menge der Musik, die man zu Lebzeiten gehört hat, verantwortlich für den Seelenzustand nach dem Tod ist?

(Karl-Heinz Stockhausen)