Zugabe

Und die Propaganda geht weiter. Inzwischen wird wirklich jede auch nur halbwegs plausible Gelegenheit genutzt, nach Regeln (d.h. Gesetzen) fürs Internet zu rufen. Womit leitet die FAZ den Bericht zum neuen Apple-Spielzeug ein?

Die ganze computerisierte Welt spielt verrückt, weil da einer in San Francisco eine Elektrotafel auspackt, aber Jaron Lanier, der Technoguru und Internetskeptiker, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. „Ich wünsche Apple alles Gute“, sagt er, „für die Menschheit wird es jedoch eher von grundlegender Bedeutung sein, ein weltweit gültiges Abkommen über die Bezahlung von Information, von geistigem Eigentum zu treffen. Sonst ist es nicht möglich, wirklich vernetzt zu sein.“

Abgesehen davon, dass es sich dabei wieder um die Lanier-typische geistige Diarrhoe handelt – was genau hat das jetzt mit dem iPad zu tun? Egal, Hauptsache schnell nochmal Restriktionen gefordert. Die Bürgerlichen haben offenbar eine ganz fürchterliche Angst vorm Chaos – sie brauchen Regeln, Kontrollen, Sanktionen – und davor, dass das Geld nicht ganz so stromförmig fließt, das Kapital nicht ganz so reibungslos akkumuliert, wie unter jenen ersponnen idealen Bedingungen, die vom Staat doch bitte ganz schnell wieder hergestellt werden sollen. Fesselung der Produktivkräfte, ick hör dir trapsen.

Lektüre einer drei Wochen alten Zeitung, Teil 2

Weiter gehts mit der Lektüre der SZ vom 29./30. August. Ich überspringe großzügig ein paar Seiten und finde mich im Wochenendteil wieder. Auf der ersten Seite steht hier ein wirklicher sehr schöner Text zum deutschen Einmarsch in Polen 1939. Oliver Storz erinnert sich an Hitlers Radioansprache an das deutsche Volk – und an die zynischen Kommentare eines gewissen Herrn Kugler, eines damaligen Nachbarn in Schwäbisch Hall. Kuglers Reaktion auf Hitlers Kriegsverkündung: „Wer so schreit, der kann net recht han.“ Und später, 1941, inmitten der größten Kriegseuphorie:

Zuletzt sah ich ihn, wenn ich mich recht erinnere, an einem früh dunkelnden Nachmittag im Herbst nach dem gloriosen Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Russland. Da war ich immerhin schon zwölf und durfte dem Vater Dünnbier holen im „Schwanen“. Die Rentner saßen am Stammtisch bei Lagegespräch, und der Dinkel-Schorsch, Fahrzeugwart der örtlichen NS-Kraftsportgruppe, sagte unter Anstrengung fröhlich: „Bis Weihnachten simmer in Moskau!“ Und der Herr Kugler, etwas exzentrisch platziert, schaute den Fliegen zu und sagte: „Wenn aber’s Benzin net langt?“ Und dies immer wieder, über die ganze halbe Stunde hin, die ich mich in der Wirtschaft rumdrückte. Sobald ein Satz fiel, der sich nach Vormarsch anhört: „Wenn aber’s Benzin net langt?“

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Lektüre einer drei Wochen alten Zeitung

Wenn man nach längerem Unterwegssein nachhause kommt, hat sich dort die abonnierte Zeitung gestapelt, die Süddeutsche in meinem Fall. Man kann also nachvollziehen, was in den vergangenen Wochen passiert ist, oder eher: wie darüber berichtet wurde, was passiert ist. Und was man verpasst hat.

Entschleunigung. Ein Neologismus, der ganz so neo nicht mehr ist, aber erst in den letzten Jahren an Popularität gewonnen zu haben scheint. Ist ja nicht so als müssten wir beweisen, dass wir wissen, wie das funktioniert: die rapide entschleunigte Frequenz des Erscheinens neuer Texte auf unserm Blog spricht ganz für sich. Aber eine andere praktische Übung in Sachen Entschleunigung könnte so aussehen: just in dem Medium, von dem einem immer suggeriert wird, hier sei die News von vor dem Nachmittagsnickerchen beim Aufwachen schon wieder old, die Zeitung von vor drei Wochen kommentieren. Also zur Wochenend-SZ vom 29./30. August! (Ich beschränke mich, damit es nicht völlig bescheuert wird, auf den feuilletonistischen Teil, der ja eh immer eine längere Halbwertszeit hat als Politik und Sport.)
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Deneuve en español

Allen, die des Spanischen mächtig sind, sei dieser nette Artikel von unserem Freund Alex Vicente ans Herz gelegt. Er hat die olle Deneuve in Paris getroffen und einen Text daraus gemacht, in dem wir unter anderem erfahren können, dass Arnaud Desplechin (mit dem sie zuletzt Un conte de noël gedreht hat) die Deneuve als „französischen Bob Dylan“ bezeichnet.

Außerdem geht es um ihren aktuellen Film Je veux voir, eine francolibanesische Produktion, die offenbar zwischen Doku und Fiktion mäandert und sich irgendwie als Allegorie auf Deneuves Karriere verstehen lässt.

Der Schriftsteller Lars Gustafsson wählt die «Piratenpartei»

Aha. Länger nix gehört von uns von der Debatte Propaganda um gegen die Internet-Piraterie aka filesharing. Offenbar passiert gerade nicht viel. Und wenn nicht viel passiert – man seine Arbeitskraft aber den bürgerlichen Medien verpachtet hat und deshalb irgendwas schreiben muss – macht man aus Nichtereignissen kleine Artikelchen, die dann die erste Seite des Feuilletons zieren dürfen – in diesem Fall jenes der SZ. Und weil uns auch nichts besseres einfällt, machen wir das einfach genauso.

Also nochmal, da steht in der heutigen SZ (unter dem bemüht zynischen Titel „Herr Liberalismus persönlich“): Lars Gustafsson, erfolgreicher schwedischer Buchautor, hat angekündigt, dass er bei der Europawahl die sogenannte Piratenpartei wählen wird, die sich solidarisch gibt mit der Piratebay und sonstigem „Datendiebstahl“. Gustaffson hat zur Begründung „den Widerstand gegen freies Kopieren im Internet mit den Zensurbehörden des Ancien Régime im Frankreich des 18. Jahrhunderts“ verglichen. Weiterlesen