Cargo, Heftkritik

Ich mag am ersten Cargo-Heft, dass es so offen widersprüchlich ist. Anstatt – wie bei einem solchen Projekt zu befürchten gewesen wäre – geschmackspolizeilich sich und die LeserInnen auf einen ästhetischen Kanon festzulegen, bleibt hier alles offen und unklar.

Die Widersprüche beginnen mit der Entscheidung, einen langen Text über Tom Tykwers ausgesprochen langweiligen „Action-thriller“ zu schreiben, der mit Ausnahme der Guggenheim-Zerlegungssequenz und der Bad-Bank-Thematik geradewegs aus den Achtzigern zu stammen scheint. Als hätte sich in diesem Genre auf ästhetischer und narrativer Ebene in den letzten Jahren nicht auch einiges Interessante ereignet. Weil also The International im Grunde nicht der Rede wert ist und Bert Rebhandl, der Autor des Textes, das natürlich auch gemerkt hat, hat er sich entschieden, den Film in eine Autorenperspektive zu rücken. Das kann immer machen. Man muss dann nur alle Filme (nochmal) gucken (das ist natürlich bei Tykwer hart genug, ich erinnere nur an die Filmdesaster Der Krieger und die Kaiserin oder Heaven). Und dann darüber spekulieren, worin der gemeinsame metaphysische Gehalt dieser Filme des jeweiligen Autors besteht. Eine sehr praktische Erfindung der Cahiers du Cinéma der Fünfziger Jahre, die dem Abbau von Komplexität in der Bewertung von Filmen diente. Weiterlesen

Cargo

Gestern bei der Vorstellung des ersten Cargo-Hefts im Arsenal gewesen. Den Film, der gezeigt wurde, Samuel Fullers letzer amerikanischer Film White Dog (USA 1982) über die re-education eines rassistischen Schäferhundes, fand ich zwar nicht so super. Aber allein Bert Rebhandls sympathische Präsentation des neuen Projekts war den Besuch wert. Cargo könnte vielleicht die Spex des Bewegungsbilds werden. Im Abgleich mit den diversen anderen deutschsprachigen Zeitschriften (revolver und kolik) und Blogs (new filmkritik – sehr lesenswert: Volker Pantenburgs langer Text übers bloggen -, jump cut und dirty laundry z.B.), die alle in den letzten Jahren entstanden sind, sowie den Filmen im ästhetischen Dunstkreis der Berliner Schule, reift die Erkenntnis, dass hier eine neue Filmkultur, eine neue Cinephilie nicht mehr im Entstehen, sondern bereits im Wachsen begriffen ist. Das ist doch sehr erfreulich.

Schuldig!

Toll. Der Guardian weiß jetzt, wer schuld ist an der weltweiten Finanzmisere. Nein, nicht etwas das kapitalistische System, der unkontrollierte Markt oder das jahrelange blinde Vertrauen in eben diesen. Nein, nein. Genau 25 böse Menschen sind es. Sie allein haben die (Finanz-)Welt zugrunde gerichtet. Sie sind schuld. Da liegt die gerechte Strafe doch auf der Hand: Zwei Jahren auf Bewährung! Das muss reichen. So ist allen geholfen und wir können weitermachen wie bisher.

Noch besser: Wie es sich für Angelsächsischen Qualitätsjournalismus 2.0 gehört, darf der User Leser sich an der Debatte beteiligen und darüber abstimmen, wer denn der Allerschlimmste dieser Teufel ist. Zur Zeit führt Alan Greenspan, dicht gefolgt von Gordon Brown und Ex-Präsi Junior. Großartig. Das Web gekonnt genutzt. Und wenn Jakob Augstein ernst macht, dürfen wir im neuen Freitag demnächst die Auswertung lesen.

Werbe-Titel

freitag screenshotErstmals in ihrer Geschichte hat die ehrwürdige New York Times diese Woche Werbung auf ihrer Titel-Seite zugelassen. Die Reaktionen waren vielfältig. Die Grenzen sind nun anscheinend gefallen und die „Ost-West-Wochenzeitung“ Freitag geht noch einen Schritt weiter. Nachdem in der gedruckten Ausgabe bereits eine ganze Seite ersatzlos durch Anzeigen ersetzt wurde, wird ebenfalls seit dieser Woche die gesamte Homepage mit Werbung überdeckt. Ein Countdown zählt die Zeit bis zum „neuen Freitag“. Wie der aussehen wird, hat Neubesitzer Jakob Augstein der Springer-Presse erklärt.