Axolotl

Heute ist ja Darwins Geburtstag und alle Welt überschlägt sich. Ich denke mir, dass es ein paar Kniebeugen ja auch tun würden, und will daher einmal etwas zur Evolution im Allgemeinen, und über das Axolotl im Speziellen schreiben.

Fluch und Segen der E. ist wohl die Verkürzung der Theorie auf die These des „Survival of the fittest“. Einmal ganz abgesehen davon, dass mit diesem Satz die ein oder andere Boshaftigkeit auf diesem Planeten legitimiert werden sollte, erschließt sich der Satz eigentlich auch nur, wenn man die E. kennt. Und das traf und trifft wohl auf die meisten Menschen nicht zu. In der heutigen Zeit mag das zu einem Teil daran liegen, dass die Worte fit und fitness in einem gänzlich anderen Kontext wahrgenommen werden, dessen Beschreibung dem Autor hier nicht weiter zugemutet werden soll.

Und so steht bei der Evolutionstheorie eigentlich nicht so sehr die Art im Vordergrund, sondern ihr Ökosystem. Denn der Terminus fitness kann grundsätzlich nur eine relative Angabe sein, sowohl in seiner aktuellen, als auch in seiner eigentlichen Bedeutung (to fit=in etwas hineinpassen). Ein Zehnkämpfer auf dem Mars stirbt, obwohl er auf der Erde wahrscheinlich eines der fittesten Individuen ist. Er würde in der Antarktis nicht überleben, auch nicht in Wüste, Hochgebirge und Meer.

D.h. dass man eine Art immer von ihrer Nische her betrachten muss, um ihren evolutionären Vorteil erkennen zu können, und eine Nische kann alles sein: Die Besenkammer, der Amazonas, Taklamakan, oder eine spezielle Höhle. Weiterlesen

Berlinale: dokumentarische

Zwei sehr sehenswerte Dokus laufen im Forum: Die wundersame Welt der Waschkraft von Hans Christian Schmid und Material von Thomas Heise. Schmids Film zeigt im Stil des Direct Cinema (stellenweise erinnern die Bilder auch an Jonas Mekas‘ intime Experimentalfilme) den Mikrokosmos rund um den Wäschereigroßbetrieb ‚Fliegel‘. Der wurde in den 90ern in Polen gegründet, weil es da doppelt freie LohnarbeiterInnen gab und gibt, die zu unterirdischen Preisen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Und es sich deshalb lohnt, Tischtücher und Bettbezüge aus diversen Berliner Luxushotels tagtäglich bis hinter die polnische Grenze und zurück zu karren. Das Film moralisiert nicht, sondern veranschaulicht nur an diesem einfachen Beispiel, dass der Kapitalismus in seinem ganz normalen Ablauf skandalös genug ist – auch wenn gerade mal nicht Krise ist.

Waschkraft

12.2. 19:00 CineStar 8
13.2. 20:15 Delphi Filmpalast
15.2. 20:00 Cubix

Thomas Heise zeigt (u.a.) Material, das er vor zwanzig Jahren gedreht hat und das die Wende in der DDR dokumentiert. ‚Wende‘, das Wort wurde damals von den Demonstrierenden und den neuen Parteifunktionären gleichermaßen benutzt, aber bezeichnete noch nicht, was heute allgemein darunter verstanden wird. Interessant ist, wie die Diskussionen zwischen einfachen SED-Genossen verlaufen, denen daran gelegen ist, den Staatssozialismus gerechter, transparenter, demokratischer und wirtschaftlicher effizienter zu gestalten. Sie können zum ersten Mal lautstark ihrem Unmut über die Verhältnisse Luft machen. Die Reden, die sie auf den Kundgebungen spontan halten, sind heute noch oder wieder bewegend, weil sie Menschen zeigen, die willens gewesen wären unter persönlichem Einsatz mitzuwirken am Aufbau eines freieren und besseren Sozialismus (der, das ist klar, sicher auch nicht das Paradies auf Erden geworden wäre…). Mit dem Abstand von zwanzig Jahren fragt man sich, von wem damals an welchen Rädern gedreht wurde, um eine Dynamik zu entfachen, die nur ein Jahr später die Wiedervereinigung alternativlos machte.

12.2. 19:30 Cubix
14.2. 15:15 Arsenal 1

Spionenaugen

„Seine hervorquellenden Spionenenaugen berührten ständig die Innenseite seiner Sonnenbrille.“ Horace Bianchon, private Mitteilung, 2009

Ich hatte es ja letztes Mal mit der Überwachung, und den Menschen, die sich nicht zu schade sind, derartig unsinnige Umtriebe zu unterstützen. Dazu nun ein kleines Update:
Das neue BKA-Gesetz ist am ersten Tag im Jänner in Kraft getreten. Am 27.01.2009 wurde Verfassungsbeschwerde eingelegt, der Beschwerdeführerin sei hier in aller Deutlichkeit noch einmal gedankt. Falls sich aller Widrigkeiten zum Trotz noch irgendjemand für den legislativen Prozess interessiert, der dieser neuesten Fassung des BKA-Gesetzes vorangegangen ist: Fefe war bei der öffentlichen Innenausschuß-Expertenbefragung.

Apropos Experten: Die Expertin neben mir ist unsere Justizministerin, die gerne mal ein schönes Terrorcamp-Gesetz machen würde, respektive die präventive Bestrafung installieren möchte. Und wenn wir uns schon mit Jurisdiktion und -prudenz beschäftigen, soll hier der Hinweis nicht unerwähnt bleiben, dass es durchaus auch nette Anwälte geben kann. Wenn auch nicht viele. Die meisten geben U-Bahn Geisterfahrer-Sätze wie diesen von sich:

Wenn die erste U-Bahn in Deutschland hochgehe, würde auch die Opposition als erstes auf die Koalitionslinie einschwenken, meinte Joachim Stünker von der SPD-Fraktion, und ermahnte gleichzeitig die Kritiker für ihre Wortwahl, mit der sie „die Schmerzgrenze überschritten“ hätten.

Mal sehen, wie weit sich die Bürgerrechts-Bewegung FDP in Hessen drängen lässt. Zu deren Wahlsieg wollte ich eigentlich auch noch etwas schreiben, genauer gesagt zum fragwürdigen Ausdruck „bürgerliche Mitte“. Das hat aber Michael Jäger im Freitag schon gemacht, und das war so ein Lesemisvergnügen, das ich von diesem Vorhaben in aller Öffentlichkeit zurücktreten möchte.
Achja Freitag, da war doch noch was. Da gibt es ja in wenigen Tagen den großen Relaunch (wir berichteten exklusiv), und der Spiegelfechter hat schon einmal ein wenig aus dem Nähkästchen geplaudert. Das ist natürlich alles ganz aufregend, daher nehmen wir passend zu derzeitigen Situation die adäquate Auszeit: Weiterlesen

Schuldig!

Toll. Der Guardian weiß jetzt, wer schuld ist an der weltweiten Finanzmisere. Nein, nicht etwas das kapitalistische System, der unkontrollierte Markt oder das jahrelange blinde Vertrauen in eben diesen. Nein, nein. Genau 25 böse Menschen sind es. Sie allein haben die (Finanz-)Welt zugrunde gerichtet. Sie sind schuld. Da liegt die gerechte Strafe doch auf der Hand: Zwei Jahren auf Bewährung! Das muss reichen. So ist allen geholfen und wir können weitermachen wie bisher.

Noch besser: Wie es sich für Angelsächsischen Qualitätsjournalismus 2.0 gehört, darf der User Leser sich an der Debatte beteiligen und darüber abstimmen, wer denn der Allerschlimmste dieser Teufel ist. Zur Zeit führt Alan Greenspan, dicht gefolgt von Gordon Brown und Ex-Präsi Junior. Großartig. Das Web gekonnt genutzt. Und wenn Jakob Augstein ernst macht, dürfen wir im neuen Freitag demnächst die Auswertung lesen.