Lektüre einer drei Wochen alten Zeitung

Wenn man nach längerem Unterwegssein nachhause kommt, hat sich dort die abonnierte Zeitung gestapelt, die Süddeutsche in meinem Fall. Man kann also nachvollziehen, was in den vergangenen Wochen passiert ist, oder eher: wie darüber berichtet wurde, was passiert ist. Und was man verpasst hat.

Entschleunigung. Ein Neologismus, der ganz so neo nicht mehr ist, aber erst in den letzten Jahren an Popularität gewonnen zu haben scheint. Ist ja nicht so als müssten wir beweisen, dass wir wissen, wie das funktioniert: die rapide entschleunigte Frequenz des Erscheinens neuer Texte auf unserm Blog spricht ganz für sich. Aber eine andere praktische Übung in Sachen Entschleunigung könnte so aussehen: just in dem Medium, von dem einem immer suggeriert wird, hier sei die News von vor dem Nachmittagsnickerchen beim Aufwachen schon wieder old, die Zeitung von vor drei Wochen kommentieren. Also zur Wochenend-SZ vom 29./30. August! (Ich beschränke mich, damit es nicht völlig bescheuert wird, auf den feuilletonistischen Teil, der ja eh immer eine längere Halbwertszeit hat als Politik und Sport.)
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Der Schriftsteller Lars Gustafsson wählt die «Piratenpartei»

Aha. Länger nix gehört von uns von der Debatte Propaganda um gegen die Internet-Piraterie aka filesharing. Offenbar passiert gerade nicht viel. Und wenn nicht viel passiert – man seine Arbeitskraft aber den bürgerlichen Medien verpachtet hat und deshalb irgendwas schreiben muss – macht man aus Nichtereignissen kleine Artikelchen, die dann die erste Seite des Feuilletons zieren dürfen – in diesem Fall jenes der SZ. Und weil uns auch nichts besseres einfällt, machen wir das einfach genauso.

Also nochmal, da steht in der heutigen SZ (unter dem bemüht zynischen Titel „Herr Liberalismus persönlich“): Lars Gustafsson, erfolgreicher schwedischer Buchautor, hat angekündigt, dass er bei der Europawahl die sogenannte Piratenpartei wählen wird, die sich solidarisch gibt mit der Piratebay und sonstigem „Datendiebstahl“. Gustaffson hat zur Begründung „den Widerstand gegen freies Kopieren im Internet mit den Zensurbehörden des Ancien Régime im Frankreich des 18. Jahrhunderts“ verglichen. Weiterlesen

Lobeshymne

Substanzielle Werke zeitgenössischer Kunst schaffen es ja, die geistigen Erfahrungen und Zustände einer Zeit kompakt, auf den Punkt gebracht und klar auszudrücken. Genau das ist Florian Neufeldt nun gelungen.

schreibt die Berliner Zeitung in ihrem heutigen Feuilleton.

Agitpropwochen

Die mediale Frühjahrsoffensive der bürgerlichen Presse rund um den Heidelberger Appell ist in vollem Gange, selbst linke liberale Zeitungen wie der Freitag und die taz sind überrannt worden. Nun gut, ganz so martialisch muss der Text sicher nicht weitergehen, aber wenn man sich mal anschaut, was die Journaille in den letzten Wochen für Töne gespuckt hat, fragt man sich schon, ob nicht doch unbemerkt ein Kulturkampf ausgebrochen ist. Anlass für meinen Text ist die Meldung der FAZ, dass in Frankreich ein neuer Anlauf für HADOPI gestartet wird, dem Gesetz, das es ermöglicht, Filesharern den Zugang zum Netz „abzuschneiden“:

An diesem Mittwoch stand „Hadopi“ abermals auf der Traktandenliste des Parlaments – in einer noch leicht verschärften Version: Den Dieben geistigen Eigentums wird nicht nur der Zugang zum Netz abgeschnitten – sie müssen ihr Abonnement während dieser Zeit auch weiterbezahlen.

Fast kann man das leicht irre Grinsen des Autors Jürg Altwegg zwischen den Zeilen lesen. Dazu kommt noch befremdliches, aber wohl FAZ-spezifisches Linken-Bashing, geschenkt. Mit keiner Silbe erwähnt Altwegg jedoch, wie das Gesetz im ersten Anlauf überhaupt durch den Senat gekommen ist. Der Senat hatte angekündigt, das Gesetz nach stundenlangen Diskussionen in der Woche danach zu verabschieden, und hat dann doch überraschend nachts um viertel vor elf abstimmen lassen — vor 16 Abgeordneten, die dann 12 zu 4 dafür gestimmt haben. Démocratie, mais oui!
Aber Altwegg failt auch noch ein zweites Mal in seinem Artikel. Indem er Urheberrecht und Geistiges Eigentum planlos durcheinander schmeißt. Tatsächlich ist die Vorstellung von „geistigem Eigentum“ sogar ziemlich schwer vereinbar mit der kontinentaleuropäischen Urheberrechtstradition. Die deutsche Rechtswissenschaft stellte das bereits fest, bevor dieser Begriff über die Wirtschaft und die Politik aus den USA und Großbritannien importiert wurde, wo es eben keine Urheberpersönlichkeitsrechte gibt, sondern ein Copyright. Doppelminus also für Altwegg. Weiterlesen

Cargo

Gestern bei der Vorstellung des ersten Cargo-Hefts im Arsenal gewesen. Den Film, der gezeigt wurde, Samuel Fullers letzer amerikanischer Film White Dog (USA 1982) über die re-education eines rassistischen Schäferhundes, fand ich zwar nicht so super. Aber allein Bert Rebhandls sympathische Präsentation des neuen Projekts war den Besuch wert. Cargo könnte vielleicht die Spex des Bewegungsbilds werden. Im Abgleich mit den diversen anderen deutschsprachigen Zeitschriften (revolver und kolik) und Blogs (new filmkritik – sehr lesenswert: Volker Pantenburgs langer Text übers bloggen -, jump cut und dirty laundry z.B.), die alle in den letzten Jahren entstanden sind, sowie den Filmen im ästhetischen Dunstkreis der Berliner Schule, reift die Erkenntnis, dass hier eine neue Filmkultur, eine neue Cinephilie nicht mehr im Entstehen, sondern bereits im Wachsen begriffen ist. Das ist doch sehr erfreulich.