Jan 28 2010

Offenbar ähneln Menschen Hunden

Offen­bar ist der Tech­no­guru und Inter­netskep­ti­ker (FAZ) Jaron Lanier auch Denkskep­ti­ker. Anders lässt sich sein selbst­ge­rech­tes Geraune wohl kaum erklä­ren. Wie er zu dem Mensch-Hund-Vergleich gelangt? Sol­che Fra­gen stellt man nur wider bes­se­res Wis­sen oder in Unkennt­nis der zahl­rei­chen Inter­views, die der Inter­net­pio­nier (SZ) in der ver­zwei­fel­ten Hoff­nung, jemand möge doch sein kaum rele­vant zu nen­nen­des Buch erwer­ben, der bür­ger­li­chen Presse gibt. So schlägt er mit den ewig glei­chen, ewig lang­wei­len­den The­sen am 17. Jänner zuerst bei der FAZ auf, am 24. bei der Süd­deut­schen und am 25. schließ­lich bei SpOn. Und immer geht es darum, dass das Inter­net ein Ding ist, in dem maro­die­rende Mobs durch die Gegend zie­hen („Des­halb habe ich ernst­haft Sorge, dass es eines Tages zu einem gefähr­li­chen Mob-artigen Aus­bruch im Inter­net kom­men wird.“ Oh no! What should we do about it? The mob is in the interweb!!1! We’re totally hel­pless! May god have mercy with us all!), die dunk­len „Lords der digi­ta­len Wolke“ alles beherr­schen wol­len und der in den USA als Schreck­ge­spenst mit Sicher­heit noch funk­tio­nie­rende Kom­mu­nis­mus in Form eines digi­ta­len Mao­is­mus grassiert.

Die Frage, die sich spä­tes­tens jetzt jeder ver­nunft­be­gabte Mensch stellt, lau­tet: Wenn das Feuille­ton der FAZ einen 50jährigen Siff-Punk inter­viewt, der dazu auch noch so einen Unsinn erzählt, dass selbst eine halb­sei­tig gelähmte, neu­ro­ti­sche Katze sich an die Stirn schla­gen möchte, warum wer­den dann die Gedan­ken, die ich neu­lich kurz vor dem Ein­schla­fen hatte, nicht als dop­pel­sei­ti­ges Fea­ture gebracht?

Lani­ers Argu­ment: Die Pro­pa­ganda der Ver­le­ger ver­tre­ten, selbst aber kei­ner sein. Deus ex machina. Bei­spiele gefällig?

Viel­leicht müs­sen wir Mono­pole zer­schla­gen, so dass wir bei­spiels­weise nicht mehr nur ein Google haben, son­dern mehrere.

Klingt eigent­lich harm­los. Bis man sich daran erin­nert, dass die Ver­le­ger Beschwerde gegen Google beim Kar­tell­amt ein­ge­legt haben.

Inzwi­schen glaube ich, dass es lang­fris­tig für alle bes­ser wäre, wenn geis­tige Erfin­dun­gen bezahlt würden.

Mitt­ler­weile sind die ers­ten Springer-Angebote kos­ten­pflich­tig. Was ist eigent­lich mit den paar Mil­li­ar­den Men­schen, die gar kein Geld haben, um für geis­tige Erfin­dun­gen zu bezah­len? Ist das für die lang­fris­tig eigent­lich auch bes­ser?
Wenn der Com­pu­ter­pio­nier (Spie­gel) nur stramm die Linie der Content-Industrie ver­träte, es wäre zu ver­kraf­ten, evtl. gar mög­lich, sein uner­träg­li­ches Geschwätz zu igno­rie­ren. Aber nein, Technologie-Forscher Lanier (SZ) muss neben­bei auch noch den kapi­ta­lis­ti­schen Apo­lo­ge­ten geben, der grund­sätz­lich alles, aber auch wirk­lich alles, in Waren– und Geld­be­zie­hun­gen set­zen muss. Und diese unan­ge­nehme mer­kan­tile Brä­sig­keit darf ein­fach nicht unwi­der­spro­chen blei­ben. Vor allem ein Absatz des FAZ-Interviews stößt dabei äußerst übel auf.

Das Dogma oder die Inter­ne­tideo­lo­gie lehrt uns: Ja, schon rich­tig, wir zwin­gen Musi­ker, ihre Musik kos­ten­los abzu­ge­ben, aber dafür bekom­men sie eben­falls kos­ten­lose Publi­city, mit deren Hilfe sie andere Sachen ver­kau­fen können.

Wohl­ge­merkt: Es geht nicht um Musi­ker, die ein­fach gerne Musik machen, es geht gene­rell ums Ver­kau­fen (das sollte man im Hin­ter­kopf behal­ten). Man fragt sich jedoch, wo bspw. der iTunes-Store sei­nen Platz in die­ser Inter­ne­tideo­lo­gie fin­det. Und auch die Tat­sa­che, dass nach wie vor Mil­li­ar­den mit dem Ver­kauf von CDs umge­setzt wer­den, scheint nicht wirk­lich stö­rend zu sein. Wie gesagt, es geht nicht um Tat­sa­chen, das ist pure Dampfplauderei.

Für bereits bekannte Künst­ler wie Radio­head mag die Rech­nung auf­ge­hen, für alle ande­ren, die sich nur übers Inter­net ver­mark­ten, ist das nicht der Fall.

Hin­ter­kopf, anyone? Eine Welt, in der es ledig­lich darum geht, dass Rech­nun­gen auf­ge­hen und Bands sich ver­mark­ten müs­sen, die Musik scheint eher unwich­tig, lässt sich sehr schön schwarz fär­ben. Oder weiß. Je nach Gusto.

Nach mei­ner Ansicht liegt das daran, dass ein Inter­ak­ti­ons­mo­dell, in dem Künst­ler ihre Pro­dukte kos­ten­los anbie­ten müs­sen, ihnen die Struk­tur vor­ent­hält, die sie brau­chen, um sich wirk­lich selbst zu entfalten.

Die ein­zige Struk­tur, die hier fehlt ist Geld. Und genau das offen­bart den Waren­cha­rak­ter, den Lanier hier nur zu gerne der Krea­ti­vi­tät ver­pas­sen möchte. Nur mit Geld kön­nen Bands wie die Rol­ling Sto­nes sich von küm­mer­li­chen Früh­wer­ken wie „Beggars Ban­quet“ zu Meis­ter­wer­ken á la „Bridges to Baby­lon“ ent­wi­ckeln. Oder so ähnlich. Das Pro­blem an die­ser Argu­men­ta­tion ist: gro­tes­ker Irr­sinn ist ihre Basis und absurde Über­trei­bun­gen die Folge. Glaubt mir natür­lich wie­der kei­ner. Aber nur bis zum nächs­ten Zitat. (hehe)

Ich sage das nicht gern, aber wenn Leute stän­dig neue Videos online stel­len und der Menge gefal­len müs­sen, gibt es für sie keine Pause, um sich weiterzuentwickeln.

Äh, was? Gut, der Satz an sich ist rich­tig, nur irgend etwas stört mich daran. Viel­leicht liegt das daran, dass er kei­ner­lei Bezug zur Rea­li­tät hat? Ich weiß es nicht genau, aber es könnte sein. Irgend­wie stelle ich mir gerade einen etwas dick­li­chen Bas­sis­ten vor, der eigent­lich mit sei­ner Hard­rock­band so rich­tig kom­mer­zi­ell abge­hen will, es aber nicht schafft, da er die ganze Zeit neue Videos pro­du­zie­ren und online stel­len muss, bis er zutiefst ver­zwei­felt seine Katze filmt, die, halb­sei­tig gelähmt und neu­ro­tisch, stän­dig ver­sucht, sich mit einer Pfote an die Stirn zu schla­gen. Wie sol­len unter die­sen Bedin­gun­gen auch Rech­nun­gen auf­ge­hen?
Apro­pos Rech­nung. Ich habe mal eine ein­fa­che auf­ge­macht. Wenn ein soge­nann­ter Netz­kri­ti­ker x Inter­views gibt, steigt die Wahr­schein­lich­keit, dass er sich selbst wider­spricht um ca. x²*8000%.

SPIEGEL: Auch das Inter­net ist für Sie eine Art Reli­gion?
Lanier: Ich spre­che von einer neuen, auf Tech­no­lo­gie basie­ren­den Reli­gion. Das Inter­net ist zu einem sin­gu­lä­ren, anti­in­di­vi­dua­lis­ti­schen Appa­rat gewor­den, der mit einer Art kol­lek­ti­vem Ver­stand arbei­tet — ähnlich wie ein Bienenstaat.

FAZ: Sind Sie von den Geeks tie­fer ent­täuscht als vom Markt?
Lanier: Die neue Geek-Religion, in der das Inter­net ein leben­der Orga­nis­mus ist und als ver­meint­li­ches Wesen ange­be­tet wird, kann einen schon sehr enttäuschen.

Ich glaube ja per­sön­lich, dass das Inter­net ein Hund ist. Und damit in gewis­ser Hin­sicht auch ein Mensch. Aber auch eine Katze. Auf jeden Fall irgend­was mit Rudel­ver­hal­ten, mit ohne Nach­den­ken. Das scheint mir ganz wich­tig. Und doof ist es auch.

Das Inter­net bringt das Schlech­teste im Men­schen hervor.

Getre­te­ner Quark wird breit, nicht stark.

9 Kommentare zu “Offenbar ähneln Menschen Hunden”

  • Rene Rene Sagt:

    Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa! Danke David. You saved my cof­fee brake. Lese ich immer sehr gerne deine Arti­kel. Mein Lieb­ling ist der hier in der er indi­rekt zugibt sel­ber Gläu­bi­ger der von ihm kri­ti­sier­ten Reli­gion zu sein:
    „Sind Sie von den Geeks tie­fer ent­täuscht als vom Markt?
    Lanier: Die neue Geek-Religion, in der das Inter­net ein leben­der Orga­nis­mus ist und als ver­meint­li­ches Wesen ange­be­tet wird, kann einen schon sehr enttäuschen.“

  • guido guido Sagt:

    Ja, Lanier. Wenn man sich das Bild ansieht, wun­dert einen eigent­lich gar nix mehr. Check die Klüsen! Sinn und Ver­stand? Ein­fach weg­ge­kifft.
    Warum aber ent­blö­den sich die drei „Leit­me­dien“ nicht, die­sen Hum­bug zu dru­cken? Ohne die Aus­sa­gen irgend­wie zu rela­ti­vie­ren oder in Frage zu stel­len. Und im Grunde müs­sen sich die Herrn Redak­teure doch eigent­lich heim­lich auch ein biss­chen schä­men. Feuilleton-Redakteure sind ja eigent­lich ein ganz beson­ders eit­ler Schlag Men­schen.
    Aber das ganze hat ja Sys­tem — und das Sys­tem ist mäch­ti­ger als die Eitel­keit — : bei FZ, SZ etc. kom­men grund­sätz­lich nur Leute zu Wort, die bzgl. web 2.0 den Teu­fel an die Wand malen. Mit aus­ge­wo­ge­ner Beri­cher­stat­tung oder dem Bemü­hen um dis­kur­sive Plu­ra­li­tät hat das jeden­falls nüscht zu tun. Das ist ganz ein­fach rich­tige Mei­nungs­ma­che.
    Da inter­pre­tiert die bür­ger­li­che Presse ihre Rolle als vierte Gewalt mal wie­der auf ihre Art. Nicht als kri­ti­sches Kor­rek­tiv der Poli­tik, son­dern als dis­kur­sive Vor­be­rei­ter anti­so­zia­ler Poli­tik. Ähnli­ches hat ja bei Hartz4 ganz wun­der­bar funk­tio­niert — da wurde nach der Wie­der­wahl von Schrö­der ein Jahr lang von Reform­stau, der Not­wen­dig­keit sozia­ler Ein­schnitte um der Wett­be­werbs­wil­len des Stand­orts Deutsch­land etc geschrie­ben. (Diese Behaup­tung würde jeder ernst­haf­ten sozio­lo­gi­schen Ana­lyse stand­hal­ten. Man muss nur mal die Monate Nov02-Ende03 der SZ durch­blät­tern. Da ver­geht kaum ein Tag ohne die genann­ten Stich­worte.)
    Ähnli­ches pas­siert momen­tan wie­der. Hier wer­den repres­sive Gesetze her­bei­ge­schrie­ben — natür­lich im Namen von „Künst­lern“ und „Krea­ti­ven“. Von den Bos­sen der Con­tent­in­dus­trie ist da selt­sa­mer­weise nie die Rede. Und da freut man sich dann natür­lich über so Kon­ver­ti­ten wie Lanier und lässt ihnen wirk­lich jeden Quatsch durch­ge­hen: Zitat (aus dem FAZ-Interview):
    „Web­sites, die ich am meis­ten kri­ti­siere, sind zufäl­lig auch jene, die nicht pro­fi­ta­bel sind. Sie bie­ten Mash-ups an, bei denen die indi­vi­du­elle Stimme nicht mehr zu hören ist: Face­book, Twit­ter, Wiki­pe­dia. Gut, sie sind nicht alle gleich schlimm, Wiki­pe­dia ist schlim­mer als Face­book, aber keine von ihnen hat einen Pro­fit vorzuweisen.“

    Ja, Wiki­pe­dia, gaaaanz böse. Warum? Argu­mente? Keine. Nach­fra­gen? Auch nicht.

  • guido guido Sagt:

    nicht FZ son­dern FAZ, latürnich

  • Zugabe Zugabe Sagt:

    […] Archiv « Offen­bar ähneln Men­schen Hunden […]

  • Rene Rene Sagt:

    Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa! Danke David. You saved my cof­fee break. Lese ich immer sehr gerne deine Arti­kel. Mein Lieb­ling ist der hier in der er indi­rekt zugibt sel­ber Gläu­bi­ger der von ihm kri­ti­sier­ten Reli­gion zu sein:

  • Rene Rene Sagt:

    noop! bin neu hier. ich lerne das noch mit dem kommentieren.

  • Stefan Stefan Sagt:

    end­lich isses raus ;-)

  • klaus kinski klaus kinski Sagt:

    die geis­tes­hal­tung, die dahin­ter­steckt, einen inter­net­pio­nier und ent­wi­cker der ers­ten stunde als „50jährigen siff­kopf“ zu bezeich­nen, möchte ich lie­ber nicht kom­men­tie­ren. auch sonst scheinst du von lani­ers arti­keln nur das ver­stan­den zu haben, was du ver­ste­hen willst.
    lus­tig an dem unsäg­li­chen geschreib­sel hier finde ich nur, dass du lani­ers these vom mob hier auf treff­li­che weise bestä­tigst, allein was das niveau dei­ner wort­wahl angeht.
    beschränk dich lie­ber auf das thema sport, da kann man nicht soviel falschmachen.

  • guido guido Sagt:

    Lie­ber KK, wo genau ist jetzt das Pro­blem? Und was hätte David ver­ste­hen sol­len, was er, wie du meinst, nicht ver­ste­hen wollte? Oder geht’s dir nur um die Wortwahl?

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