sexualität IV

Frage und Antwort
I (japanisch)
Kamerad siehst du die Wolke überm Festland
Kommt Wind Kommt Schnee
Kamerad wo werden unsere Leiber liegen
Wo wir fallen werden unsere Leiber liegen
2 (chinesisch)
Den Becher Wein vor dir und
Das Paradies Alter was willst du mehr
Ich wollte mein Becher füllte sich von selber
Ich hätte gern daß Freunde mich besuchten
Statt des Beamten der die Steuer eintreibt
Auch sähe ich gern meine Kinder wohlhabend
Dann wollte ich gern noch hundert Jahre leben
Und verzichten auf das Paradies
(Heiner Müller)
Garapa nennt man im Norden Brasiliens den aus Zuckerrohr gewonnenen Zuckerrohrsaft. Ein süßliches Getränk, das mit Eis als Erfrischungsgetränk genossen werden kann. Alternativ bzw. in Ermangelung bezahlbarer Alternativen wird einfach Zucker (oder rapadura) mit Wasser vermischt und als billiger Energielieferant genutzt und vor allem Kindern zu trinken gegeben.

In José Padilhas Film Garapa geht es um die zweite Variante und um nichts weniger als den Hunger der Welt. Vorneweg: Padilhas Dokumentation ist nur schwer zu verdauen ertragen. Schon das verrauschende, grobkörnige schwarz-weiße 16mm-Bildmaterial nimmt dem Zuschauer jede Möglichkeit eine erträgliche Distanz zu wahren und sich eventuell dem Film nur rein ästhetisch zu nähern. Im Zentrum stehen die betroffenen Familien, die er über dreißig Tage mit einem kleinen Team bei ihrem täglichen Überleben begleitet hat. Padilha lässt die Familien reden. Die Kamera ist dabei, wenn die Familie Wasser aus einem verdreckten Tümpel schöpft. Sie ist dabei in den Hütten, in dem Dreck, durch den die Kinder krabbeln. Die Kinder sind krank, lethargisch, haben Wasserbäuche, offene Ekzeme auf der Haut, in denen sich die wenigen Essensreste sammeln und Fliegen ihre Eier legen. › Weiterlesen
Der türkische Regisseur Reha Erdem hat mit Hayat var (My only Sunshine) eine filmische Kostbarkeit geschaffen. Auf keinen Fall sollte man sich den Trailer anschauen, der sehr viel mehr Action verspricht, als der zweistündige Film zeigen möchte und gerade deswegen so sehenswert ist.
Heute ist ja Darwins Geburtstag und alle Welt überschlägt sich. Ich denke mir, dass es ein paar Kniebeugen ja auch tun würden, und will daher einmal etwas zur Evolution im Allgemeinen, und über das Axolotl im Speziellen schreiben.
Fluch und Segen der E. ist wohl die Verkürzung der Theorie auf die These des „Survival of the fittest“. Einmal ganz abgesehen davon, dass mit diesem Satz die ein oder andere Boshaftigkeit auf diesem Planeten legitimiert werden sollte, erschließt sich der Satz eigentlich auch nur, wenn man die E. kennt. Und das traf und trifft wohl auf die meisten Menschen nicht zu. In der heutigen Zeit mag das zu einem Teil daran liegen, dass die Worte fit und fitness in einem gänzlich anderen Kontext wahrgenommen werden, dessen Beschreibung dem Autor hier nicht weiter zugemutet werden soll.
Und so steht bei der Evolutionstheorie eigentlich nicht so sehr die Art im Vordergrund, sondern ihr Ökosystem. Denn der Terminus fitness kann grundsätzlich nur eine relative Angabe sein, sowohl in seiner aktuellen, als auch in seiner eigentlichen Bedeutung (to fit=in etwas hineinpassen). Ein Zehnkämpfer auf dem Mars stirbt, obwohl er auf der Erde wahrscheinlich eines der fittesten Individuen ist. Er würde in der Antarktis nicht überleben, auch nicht in Wüste, Hochgebirge und Meer.
D.h. dass man eine Art immer von ihrer Nische her betrachten muss, um ihren evolutionären Vorteil erkennen zu können, und eine Nische kann alles sein: Die Besenkammer, der Amazonas, Taklamakan, oder eine spezielle Höhle. › Weiterlesen
Zwei sehr sehenswerte Dokus laufen im Forum: Die wundersame Welt der Waschkraft von Hans Christian Schmid und Material von Thomas Heise. Schmids Film zeigt im Stil des Direct Cinema (stellenweise erinnern die Bilder auch an Jonas Mekas‘ intime Experimentalfilme) den Mikrokosmos rund um den Wäschereigroßbetrieb ‚Fliegel‘. Der wurde in den 90ern in Polen gegründet, weil es da doppelt freie LohnarbeiterInnen gab und gibt, die zu unterirdischen Preisen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Und es sich deshalb lohnt, Tischtücher und Bettbezüge aus diversen Berliner Luxushotels tagtäglich bis hinter die polnische Grenze und zurück zu karren. Das Film moralisiert nicht, sondern veranschaulicht nur an diesem einfachen Beispiel, dass der Kapitalismus in seinem ganz normalen Ablauf skandalös genug ist — auch wenn gerade mal nicht Krise ist.

12.2. 19:00 CineStar 8
13.2. 20:15 Delphi Filmpalast
15.2. 20:00 Cubix
Thomas Heise zeigt (u.a.) Material, das er vor zwanzig Jahren gedreht hat und das die Wende in der DDR dokumentiert. ‚Wende‘, das Wort wurde damals von den Demonstrierenden und den neuen Parteifunktionären gleichermaßen benutzt, aber bezeichnete noch nicht, was heute allgemein darunter verstanden wird. Interessant ist, wie die Diskussionen zwischen einfachen SED-Genossen verlaufen, denen daran gelegen ist, den Staatssozialismus gerechter, transparenter, demokratischer und wirtschaftlicher effizienter zu gestalten. Sie können zum ersten Mal lautstark ihrem Unmut über die Verhältnisse Luft machen. Die Reden, die sie auf den Kundgebungen spontan halten, sind heute noch oder wieder bewegend, weil sie Menschen zeigen, die willens gewesen wären unter persönlichem Einsatz mitzuwirken am Aufbau eines freieren und besseren Sozialismus (der, das ist klar, sicher auch nicht das Paradies auf Erden geworden wäre…). Mit dem Abstand von zwanzig Jahren fragt man sich, von wem damals an welchen Rädern gedreht wurde, um eine Dynamik zu entfachen, die nur ein Jahr später die Wiedervereinigung alternativlos machte.
12.2. 19:30 Cubix
14.2. 15:15 Arsenal 1

Manche Dinge treten erst dann groß in Erscheinung, wenn sie abtreten müssen. Wie zum Beispiel jene kleinen, dunklen Kreise im rechten oberen Eck des Filmbildes, die sich Überblendzeichen (cigarette burns) nennen, am Ende jedes Filmaktes zweimal, etwas länger als ein Augenzwinkern erscheinen und im klassischen Vorführbetrieb einen nahtlosen Staffellauf der Bilder von Projektor zu Projektor gewährleiste(te)n.
Die fortschreitende Digitalisierung des Kinos wird filmische Paratexte dieser Art irgendwann hinfällig gemacht haben. Umso bemerkenswerter, dass gerade das Kino um die Jahrtausendwende diese Schwellenzeichen prominent ins Bild setzt und das, was reine Funktion und Handlungsanweisung für den Film-Operateur war, plötzlich ästhetisch und diegetisch werden lässt. In David Lynchs Inland Empire (USA 2006) fungieren Brandlöcher in Seidenunterwäsche als Pforten in andere Bewusstseinsregionen und auch in Cigarette Burns (USA 2005), John Carpenters brillantem Beitrag für die Fernseh-Reihe „Masters of Horror“, verwandeln sich Überblendzeichen in diabolische Signifikanten und Umschaltstellen zwischen dem Realen und dem Imaginären. Fast so, als halte ein marginales, infames Zeichen der „Reel World“ noch einmal an seinem Recht fest, sich nachhaltig ins Bild und ins Bewusstsein des Publikums zu brennen.
Ist der Plot mal wieder nicht so prall, hat man Vorteile, wenn man auf ein gewisses filmtheoretisches Basiswissen zurückgreifen kann. Dann kann man einfach rausgehen, an andere Sachen denken auf andere Sachen achten, z.B. die Erzählperspektive. Praktiziert anhand zweier typischer Forums-Filme: Kan door huid heen (Can Go Through Skin, NL 2009) von Esther Rots so möchte ich ja lieber nicht heißen und Man tänker sitt (Burrowing, Henrik Hellström/Fredrik Wenzel, S 2009). Beide nur mittelmäßig interessant, aber spannender, wenn man sich fragt, wie (aus wessen Sicht) die Geschichte hier erzählt wird. Wer allerdings bei Theorie immer sofort anfängt, müde zu werden und an was anderes zu denken Sex kann sich jetzt auf den dafür zuständigen Seiten umgucken (bei uns z.B. hier, hier, hier). Für alle andern: los gehts.
Fokalisierung. Ein sperriger Begriff für einen bekannten Sachverhalt: Geschichten werden immer aus einem bestimmten Blickwinkel, einer mehr oder weniger variablen Perspektive mit mehr oder weniger Überblick präsentiert. (Achtung: es geht hier nicht um den optischen Blickwinkel, sondern metaphorisch gesprochen um die ‚Sicht‘ auf die Dinge, die Erlebnisperpektive; die Fokalisierung fungiert als eine Art ‚Filter‘ der narrativen Information.) Gérard Genette, der Begründer der strukturalistischen Narratologie (Erzähltheorie), von dem der Begriff stammt, unterscheidet drei Arten der Fokalisierung: › Weiterlesen