Lyrischer Adventskalender 12 — Krolow

12. Dezember 2009 | 1 Kommentar

Drei Orangen, zwei Zitronen

Drei Orangen, zwei Zitronen: -
Bald nicht mehr verborgne Gleichung,
Formeln, die die Luft bewohnen,
Algebra der reifen Früchte!

Licht umschwirrt im wespengelben
Mittag lautlos alle Wesen.
Trockne Blumen ruhn im selben
Augenblick auf trocknem Wind.

Drei Orangen, zwei Zitronen.
Und die Stille kommt mit Flügeln.
Grün schwebt sie durch Ulmenkronen,
Selges Schiff, matrosenheiter. » Weiterlesen… «


Lyrischer Adventskalender 11 — Reinig

11. Dezember 2009 | Kommentieren

Robinson

Machmal weint er wenn die worte
still in seiner kehle stehn
doch er lernt an seinem orte
schweigend mit sich umzugehn

und erfindet alte dinge
halb aus not und halb im spiel
splittert stein zur messerklinge
schnürt die axt an einen stiel

kratzt mit einer muschelkante
seinen namen in die wand
und der allzu oft genannte
wird ihm langsam unbekannt

(Christa Reinig, 1964)


Lyrischer Adventskalender 10 — Bernhard

10. Dezember 2009 | Kommentieren

Kein Baum

Eine Ursache für John Donne

Kein Baum
wird dich verstehn,
kein Wald,
kein Fluß,

kein Frost,
nicht Eis, nicht Schnee,
kein Winter, Du,
kein Ich,

Kein Sturmwind
auf der Höh, kein Grab,
nicht Ost, nicht West,
kein Weinen, weh –
kein Baum…

(Thomas Bernhard, 1963, Gesammelte Gedichte, Suhrkamp 1991)


Lyrischer Adventskalender 9 — Lavant

9. Dezember 2009 | Kommentieren

Die Bettlerschale

Horch! das ist die leere Bettlerschale,
halb aus Lehm noch, aber halb schon Stein
und sie trommelt dir bei jedem Male
Hungerlieder zwischen Brot und Wein.

Blick nicht weg und stelle dich nicht taub!
Deine Zehen zucken längst schon lüstern,
eigenmächtig tanzt in deinen Nüstern
Bettler-Hochmut und verschmähter Raub.

Brich nur weiter das gelobte Brot!
Es ist durch und durch schon angesäuert
von dem Salz, das meine Augen scheuert
und die Schale anzufüllen droht.

Wenn die Trommel plötzlich nicht mehr klingt,
wird kein Mahl auf Erden dir mehr munden
und dein Herz wird sich von selber runden
in der Hand, die dich zum Betteln zwingt.

(Christine Lavant, 1956)


Lyrischer Adventskalender 8 — Bachmann

8. Dezember 2009 | 1 Kommentar

Die große Fracht

Die große Fracht des Sommers ist verladen,
das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit,
wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.
Die große Fracht des Sommers ist verladen.

Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit,
und auf die Lippen der Galionsfiguren
tritt unverhüllt das Lächeln der Lemuren.
Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit.

Wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit,
kommt aus dem Westen der Befehl zu sinken;
doch offnen Augs wirst du im Licht ertrinken,
wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.

(Ingeborg Bachmann, 1952)


Lyrischer Adventskalender 7 — Eich

7. Dezember 2009 | 1 Kommentar

Inventur

Dies ist meine Mütze,
mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.

Konservenbüchse:
mein Teller, mein Becher,
ich hab in das Weißblech
den Namen geritzt.

Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge.

Im Brotbeutel sind
ein Paar wollene Socken
und einiges, was ich
niemand verrate,

so dient es als Kissen
nachts meinem Kopf.
Die Pappe hier liegt
zwischen mir und der Erde.

Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
die nachts ich erdacht.

Dies ist mein Notizbuch,
dies meine Zeltbahn,
dies ist mein Handtuch,
dies ist mein Zwirn.

(Günther Eich, 1948)


Lyrischer Adventskalender 6 — Langgässer

6. Dezember 2009 | 1 Kommentar

Daphne

Du siehst, wo sich der Waldhang weitet,
Die Espe zitternd niederwehn,
Dem Brand des Himmels hingebreitet,
Von Gras und Habichtskraut begleitet,
Die ärmlich in den Winter gehn.

Doch auch das Dunkel einer Mauer,
Wenn sie am Saum der Städte lebt,
Berührt oft ihrer Krone Schauer,
An dem du dieser Zeiten Trauer
Ermissest, da sie grundlos bebt.

Sie wurzelt mühsam im Gerölle,
Das sie verfolgt, indem es hält -
Und vor Begrenzung, Maß und Kelle
Flieht Daphne in das Laubgefälle
Und steht am Rande unsrer Welt.

(Elisabeth Langgässer, 1935)


Lyrischer Adventskalender 5 — Borchardt

5. Dezember 2009 | Kommentieren

Urlaub

Fort fort und lungere mir nicht neben der Fensterbank
Langflügelig allzu Lieblicher
Nicht Saitenspiels, so bin ich auch nicht Lauschens Dir
Cupido, heut zu Willen nicht
Weder heut noch morgen. Morgen oh noch weniger
Umsonst gelacht, glaubs nicht wie sonst
Kehraus klatscht in die Hände, bei den Türen pfeift
Der Nord zum Loch des Zimmermanns.
Nimm gleich, da schon Du die Füße hebst und hoch schwangst
Nimm mit was durch die Kammer fegt.
Es friert die gestrigen Kränze, durch Papiere rauschts » Weiterlesen… «


Lyrischer Adventskalender 4 — Arp

4. Dezember 2009 | 1 Kommentar

Opus Null

Ich bin der große Derdiedas
das rigorose Regiment
der Ozonstengel prima Qua
der anonyme Einprozent

Das P.P. Tit. und auch die Po
Posaune ohne Mund und Loch
das große Herkulesgeschirr
der linke Fuß vom rechten Koch

Ich bin der lange Lebenslang
der zwölfte Sinn im Eierstock
der insgesamte Augustin
im lichten Zelluloserock

(Hans Arp, 1924)


Lyrischer Adventskalender 3 — Schwitters

3. Dezember 2009 | 1 Kommentar

Rosen blühen wie Gänseblümchen

Rosen blühen wie Gänseblümchen auf den Wiesen, den der große PRA seinen
honigweichen Finger ausdrängt und den Horizont mit seiner schäumenden
Lende küßt. Die Guirlanden Leberflecken tanzen vor den Wimpern der Meer–
schweinchen, die auf ihren Lippen Fangball spielen mit seinem altererbten
Namen: „P R A“. Was Du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu
besitzen. Und auf ihren goldenen Rüsseln tanzen die kaleidoskopartig kleinen
Teilchen wie unendlich große Bälle von der Schwere eines X. Und wie sie so
hinsinken, breitet sich spontan eine Morgenröte aus auf ihren golden bronzier–
ten Popohülsen, und der verderbliche Eierstock von mehr als 23 000 eiergelben
Puddingspritzen läuft in den azurblauen Äther aus.

(Kurt Schwitters, um 1922, in: Das literarische Werk. Lyrik (DTV 2005).