Lyrischer Adventskalender 2 — Tucholsky

2. Dezember 2009 | Kommentieren

Sexuelle Aufklärung

Tritt ein, mein Sohn, in dieses Varieté!
Die heiligen Hallen füllt ein lieblich Odium
von Rauchtabak, Parfums und Eßbüfett.
Die blonde Emmy tänzelt auf das Podium,
der erste und der einzige Geiger schmiert „Kollodium„
auf seine Fiedel für das hohe C …
So blieb es, und so ists seit dreißig Jahren -
drum ist dein alter Vater mit dir hergefahren.

Sieh jenes Mädchen! Erster Jugendblüte
leichtrosa Schimmer ziert das reizende Gesicht.
So war sie schon, als ich mich noch um sie bemühte,
und wahrlich: ich blamiert mich nicht!
Siehst du sie jetzt, wie sie voll Scham erglühte?
Was flüstert sie? „Det die de Motten kriecht …!„
Wie klingt mir dieser Wahlspruch doch vertraut
aus jener Zeit, da ich den Referendar gebaut!

Sei mir gegrüßt, du meine Tugendlilie,
du altes Flitterkleid, du Tamburin!
Nimm du sie hin, mein Sohn - es bleibt in der Familie -
und lern bei ihr: es gibt nur ein Berlin!
Nun aber spitz die Ohren, denn gleich singt Ottilie
ihr Lieblingslied vom kleinen Zeppeliihn …
Kriegst du sie nicht, soll dich der Teufel holen!
Verhalt dich brav — und damit Gott befohlen!

(Kurt Tucholsky, 1919)


Lyrischer Adventskalender 1 — Trakl

1. Dezember 2009 | 2 Kommentare

Im Winter

Der Acker leuchtet weiß und kalt.
Der Himmel ist einsam und ungeheuer.
Dohlen kreisen über dem Weiher,
Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.
Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.
Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten,
Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain,
Und Raben plätschern in blutigen Gossen.
Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.
Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.

(Georg Trakl, 1913)


Das doofe Mädchen

28. November 2009 | 7 Kommentare

So ist das. Erst wollte keiner mit ihr spielen. Jetzt ist sie Ministerin.

Hätten wir als Kinder gewusst, was passieren würde, ja, hätten wir es nur geahnt! Wären wir uns damals unserer besonderen Verantwortung bewusst gewesen — wir hätten sie mitspielen lassen. Ganz bestimmt! Aber sie wollte ja nicht. Die doofe Kristina ist lieber zu Hause geblieben und hat vielleicht mal aus dem Fenster gesehen, wie wir unten gespielt oder wieder einmal gestritten haben. Für sie war schon die Kindheit nur eine Passiverfahrung. Ebenso wird die Familienministerin ohne Eigenerfahrung im Bereich Familie auskommen müssen. » Weiterlesen… «


random picture

25. November 2009 | Kommentieren


Rich Brother

21. November 2009 | 3 Kommentare

Rich Brother (© Insa Onken)„Du musst dich opfern, sonst bist du verdammt“, beschreibt der Bruder die Rolle von Ben. Den hat die Familie von Kamerun nach Deutschland geschickt, um Anteil zu haben am Wohlstand der Ersten Welt. Sein Grundstück und das Motorrad haben sie verkauft und ein Flugticket gekauft. Denn wer es nach Europa schafft, gilt als reich und hat für Geld, Geschenke und Geschäfte zu sorgen. Wer es nicht schafft, gilt als Verlierer. » Weiterlesen… «


Wie überraschend

17. November 2009 | 2 Kommentare

Die Zahl der nach Deutschland zurückkehrenden Unternehmen steigt.

Mmhh, mal überlegen.

  • Endlich kann man Steuerberatungskosten wieder absetzen.…check
  • Die Löhne haben sich in den letzten Jahren erfreulich nach unten bewegt.…check
  • Staatskredite und Subventionen fließen in der Wirtschaftskrise reichlich.…check
  • Man kann Unternehmen wieder weitgehend steuerfrei vererben.…check
  • Arbeitgeber werden aus der Finanzierung des Sozialsystems entlassen.…check
  • Mindestlöhne werden als staatssozialistische Pest verteufelt.…check
  • Überraschung.…fail

Radian

13. November 2009 | Kommentieren

Den Einstieg machen sie der Hörerin nicht leicht auf Chimeric, ihrem neuen Album, das heute erscheint. Das erste Stück, ‚Git Cut Noise‘ beginnt mit dem summenden Feedbackgeräusch eines Gitarrenverstärkers, zu dem sich schnell ein leicht verzerrtes Schlagzeug gesellt. Das Cut-up-Prinzip erzeugt einen seltsamen Groove bevor es dann richtig laut und unangenehm wird. Schließlich setzt ein recht primitiver, sich um Halbtöne verschiebender Basslauf ein; der Distortion-Schlussteil erinnert an manche Stücke von Do Make Say Think. Es ist als wollten Radian gleich zu Beginn ihr Gebiet markieren und Ortsunkundigen keinen allzu leichten Zugang gewähren.

Jenen, die Radian schon länger kennen, kommt dann doch auch wieder einiges bekannt vor: der ureigene Schlagzeugsound von Martin Brandlmayer, die Integration von vermeintlichen Störgeräuschen und Studioartefakten in den Klang und Rhythmus der Stücke, die Mischung aus Postrock, Jazz und Elektronik, die bisweilen klingt als sei sie in einen Häcksler geraten. » Weiterlesen… «


Merkel II.

12. November 2009 | 4 Kommentare

Angela MerkelWieso merkt eigentlich niemand an, was für eine schlechte Rednerin Angela Merkel ist? Die Regierungserklärung hätte dafür reichlichst Gelegenheit geboten. Es ist ja nicht nur so, dass sie in den Bereichen Steuer– und Finanzpolitik das Programm der FDP geradezu herunter gebetet hat; die erste konkrete Maßnahme, die sie angekündigt hat, war die Beseitigung der krisenbedingten Auswirkungen der Unternehmen– und Erbschaftsteuerreform. Richtig abenteuerlich sind ja erst die Begründungen für dieses ganze Treiben. Beziehungsweise anti-abenteuerlich. Oder versteht irgendjemand diesen Satz?

Und umgekehrt: Mit Wachstum Investitionen, Arbeitsplätze, Gelder für die Bildung, Hilfe für die Schwachen und — am wichtigsten — Vertrauen bei den Menschen. Das ist meine Überzeugung,

Äh, was? Mit Wachstum Vertrauen bei den Menschen? Mit Vertrauen Wachstum bei den Menschen? Und falls sich jemand Sorgen wegen des „und umgekehrt“ am Anfang macht. Das sagt sie deswegen, weil sie im Satz davor schon einmal genau dasselbe gesagt hat. Nur eben umgekehrt. Eigenlicht logisch (d.h. im Eigenlicht betrachtet, wirkt es logisch). » Weiterlesen… «


Just say no to family values

10. November 2009 | 1 Kommentar

Gesehen am Wochenende auf dem Kurzfilmfestival in Winterthur:


Tri-Tra-Trullala

9. November 2009 | 1 Kommentar

Ist ja irgendwie putzig diese Feier zum Mauerfall. Und alle sind ideologisch so schön auf Linie. Aber dass der überambitionierte ARD-Moderator (Deppendorf oder irgendein anderer Kasper) vom „Schrecken der SED-Herrschaft“ faselt, geht dann vielleicht ein bisserl zu weit, oder? Dass es ‚drüben‘ nicht immer witzig war, richtig miefig, mies und paranoid zuging etc. wissen wir ja alle. Aber Schreckensherrschaft? Das war ja nun auch nicht Nordkorea oder Hitlerdeutschland.

Und dann sollen sie doch bitte gleich auch von der Schreckensherrschaft von CDU/FDP (resp. Rotgrün) sprechen. Überwachung, überfüllte Knäste, wirtschaftliche Ineffizienz sind hier ja auch nicht unbekannt (dazu noch Kinderarmut & Angriffskrieg). Also bitte.