Lyrischer Adventskalender 14 — Brinkmann

Gedicht

Zerstörte Landschaft mit
Konservendosen, die Hauseingänge
leer, was ist darin? Hier kam ich

mit dem Zug nachmittags an,
zwei Töpfe an der Reisetasche
festgebunden, Jetzt bin ich aus

den Träumen raus, die über eine
Kreuzung wehn. Und Staub,
zerstückelte Pavane, aus totem

Neon, Zeitungen und Schienen
dieser Tag, was krieg ich jetzt,
einen Tag älter, tiefer und tot?

Wer hat gesagt, daß sowas Leben
ist? Ich gehe in ein
anderes Blau.

Rolf Dieter Brinkmann (1975). In: Westwärts 1 & 2 (Rowohlt)

Veröffentlicht in Kultur, Lyrik | 1 Kommentar

Lyrischer Adventskalender 13 — Artmann

landschaft 1

eine linie nach der lerche der höhe eine linie nach
der lerche des nestes gelärme im silberhaus der luft

die bahn kommt das dampfroß die eiserne sache ah
rechts biegt der rausch ab die sonne grast überm tunnel -

farngrün wirkt fahl geht schatten ufernd bergwärts
nein und ja klingt  s aus brunnenröhren rohren bambussen

aus wiesenquadraten großen seen ohn schwäne es folgt
seinen lettern aufrechten hingelegten fallendes laub

wirkt weit weg drum es steigt doch kein drache steigt
sommer steigt wind setiegt regen doch steigt keine rose

wie s auch in tabellen heißt: rechne die null ab aber
wie s weiter heißt: ziehe erträge nach links geregne

an horizonten von nachbarn die sehen den ochsen äsen
alpaccafarben die stoer päonienkühe fernab deren kälber

der mond mag junge tiere in mulden in blätterndem salz
der levkojennäcker drin der chinese die furche erlernt

die wie ein pfiff die schmetterlingsknäuel trifft oder
die luft der forste sibiriens reine unbeackerte erde

(H.C. Artmann, 1969)

Veröffentlicht in Kultur, Lyrik | Getagged , , | Kommentieren

Lyrischer Adventskalender 12 — Krolow

Drei Orangen, zwei Zitronen

Drei Orangen, zwei Zitronen: -
Bald nicht mehr verborgne Gleichung,
Formeln, die die Luft bewohnen,
Algebra der reifen Früchte!

Licht umschwirrt im wespengelben
Mittag lautlos alle Wesen.
Trockne Blumen ruhn im selben
Augenblick auf trocknem Wind.

Drei Orangen, zwei Zitronen.
Und die Stille kommt mit Flügeln.
Grün schwebt sie durch Ulmenkronen,
Selges Schiff, matrosenheiter. Mehr lesen »

Veröffentlicht in Kultur, Lyrik | Getagged , , | 1 Kommentar

Lyrischer Adventskalender 11 — Reinig

Robinson

Machmal weint er wenn die worte
still in seiner kehle stehn
doch er lernt an seinem orte
schweigend mit sich umzugehn

und erfindet alte dinge
halb aus not und halb im spiel
splittert stein zur messerklinge
schnürt die axt an einen stiel

kratzt mit einer muschelkante
seinen namen in die wand
und der allzu oft genannte
wird ihm langsam unbekannt

(Christa Reinig, 1964)

Veröffentlicht in Kultur, Lyrik | Getagged , , | Kommentieren

Lyrischer Adventskalender 10 — Bernhard

Kein Baum

Eine Ursache für John Donne

Kein Baum
wird dich verstehn,
kein Wald,
kein Fluß,

kein Frost,
nicht Eis, nicht Schnee,
kein Winter, Du,
kein Ich,

Kein Sturmwind
auf der Höh, kein Grab,
nicht Ost, nicht West,
kein Weinen, weh –
kein Baum…

(Thomas Bernhard, 1963, Gesammelte Gedichte, Suhrkamp 1991)

Veröffentlicht in Kultur, Lyrik | Getagged , , | Kommentieren

Lyrischer Adventskalender 9 — Lavant

Die Bettlerschale

Horch! das ist die leere Bettlerschale,
halb aus Lehm noch, aber halb schon Stein
und sie trommelt dir bei jedem Male
Hungerlieder zwischen Brot und Wein.

Blick nicht weg und stelle dich nicht taub!
Deine Zehen zucken längst schon lüstern,
eigenmächtig tanzt in deinen Nüstern
Bettler-Hochmut und verschmähter Raub.

Brich nur weiter das gelobte Brot!
Es ist durch und durch schon angesäuert
von dem Salz, das meine Augen scheuert
und die Schale anzufüllen droht.

Wenn die Trommel plötzlich nicht mehr klingt,
wird kein Mahl auf Erden dir mehr munden
und dein Herz wird sich von selber runden
in der Hand, die dich zum Betteln zwingt.

(Christine Lavant, 1956)

Veröffentlicht in Kultur, Lyrik | Getagged , , , | Kommentieren

Lyrischer Adventskalender 8 — Bachmann

Die große Fracht

Die große Fracht des Sommers ist verladen,
das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit,
wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.
Die große Fracht des Sommers ist verladen.

Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit,
und auf die Lippen der Galionsfiguren
tritt unverhüllt das Lächeln der Lemuren.
Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit.

Wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit,
kommt aus dem Westen der Befehl zu sinken;
doch offnen Augs wirst du im Licht ertrinken,
wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.

(Ingeborg Bachmann, 1952)

Veröffentlicht in Kultur, Lyrik | Getagged , , , | 1 Kommentar

Lyrischer Adventskalender 7 — Eich

Inventur

Dies ist meine Mütze,
mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.

Konservenbüchse:
mein Teller, mein Becher,
ich hab in das Weißblech
den Namen geritzt.

Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge.

Im Brotbeutel sind
ein Paar wollene Socken
und einiges, was ich
niemand verrate,

so dient es als Kissen
nachts meinem Kopf.
Die Pappe hier liegt
zwischen mir und der Erde.

Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
die nachts ich erdacht.

Dies ist mein Notizbuch,
dies meine Zeltbahn,
dies ist mein Handtuch,
dies ist mein Zwirn.

(Günther Eich, 1948)

Veröffentlicht in Kultur, Lyrik | Getagged , , | 1 Kommentar

Lyrischer Adventskalender 6 — Langgässer

Daphne

Du siehst, wo sich der Waldhang weitet,
Die Espe zitternd niederwehn,
Dem Brand des Himmels hingebreitet,
Von Gras und Habichtskraut begleitet,
Die ärmlich in den Winter gehn.

Doch auch das Dunkel einer Mauer,
Wenn sie am Saum der Städte lebt,
Berührt oft ihrer Krone Schauer,
An dem du dieser Zeiten Trauer
Ermissest, da sie grundlos bebt.

Sie wurzelt mühsam im Gerölle,
Das sie verfolgt, indem es hält -
Und vor Begrenzung, Maß und Kelle
Flieht Daphne in das Laubgefälle
Und steht am Rande unsrer Welt.

(Elisabeth Langgässer, 1935)

Veröffentlicht in Kultur, Lyrik | Getagged , | 1 Kommentar

Lyrischer Adventskalender 5 — Borchardt

Urlaub

Fort fort und lungere mir nicht neben der Fensterbank
Langflügelig allzu Lieblicher
Nicht Saitenspiels, so bin ich auch nicht Lauschens Dir
Cupido, heut zu Willen nicht
Weder heut noch morgen. Morgen oh noch weniger
Umsonst gelacht, glaubs nicht wie sonst
Kehraus klatscht in die Hände, bei den Türen pfeift
Der Nord zum Loch des Zimmermanns.
Nimm gleich, da schon Du die Füße hebst und hoch schwangst
Nimm mit was durch die Kammer fegt.
Es friert die gestrigen Kränze, durch Papiere rauschts Mehr lesen »

Veröffentlicht in Kultur, Lyrik | Getagged , , | Kommentieren