In memoriam Tim Stüttgen For a Friend

young tim stüttgen

Ich verdanke Tim viel. Vieles habe ich durch ihn kennengelernt. In seinem Kellerzimmer, in dem so manche Initiation in vergangene Avantgarde-Höhepunkte stattfand, habe ich mit 18 die ersten Freejazzplatten gehört, die ersten Diskussionen über die Beatniks geführt und die ersten Filme von Tarkowskij, Godard und Cassavetes gesehen. Ich erinnere mich daran, dass wir Jarmusch’s Permanent Vacation in einem dermaßen vernebelten Zustand guckten, dass ich von dem Film am nächsten Tag buchstäblich nichts mehr wusste.

Kennengelernt habe ich Tim 1997 als bis zur Verausgabung vielseitig interessierten und großzügigen Menschen, was gepaart mit gewissen (ego-)manischen Zügen eine sehr eigentümliche Mischung ergab. Seine Platten, Bücher, Videokassetten waren in der rheinländischen Kleinstadt zwischen Düsseldorf und Köln, in der wir beide aufgewachsen sind, über einen großen Freundeskreis verstreut. Mit einem dieser Freunde, der von Tims Freigebigkeit ungeniert Gebrauch machte, habe ich Duzende seiner Platten gehört. Viele klangen fremd und großartig und berauschend. Ich denke etwa an die LP Reformhölle der (zu unrecht verhältnismäßig unbekannten) Hamburger Schule-Band Cpt. Kirk & ., die Tim mir einige Jahre später schenkte (nachdem ich sie in verschiedenen Plattenläden vergeblich gesucht hatte, wir also beide wussten, dass sie recht rar war). Weiterlesen

Rançiere zum intellektuellen Leben Zum Quatsch berufen

Ich verstehe schon, was dem intellektuellen Leben abwechselnd seinen Überschuss an Ehre oder seine Würdelosigkeit einbringt. Das Fabrik– oder Büroleben hat seine geregelten Abläufe und gibt sich nicht für mehr aus, als es ist. Im sogenannten intellektuellen Leben herrscht hingegen das Gefühl, dass es dabei ums Denken geht und dass dieses immer im Einsatz ist. Das macht das intellektuelle Leben so ermüdend. Es ist ohne Vergnügung. Ein Theaterbesuch oder die Zeitungslektüre bedeutet noch immer, im Dienst zu sein. Das macht es auch so unsinnig: Alles muss darin gerechtfertigt werden. Die Anpreisung eines Buches muss ein ganz neues Denken verkünden, die Berufung eines Individuums, einen Sieg der Wissenschaft oder des Obskurantismus, der Freiheit oder des Totalitarismus. Die Intellektuellen sind weder mehr noch weniger verrückt als die anderen. Bloß zwingt sie ihre Funktion oder eher die Unbestimmtheit ihrer Funktion, zu rationalisieren, das heißt andauernd Unsinn zu reden.

Jacques Rançière: Gibt es im intellektuellen Leben Ereignisse? [frz. 1986]. In: Moments politiques. Interventionen 1977–2009. Zürich: Diaphanes 2011.

 

Zur 1:12-Initiative So ein Unsinn!

«Man muss verdammt jung und blauäugig sein, um so einen Unsinn vorzuschlagen», sagt Ruedi Noser (nicht nur «Selfmademan», sondern auch noch FDP-Nationalrat und SuccéSuisse-Gründer – der Mann scheint zu viel Zeit zu haben) im WOZ-Interview. Mit dem «Unsinn» ist die 1:12-Initiative gemeint, die vorsieht, dass das höchste Gehalt in einem Unternehmen nur zwölf mal höher sein darf als das niedrigste. Eine «blauäugige», eine «extreme Forderung» ist das in Nosers (braunen?) Augen.

Und recht hat er, wenn auch ganz anders, als er denkt. Dass manche Menschen für den gleichen Verschleiß an Arbeitskraft und Lebenszeit zwölf mal mehr Geld verdienen sollen als andere – und das unter oft viel angenehmeren Bedingungen (z.B. großer Schreibtisch zum Füße drauf legen & Sekretäre, die auf Zuruf Koffeingetränke herbeischaffen) – das ist in der Tat eine ganz schön extreme Forderung. Können die sich nicht vielleicht mal mit zehn mal mehr zufrieden geben? Oder vielleicht acht mal mehr? Immer noch ziemlich extrem, wenn man sich das in Gütern zurecht denkt (denn die Kohle verkörpert ja letztlich potenziellen Konsum, was sonst): Der eine Mensch darf zum Frühstück ein Brötchen essen, der andere acht, der eine eine Tasse Kaffee trinken, der andere acht. Dann geht der eine zum Zähneputzen in sein 10 m2 großes Bad, der andere in seine 80m2-Luxusbadesuite, legt sich noch eine Runde in eins seiner acht Betten und geht dann zu seinen acht Kleiderschränken um sich acht paar Socken anzuziehen. Ein bisschen viel, oder? Acht Paar Socken! So gesehen ist die Forderung nach acht mal mehr Geld also immer noch ziemlich extrem. Eventuell würde es doppelt so viel auch tun. Wobei die am wenigsten extreme Forderung natürlich die nach gleichem Gehalt für alle wäre.

Noser wird einwenden, dass dieses blauäugige Räsonnement von den Bedingungen absieht, unter denen auf dem freien Markt die Preise für den Verkauf von Arbeitskraft festgelegt werden. Offenbar ist der Verschleiß von Lebenszeit und Arbeitskraft mancher Menschen nun einmal zwanzig (oder mehr) mal soviel wert wie der von anderen. Zum Beispiel die besonderen Skills, sich zu verrechnen und zu verspekulieren oder anderen Menschen Befehle zu erteilen und ihnen dann aus betriebsbedingten Gründen zu kündigen, sind rar gesät und daher teuer. 20 oder 40 mal so teuer wie einfache Handarbeit, hat der Markt festgestellt. Und wenn der Markt das sagt, wer wird da widersprechen wollen?

Dennoch widersprechen zu wollen, ist ein unbestreitbarer Vorzug der 1:12-Initiative. Sie nimmt die gegebenen Bedingungen nicht als gottgegebene hin. Sie repolitisiert einen Gesellschaftsbereich, der allzu oft als naturwüchsig und nach marktliberalem Credo als unantastbar gilt. Das ist der Grund, aus dem sich die Nosers so davon provoziert fühlen. Bei Licht betrachtet ist die 1:12-Initiative zwar Unsinn und vor allem viel zu extrem, aber in der Schweiz stimmberechtigte Menschen, die keine Selfmademänner oder FDP-Nationalräte sind, sollten dennoch für sie stimmen. Sie ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung und ihr Erfolg wäre ein bisschen besser als nix.