PLinks KW 43/10

Telefongespräch:

Ach was. Deutsche Diplomaten waren aktiv an der Politik des Dritten Reiches beteiligt? Mit Maßanzug und Schreibtischtat? Ohne nachher irgendwas gewusst zu haben? Hat jetzt eine Studie offenbart? Aus eigener Initiative und mit voller Überzeugung? Ernsthaft? Und die sind danach einfach so wieder in den bundesdeutschen Konsulardienst aufgenommen worden? Ohne Probleme? Sag bloß, mit Rückendeckung von oben! Ach komm, kann nicht sein! Erst vorgestern in der Tagesschau? Aber das hätte ich doch mitkriegen müs… Westerwelle tiefbetroffen? Obwohl das Außenministerium und die FDP jahrzehntelang…? Wurde gar nicht thematisiert? Kann sich doch kein Mensch vorstellen, so was! Plinks? Warum sagste das nicht gleich? Her damit! Hallo? HALLO?

Nach einer Zeit legte auch der zweite Teilnehmer des Gesprächs auf, ging an den Computer und schrieb:

Nochmal zurück zum Auswärtigen Amt. Das war 1933 in einer prekären Lage, denn sämtliche westlichen Regierungen reichten ob der Hitlerschen Antisemiten-Paranoia Protest ein. Dieser landete natürlich eben dort, wo er bis jetzt immer seinen adressgenauen Empfänger gefunden hatte. Nun hatten die Diplomaten ein Problem. Superstar Hitler auf der einen, der geschätzte Kollege aus London, Kopenhagen oder Bern auf der anderen Seite. Ohweh, dachte sich der der deutsche Botschafter, und suchte fieberhaft nach einer Lösung. Nach und nach verfiel er bei der Suche in einen regelrechten Findungswahn, und fand heraus, dass die Diskrepanz zwischen beiden Lagern nur in der Tatsache bestehen könne, dass kein Nichtdeutscher je die drängende Problematik des internationalen Finanzjudentuns verstehen könne. Aber, aber, wandte die ein oder anderen Graue Eminenz ein. Warum nutzen wir nicht unsere humanistische, bürgerliche Idealbildung aus, indem wir sie komplett ignorieren? Na? Hätten wir damit nicht alle Fliegen mit einer Klappe geschlagen? Wir können jetzt machen, was wir wollen, und sollte die Sache schiefgehen, einfach behaupten, wir wären zu der Zeit im Urlaub gewesen! Der fiebernde Diplomat nahm diesen Einwurf dankend an, legte ihn dann aber zu den Akten, auf Wiedervorlage. Sein Problem aber blieb, und da bediente sich der Diplomat der Wissenschaft. Er nahm ein Aspirin, um sein Fieber zu senken, und fasste im klaren Kopf den Entschluss, sich der Wissenschaft zu bedienen, um die kulturellen und sprachlichen Barrieren zu seinen Berufsgenossen im Ausland niederzureißen. Sein algebraischer Geist war pharmakologisch abgekühlt, und arbeitete nun umso zuverlässiger. Dies wäre jedoch erfolglos gewesen, hätte sein analytischer Geist nicht ebenfalls in dieser frostigen Märznacht Wache gestanden. Beide trafen sich zu einer kurzen Kippenpause und tauschten Gedanken aus, da ging plötzlich einer der beiden zu Boden. Als der Diplomat morgens erwachte, küsste er seine Frau, und lief schnurstracks ins Amt, wo er die Lösung hinausposaunte. Er versicherte hinterher allen Beteiligten, dass er sie im Traum zuerst sah, klar und rein, wie die neue Bewegung. Kurze Zeit später war das Memorandum fertig und wurde an alle Auslandsvertretungen geschickt. Gespickt mit antikommunistischen Tiraden, die vor allem von Washington goutiert wurden, und, in lässigstem Schillerdeutsch eingeschoben, freigeistig erdachten Statistiken über die hohe Anzahl jüdischer kommunistischer Funktionäre. Die antijüdischen Schriften und Kampagnen müsse man doch vor dem Hintergrund der wachsenden jüdischen Bedrohung sehen, die kein Land so wie Deutschland getroffen habe, war dort zu lesen. Zudem sei die Anzahl der Juden unter Verbrechern und Geisteskranken derart auffällig, dass man fast schon von einer Unanständigkeit sprechen müßte. Das hatte ein findiger Mitarbeiter ebenfalls kurz vorher ersonnen, und es Statistik genannt.

Das Telefon klingelte erneut. Der Schreibende horchte auf, und rollte in seinem Stuhl in die Nähe der Klangquelle.

Hallo? Ja. PLinks? Ja, aber sicher. Nee. Was? Wie morgen? Moment mal, das war aber anders abge… Nein ich arbeite gerade daran! Was weiß ich? Was soll das heißen, zur Not geht auch einer? Ich durchforste schon seit Tagen mein Lesezeichenarchiv. Nein, das ist nicht mit Schlagwörtern versehen. Nein, das habe ich auch nicht vor, und eigentlich würde ich jetzt auch gerne einfach weitermachen! Ja! Tschüß!

Der Telefonierende knallte mit einiger Verve den Telefonhörer zurück auf die Gabel und rollte langsam wieder an den Tisch zurück.

Das Memonrandum wurde gemischt aufgenommen, doch das brauchte den deutschen Diplomaten nicht länger zu stören, denn Hitler begann sein Zerstörungswerk mit ungeheurer Wucht. Innerdeutscher Widerstand wurde aufs schärfste bekämpft, außenpolitisch wurde aufgerüstet. Wozu da noch Diplomatie? Fragten sich einige im Amt. Doch da waren die Würfel schon längst gefallen. Wozu noch Bürgertum im Allesfresser Faschismus? Diese Frage konnte nicht beantwortet werden, so dass sie schließlich zu den Akten gelegt wurde. Die Konzentration gehörte den kommenden Aufgaben, soviel stand fest. Und wenn man sich eh schon in der epistemischen Abschottung befand, konnte man wenigstens noch ein paar mitziehen. Die Franzosen beispielsweise, wo doch Chefdiplomat George Bonnet 1938 noch sehr an der Lösung des Judenproblems sich interessiert gezeigt hatte, denn man müsse ja die Juden nun schließlich auch irgendwohin loswerden. Und zur Not, einer der Geheimpläne des Auswärtigen Amtes, müsse man Thomas Mann ausbürgern, der sich in letzter Zeit gegen den Nationalsozialismus ausgesprochen hatte, und das in einer nun wirklich unangemessen Tonlage, um die Welt von der Richtigkeit des eigenen Handels zu überzeugen. Um die Zeit totzuschlagen gab es Feind- und Widerstandsaufklärung. Wer deckt den letzten lebenden Juden in Weißrussland auf? Kleine Spielchen, kleine Liebschaften, seit jeher göttlicher Nektar, konnten auch unterm Hakenkreuz riskiert werden. Nach ein paar Anpassungen, zugegeben, die aber in ihrer Natur letztlich rein formal gewesen sind, schließlich musste man ’45 ja weitermachen können. Erfolgreich, wie eine 65 Jahre später vorgestellte Studie zeigen sollte. Nils Minkmar in der FAZ:

Verantwortung wurde auf wenige Personen abgeschoben, zugegeben wurde das bloße Minimum, widerständige Gespräche und Gedanken, von denen keine Spuren zu finden waren, wurden behauptet. So wie der deutsche Adel im Laufe der Jahre von einer die Nazis stützenden traditionellen Machtelite zu einem erweiterten Gesamtprojekt hin zum 20. Juli 1944 umgedeutet werden konnte, so gelang es auch den Diplomaten, ihr verbrecherisches Vorleben weitgehend zu tarnen.

Man hatte einfach die alte Wiedervorlage benutzt, die noch irgendwo herumschwamm und nur leichte Rußspuren aufwies. Ein Meisterstück politisch protegierter Elitenkontinuität.

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