Nov 13 2009

Radian

Den Ein­stieg machen sie der Höre­rin nicht leicht auf Chi­me­ric, ihrem neuen Album, das heute erscheint. Das erste Stück, ‚Git Cut Noise‘ beginnt mit dem sum­men­den Feed­back­ge­räusch eines Gitar­ren­ver­stär­kers, zu dem sich schnell ein leicht ver­zerr­tes Schlag­zeug gesellt. Das Cut-up-Prinzip erzeugt einen selt­sa­men Groove bevor es dann rich­tig laut und unan­ge­nehm wird. Schließ­lich setzt ein recht pri­mi­ti­ver, sich um Halb­töne ver­schie­ben­der Bass­lauf ein; der Distortion-Schlussteil erin­nert an man­che Stü­cke von Do Make Say Think. Es ist als woll­ten Radian gleich zu Beginn ihr Gebiet mar­kie­ren und Orts­un­kun­di­gen kei­nen allzu leich­ten Zugang gewähren.

Jenen, die Radian schon län­ger ken­nen, kommt dann doch auch wie­der eini­ges bekannt vor: der urei­gene Schlag­zeug­sound von Mar­tin Brandl­mayer, die Inte­gra­tion von ver­meint­li­chen Stör­ge­räu­schen und Stu­dio­ar­te­fak­ten in den Klang und Rhyth­mus der Stü­cke, die Mischung aus Post­rock, Jazz und Elek­tro­nik, die bis­wei­len klingt als sei sie in einen Häcks­ler geraten.

Radian gibt es seit mitt­ler­weile 13 Jah­ren, die Band grün­dete sich 1996 in Wien, 1998 erschien dann die erste selbst­be­ti­telte EP. Spä­tes­tens seit der zwei­ten groß­ar­ti­gen LP Rec.Extern, die in Chi­cago von John McEn­tire pro­du­ziert und 2002 auf Thrill Jockey ver­öf­fent­licht wurde, sind die Wie­ner in der Nische der Lieb­ha­be­rin­nen avan­cier­ter Musik eine Größe. Durch die Ver­öf­fent­li­chung auf Thrill Jockey ent­stand gleich­zei­tig ein gewis­ser Wahr­neh­mungs­kon­text: Auf die­sem Label hatte die Betrei­be­rin Bet­tina Richards seit Mitte der Neun­zi­ger Jahre die wich­tigs­ten Alben des Chi­ca­goer Post­rock ver­sam­melt und pop­nerd­welt­weit bekannt gemacht (von Tor­toise, The Sea and Cake, Trans Am u.a.). Vor die­ser Folie wirkte Radian gleich­zei­tig wie die logi­sche Fort­set­zung die­ser Musik­rich­tung und deren Über­win­dung: die erste Post-Postrockband gewis­ser­ma­ßen. (Ähnli­ches könnte man, wenn auch aus ganz ande­ren Grün­den, von Pit er pat sagen, von denen auch ein neues Album auf Thrill Jockey ange­kün­digt ist.)

Mit der nächs­ten Platte, Jux­t­a­po­si­tion (2004), haben Radian ihren Aus­nah­me­sta­tus kon­so­li­diert und den eige­nen Sound wei­ter aus­ge­feilt. Gleich­zei­tig rück­ten dann ver­stärkt die Neben­pro­jekte ins Zen­trum der Auf­merk­sam­keit: Tra­pist z.B. mit den bei­den klei­nen Meis­ter­wer­ken High­way my Fri­end (2003) und Ball­room (2004) und dem wie­derum mar­kan­ten Drum­sound Brandl­may­ers oder Ste­fan Nemeths Zweit­pro­jekt Lokai, deren aktu­el­les Album Tran­si­tion gerade erschie­nen ist. (Es gibt ein hüb­sches Video zu einem ihrer Stücke.)

Chi­me­ric, Radi­ans erste Platte seit fünf Jah­ren hat gegen­über dem eige­nen Koor­di­na­ten­sys­tem einige vek­to­riale Ver­schie­bun­gen vor­ge­nom­men. Die Stü­cke sind deut­lich län­ger gewor­den, sie klin­gen weni­ger hete­ro­gen, zer­ris­se­ner, wie aus ver­schie­de­nen Ver­satz­stü­cken zusam­men­ge­schraubt. Ein beab­sich­tig­ter Effekt, wie die Band selbst zu Pro­to­koll gibt:

Chi­me­ric is not a polis­hed album. Wit­hin our con­text it is raw, bro­ken, even dark some­ti­mes. Steady, mul­ti­ple rhythms, laye­red on top of each other disap­pear into chaos and turn back into dis­creet struc­tures in the next moment. […] Some of the lon­ger pie­ces are com­po­sed of very dif­fe­rent parts and dif­fe­rent colours along a con­ti­nuous time­line. They tend to evolve in a nar­ra­tive form and are moving through various sce­nes and sur­roun­dings, which is also pre­sent in the spa­cial rela­ti­onship bet­ween the instruments.

Nicht immer will alles zusam­men­kom­men, man­cher Klang, man­ches Instru­ment steht eher unver­mit­telt neben dem nächs­ten. Gleich­zei­tig gibt es aber auch Stü­cke, bei denen sich aus dem mikro­struk­tu­rel­len Klang­chaos rich­tige Hym­nen her­aus­schä­len wie z.B. beim zwei­ten Track ‚Feedbackmikro/Citylights‘. Auf ein­mal sind eine cleane Gitarre aus­zu­ma­chen, ein Vibra­phon und natür­lich der ein­ma­lige kom­plexe Groove Brandl­may­ers. Jede neu hin­zu­kom­men­den Schicht wirkt eupho­rie­stei­gernd. Und ‚Sub­co­lors‘ zeigt Radian schließ­lich von der ver­söhn­li­chen Seite: das letzte Stück von Chi­me­ric als warm wel­come zum Noch­mal– und Immerwiederhören.

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