Feb 20 2009

short rant

Das von mir sehr geschätzte Feuille­ton der FAZ erbricht ab und an ein wenig struk­tur­kon­ser­va­tive Galle, in Form nutz­lo­ser Inter­views mit soge­nann­ten „Netz­kri­ti­kern“ wie And­rew Keen. Wobei der Inter­viewer gar nicht mal schlecht ist, son­dern ledig­lich an der strutz­doo­fen Arro­ganz sei­nes Gegen­übers schei­tert, und dazu noch macht­los mit anse­hen muss, wie die FAZ, unschul­dig neben dem Text pla­ziert, ihren angeb­li­chen Hin­ter­grund „Macht das Inter­net dumm?“ feilbietet.

Doch zurück zu And­rew Keen und sei­nem Buch „Stunde der Stüm­per“, von der FAZ als „Inter­net­kri­tik“ beschrie­ben (was auch immer man sich dar­un­ter vor­stel­len mag). Wenn das, was in die­sem Werk steht, kon­gru­ent mit sei­nen Argu­men­ten Wor­ten im Inter­view ist, sollte man sowohl den ame­ri­ka­ni­schen, als auch den deut­schen Ver­lag dafür ver­ach­ten. Auf­ge­passt, es geht los:

Ja, und die Lage ist erns­ter als je zuvor. Wir könn­ten bald Zeuge einer dra­ma­ti­schen Ent­wick­lung wer­den. Eta­blierte Zei­tun­gen wer­den ver­schwin­den. […] Auch die Lite­ra­tur­in­dus­trie steht vor einer rie­si­gen Her­aus­for­de­rung durch die Inter­net­kul­tur. Für die Ära der Mas­sen­un­ter­hal­tung, für Hol­ly­wood, könnte sie gar das Ende bedeuten.

So sieht wohl der aller­bil­ligste Alar­mis­mus aus. Zei­tun­gen ver­schwin­den, auch noch soge­nannte Eta­blierte. Der Springer-Verlag hat ein paar davon, dass wäre auch gar nicht so schlimm, ver­schwän­den diese; doch abge­se­hen davon, dru­cken min­des­tens 90% der deut­schen Zei­tun­gen eh nur den ewig glei­chen kapi­ta­lis­ti­schen Ein­heits­brei. Wen kann es da eigent­lich noch wun­dern, dass die Men­schen sich andere Infor­ma­ti­ons­quel­len suchen, die zudem noch den Vor­teil auf­wei­sen, dass sie weder wer­be­ver­müllt, noch gewinn­ori­en­tiert sind. Und auf die Idio­tie, dass das Inter­net das Ende der Mas­sen­un­ter­hal­tung ist, muss man erst mal kom­men, denn jeder halb­wegs geis­tig gesunde Mensch würde ver­mu­ten, dass das Inter­net Mas­sen­un­ter­hal­tung in Rein­kul­tur ist. Nächste Runde.

Die bedrohte Kul­tur, von der ich rede, ist jene Kul­tur, die wir den Schrift­stel­lern, Fil­me­ma­chern, Musi­kern und Jour­na­lis­ten ver­dan­ken. Natür­lich wird es immer krea­ti­ves Arbei­ten geben. Aber in wel­cher pro­fes­sio­nel­len Form und in wel­cher bestän­di­gen Qua­li­tät, das ist die Frage.

Natür­lich äußert der Cré­tin keine eigene Kul­tur­vor­stel­lung. Er lädt die­sen gan­zen Kom­plex bei denen ab, die sei­ner Mei­nung nach etwas damit zu haben soll­ten, damit er unge­stört rau­nen und schwa­dro­nie­ren kann. Die kul­tu­relle Leis­tung der „Inter­net­kul­tur“ ist sei­ner Mei­nung nach in ihrem Wesen eine min­der­wer­tige. Nunja, da er sich selbst aus­gie­big mit die­sem Thema beschäf­tigt hat, schießt er sich mit solch arm­se­li­ger Argu­men­ta­tion Behaup­tung wohl ein klas­si­sches Eigen­tor. Keine Sorge, es wird noch unterirdischer:

Was mir vor­erst Sor­gen berei­tet, ist die Demo­kra­ti­sie­rung der Kul­tur, die Ama­teu­ri­sie­rung der Kul­tur. Zum einen hat der von Ama­teu­ren ins Netz gestellte Inhalt per Defi­ni­tion nicht die Qua­li­tät des­sen, was Pro­fis machen. Dafür fehlt ihnen meis­tens die Aus­bil­dung, die Pra­xis und die Zeit. Zum ande­ren ent­zieht all das – die Gratis-Kultur und die des Raub­ko­pie­rens inbe­grif­fen – dem Spe­zia­lis­ten­tum die wirt­schaft­li­che Grund­lage, zumal es schwer ist, geis­ti­ges Eigen­tum im Inter­net zu schützen.

Die Demo­kra­ti­sie­rung der Kul­tur, soso. Viel­leicht soll­ten wir doch wie­der den Mön­chen die Ent­schei­dung über­las­sen, wel­che Bücher erschei­nen, und wel­che nicht. Meine Güte, dass sich ein Kind der US-amerikanischen Vul­gär­kul­tur über die Demo­kra­ti­sie­rung der Kul­tur erregt, hab ich in einer sol­chen, an Debi­li­tät nicht zu über­bie­ten­den, Form auch noch nicht erlebt, und es ehr­lich gesagt auch nicht für mög­lich gehal­ten.
Und Pro­fes­sio­nelle sind nicht durch die Qua­li­tät ihrer Arbeit, Aus­bil­dung, Pra­xis oder Zeit defi­niert, son­dern durch ihre Bezie­hung zur Bezah­lung. Zumal ja genau das eine genuine Eigen­schaft des Inter­nets ist, dass es sol­che Gren­zen gar nicht kennt. Was den Spe­zia­lis­ten Keen nicht wei­ter stört, denn mit Gegen­wind kennt er sich bes­tens aus:

Die Uto­pis­ten waren regel­recht erschro­cken, dass ich ihre ideo­lo­gi­sche, ja ortho­doxe Hal­tung kri­ti­sierte. […] Sie atta­ckier­ten mich scharf, als wäre ich der Antichrist.

Fun­da­men­ta­lis­ten sind seine Geg­ner, und gegen diese Bur­schen muss man alle Waf­fen zie­hen, und seien es noch so stumpfe ad-hominem Ver­su­che, die, btw., in den Dreh­bü­chern der bil­ligs­ten Sei­fen­opern pro­blem­los einen Platz fin­den dürf­ten. Aber das scheint als Feind­bild noch ein wenig dürf­tig, da fehlt noch das gewisse Etwas.

Im Inter­net kön­nen wir beob­ach­ten, was wir auch an den Finanz­märk­ten in den ver­gan­ge­nen Mona­ten beob­ach­ten konnten.

Jaharrr pwn! So wird der Bra­ten doch erst fett! Zuerst nicht die rich­ti­gen Schlüsse zie­hen, sich dann für die Ver­leum­dung ent­schei­den, wäh­rend man gleich­zei­tig so tut, als hätte man sich ernst­hafte Gedan­ken gemacht, die sich doch nur als äußerst hohle Ver­kaufs­ar­gu­mente für das eigene, sub­stanz­lose und wenig struk­tu­rierte Buch ent­pup­pen; das ist die Kul­tur der Schrift­stel­ler, Fil­me­ma­cher, Musi­ker und Jour­na­lis­ten wahr­haft Doofen.

Es gibt viele Leute, die eine Wis­sens­ge­sell­schaft pro­phe­zeien. Der Groß­teil des soge­nann­ten „Wis­sens“ im Inter­net aber ist banal und wenig ver­läss­lich. Ich hoffe sehr, dass die „know­ledge eco­nomy“ die Exper­ten sucht – das wäre dann das Web der Gene­ra­tion 3.0. Garan­tien dafür aber gibt es nicht.

Soll man lachen oder wei­nen? Soll man das Penna-Modell des bio­lo­gi­schen Alterns ent­ge­gen­hal­ten, soll man die Public Library of Sci­ence oder Bio­Med Cen­tral erwäh­nen, um genü­gend Exper­ten bei­sam­men zu haben? Es wird nicht rei­chen, denn And­rew Keen ist Experte sei­ner selbst für das Web und die „bedrohte Kul­tur“, für Gesell­schafts­ana­lyse und Wirt­schafts­ana­lyse. Obwohl: Da ist Jean Zieg­ler aber bes­ser geeignet:

Die Kapi­tal­herr­schaft, die Herr­schaft des Finanz­ka­pi­tals über das wirt­schaft­li­che Gesche­hen der Welt ist fast total. Und diese Olig­ar­chien haben eine Macht, ich will Sie nicht mit Zah­len lang­wei­len, haben eine Macht, wie es sie nie ein König, nie ein Kai­ser, nie ein Papst in der Geschichte der Mensch­heit gehabt hat.

Aber soweit hat And­rew Keen noch nie gedacht, wes­we­gen er sich auch nicht groß zu belas­ten scheint. Hätte man sich auch den­ken können.

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