short rant

Das von mir sehr geschätzte Feuilleton der FAZ erbricht ab und an ein wenig strukturkonservative Galle, in Form nutzloser Interviews mit sogenannten “Netzkritikern” wie Andrew Keen. Wobei der Interviewer gar nicht mal schlecht ist, sondern lediglich an der strutzdoofen Arroganz seines Gegenübers scheitert, und dazu noch machtlos mit ansehen muss, wie die FAZ, unschuldig neben dem Text plaziert, ihren angeblichen Hintergrund “Macht das Internet dumm?” feilbietet.

Doch zurück zu Andrew Keen und seinem Buch “Stunde der Stümper”, von der FAZ als “Internetkritik” beschrieben (was auch immer man sich darunter vorstellen mag). Wenn das, was in diesem Werk steht, kongruent mit seinen Argumenten Worten im Interview ist, sollte man sowohl den amerikanischen, als auch den deutschen Verlag dafür verachten. Aufgepasst, es geht los:

Ja, und die Lage ist ernster als je zuvor. Wir könnten bald Zeuge einer dramatischen Entwicklung werden. Etablierte Zeitungen werden verschwinden. […] Auch die Literaturindustrie steht vor einer riesigen Herausforderung durch die Internetkultur. Für die Ära der Massenunterhaltung, für Hollywood, könnte sie gar das Ende bedeuten.

So sieht wohl der allerbilligste Alarmismus aus. Zeitungen verschwinden, auch noch sogenannte Etablierte. Der Springer-Verlag hat ein paar davon, dass wäre auch gar nicht so schlimm, verschwänden diese; doch abgesehen davon, drucken mindestens 90% der deutschen Zeitungen eh nur den ewig gleichen kapitalistischen Einheitsbrei. Wen kann es da eigentlich noch wundern, dass die Menschen sich andere Informationsquellen suchen, die zudem noch den Vorteil aufweisen, dass sie weder werbevermüllt, noch gewinnorientiert sind. Und auf die Idiotie, dass das Internet das Ende der Massenunterhaltung ist, muss man erst mal kommen, denn jeder halbwegs geistig gesunde Mensch würde vermuten, dass das Internet Massenunterhaltung in Reinkultur ist. Nächste Runde.

Die bedrohte Kultur, von der ich rede, ist jene Kultur, die wir den Schriftstellern, Filmemachern, Musikern und Journalisten verdanken. Natürlich wird es immer kreatives Arbeiten geben. Aber in welcher professionellen Form und in welcher beständigen Qualität, das ist die Frage.

Natürlich äußert der Crétin keine eigene Kulturvorstellung. Er lädt diesen ganzen Komplex bei denen ab, die seiner Meinung nach etwas damit zu haben sollten, damit er ungestört raunen und schwadronieren kann. Die kulturelle Leistung der “Internetkultur” ist seiner Meinung nach in ihrem Wesen eine minderwertige. Nunja, da er sich selbst ausgiebig mit diesem Thema beschäftigt hat, schießt er sich mit solch armseliger Argumentation Behauptung wohl ein klassisches Eigentor. Keine Sorge, es wird noch unterirdischer:

Was mir vorerst Sorgen bereitet, ist die Demokratisierung der Kultur, die Amateurisierung der Kultur. Zum einen hat der von Amateuren ins Netz gestellte Inhalt per Definition nicht die Qualität dessen, was Profis machen. Dafür fehlt ihnen meistens die Ausbildung, die Praxis und die Zeit. Zum anderen entzieht all das – die Gratis-Kultur und die des Raubkopierens inbegriffen – dem Spezialistentum die wirtschaftliche Grundlage, zumal es schwer ist, geistiges Eigentum im Internet zu schützen.

Die Demokratisierung der Kultur, soso. Vielleicht sollten wir doch wieder den Mönchen die Entscheidung überlassen, welche Bücher erscheinen, und welche nicht. Meine Güte, dass sich ein Kind der US-amerikanischen Vulgärkultur über die Demokratisierung der Kultur erregt, hab ich in einer solchen an Debilität nicht zu überbietenden Form auch noch nicht erlebt, und es ehrlich gesagt auch nicht für möglich gehalten.
Und Professionelle sind nicht durch die Qualität ihrer Arbeit, Ausbildung, Praxis oder Zeit definiert, sondern durch ihre Beziehung zur Bezahlung. Zumal ja genau das eine genuine Eigenschaft des Internets ist, dass es solche Grenzen gar nicht kennt. Was den Spezialisten Keen nicht weiter stört, denn mit Gegenwind kennt er sich bestens aus:

Die Utopisten waren regelrecht erschrocken, dass ich ihre ideologische, ja orthodoxe Haltung kritisierte. […] Sie attackierten mich scharf, als wäre ich der Antichrist.

Fundamentalisten sind seine Gegner, und gegen diese Burschen muss man alle Waffen ziehen, und seien es noch so stumpfe ad-hominem Versuche, die, btw., in den Drehbüchern der billigsten Seifenopern problemlos einen Platz finden dürften. Aber das scheint als Feindbild noch ein wenig dürftig, da fehlt noch das gewisse Etwas.

Im Internet können wir beobachten, was wir auch an den Finanzmärkten in den vergangenen Monaten beobachten konnten.

Jaharrr pwn! So wird der Braten doch erst fett! Zuerst nicht die richtigen Schlüsse ziehen, sich dann für die Verleumdung entscheiden, während man gleichzeitig so tut, als hätte man sich ernsthafte Gedanken gemacht, die sich doch nur als äußerst hohle Verkaufsargumente für das eigene, substanzlose und wenig strukturierte Buch entpuppen; das ist die Kultur der Schriftsteller, Filmemacher, Musiker und Journalisten wahrhaft Doofen.

Es gibt viele Leute, die eine Wissensgesellschaft prophezeien. Der Großteil des sogenannten „Wissens“ im Internet aber ist banal und wenig verlässlich. Ich hoffe sehr, dass die „knowledge economy“ die Experten sucht – das wäre dann das Web der Generation 3.0. Garantien dafür aber gibt es nicht.

Soll man lachen oder weinen? Soll man das Penna-Modell des biologischen Alterns entgegenhalten, soll man die Public Library of Science oder BioMed Central erwähnen, um genügend Experten beisammen zu haben? Es wird nicht reichen, denn Andrew Keen ist Experte seiner selbst für das Web und die “bedrohte Kultur”, für Gesellschaftsanalyse und Wirtschaftsanalyse. Obwohl: Da ist Jean Ziegler aber besser geeignet:

Die Kapitalherrschaft, die Herrschaft des Finanzkapitals über das wirtschaftliche Geschehen der Welt ist fast total. Und diese Oligarchien haben eine Macht, ich will Sie nicht mit Zahlen langweilen, haben eine Macht, wie es sie nie ein König, nie ein Kaiser, nie ein Papst in der Geschichte der Menschheit gehabt hat.

Aber soweit hat Andrew Keen noch nie gedacht, weswegen er sich auch nicht groß zu belasten scheint. Hätte man sich auch denken können.

Eine Meinung zu “short rant

  1. avatar

    […] Kontext, den wir den von uns gekauften Abgeordneten diktieren. Nun gut, wenn die MI Kausalität erfindet, können die Verleger auch ein Grundrecht erfinden, und evtl. mit massenhaft gekaufter PR […]

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