Tucholsky zur Bundestagswahl

Eines aber möcht­en wir in abse­hbar­er Zeit gewiß nicht hören: das jam­mer­volle Geächz der aus der Regierung her­aus­ge­wor­fe­nen Sozialdemokrat­en, weil man sie dann grade so behan­deln wird, wie sie heute den Reak­tionären helfen, die Arbeit­er zu behan­deln.

Eines Tages wird es soweit sein. Die furcht­bare Dro­hung, sich nun­mehr bald an die frische Luft zu ver­fü­gen, wird von der Partei wahrgemacht wer­den, wahrschein­lich eine halbe Minute, bevor man sie auch in aller Förm­lichkeit bit­ten wird, den Tem­pel zu räu­men. Und dann wird sich die Führung besin­nen: Jet­zt sind wir in der Oppo­si­tion. Mit einem großen O. Wie macht man das doch gle­ich…?

Da wer­den sie dann die Mot­tenkisten auf­machen, in denen -ach, ist das lange her! — die guten, alten Rev­o­lu­tion­s­jack­en mod­ern, so lange nicht getra­gen, so lange nicht gebraucht! Wer­den ihn en zu eng gewor­den sein. Und dann frisch als San­scu­lot­ten mask­iert, vor auf die Szene. „Die Partei protestiert auf das nach­drück­lich­ste gegen die Gewalt­maß­nah­men…” Herunter! Abtreten! Faule Äpfel! Schluß! Schluß!

Die wer­den sich wun­dern. Und sie wer­den keinen schö­nen Anblick bieten. Denn nichts ist schreck­lich­er als eine zu jedem Kom­pro­miß bere­ite Partei, die plöt­zlich Unnachgiebigkeit markieren soll. Mil­lio­nen ihrer Anhänger sind das gar nicht mehr gewöh­nt; die Gew­erkschafts­bürokratie auch nicht, für die uns allerd­ings nicht bange ist: es find­et sich da immer noch ein Unterkom­men. Wären die Stahlhelm-Indus­triellen nicht so maß­los unin­tel­li­gent — sie kön­nten sich das Leben mit denen da schon heute wesentlich leichter machen. Sie wer­den es sich leicht machen.

Alles gut und schön. Aber erzähl uns ja nichts von: Recht auf die Straße; Polizei­willkür; Ver­fas­sung; Frei­heit… erzählt son­st alles, was ihr lustig seid. Aber dieses eine jemals wieder zu sagen -: das habt ihr ver­scherzt.

via Kri­tik und Kun­st

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