Lyrischer Adventskalender 10 — Bernhard

Kein Baum Eine Ursache für John Donne Kein Baum wird dich ver­stehn, kein Wald, kein Fluß, kein Frost, nicht Eis, nicht Schnee, kein Win­ter, Du, kein Ich, Kein Sturmwind auf der Höh, kein Grab, nicht Ost, nicht West, kein Weinen, weh – kein Baum… (Thomas Bern­hard, 1963, Gesam­melte Gedichte, Suhrkamp 1991)

Lyrischer Adventskalender 9 — Lavant

Die Bet­tler­schale Horch! das ist die leere Bet­tler­schale, halb aus Lehm noch, aber halb schon Stein und sie trom­melt dir bei jedem Male Hunger­lieder zwis­chen Brot und Wein. Blick nicht weg und stelle dich nicht taub! Deine Zehen zuck­en längst schon lüstern, eigen­mächtig tanzt in deinen Nüstern Bet­tler-Hochmut und ver­schmähter Raub. Brich nur weit­er das gelobte Brot! Es ist durch und durch schon angesäuert von dem …

Lyrischer Adventskalender 8 — Bachmann

Die große Fracht Die große Fracht des Som­mers ist ver­laden, das Son­nen­schiff im Hafen liegt bere­it, wenn hin­ter dir die Möwe stürzt und schre­it. Die große Fracht des Som­mers ist ver­laden. Das Son­nen­schiff im Hafen liegt bere­it, und auf die Lip­pen der Galions­fig­uren tritt unver­hüllt das Lächeln der Lemuren. Das Son­nen­schiff im Hafen liegt bere­it. Wenn hin­ter dir die Möwe stürzt und schre­it, kommt aus …

Lyrischer Adventskalender 7 — Eich

Inven­tur Dies ist meine Mütze, mein Man­tel, hier mein Rasierzeug im Beu­tel aus Leinen. Kon­ser­ven­büchse: mein Teller, mein Bech­er, ich hab in das Weißblech den Namen ger­itzt. Ger­itzt hier mit diesem kost­baren Nagel, den vor begehrlichen Augen ich berge. Im Brot­beu­tel sind ein Paar wol­lene Sock­en und einiges, was ich nie­mand ver­rate, so dient es als Kissen nachts meinem Kopf. Die Pappe hier liegt zwis­chen mir und der Erde. Die Bleis­tift­mine lieb ich am meis­ten: Tags schreibt sie …

Lyrischer Adventskalender 6 — Langgässer

Daphne Du siehst, wo sich der Wald­hang weit­et, Die Espe zit­ternd nieder­wehn, Dem Brand des Him­mels hinge­bre­it­et, Von Gras und Habicht­skraut begleit­et, Die ärm­lich in den Win­ter gehn. Doch auch das Dunkel ein­er Mauer, Wenn sie am Saum der Städte lebt, Berührt oft ihrer Kro­ne Schauer, An dem du dieser Zeit­en Trauer Ermiss­est, da sie grund­los bebt. Sie wurzelt müh­sam im Gerölle, Das sie ver­fol­gt, indem es …